BERLIN: TERRASSENHAUS FÖRDERT KOLLEKTIVES WOHNEN

Auf einem ehemaligen Schrottplatz in Wedding wird ein Zeichen gegen den Wohnungsmangel und die steigenden Immobilienpreise sowie Baukosten in Berlin gesetzt: Dort entsteht ein fünfstöckiges Terrassenhaus aus Beton, das zur gemischten Nutzung konzipiert ist. Entworfen haben es Brandlhuber + Emde sowie Muck Petzet Architekten, die dabei ein besonderes Augenmerk auf das kollektive Wohnen gelegt haben. Über zwei große Treppenhäuser werden die Etagen des Betonbaus miteinander verbunden, der Wohnungen und Galerieräume beherbergt. Das Besondere: Alle Bewohner sind über eine öffentlich zugängliche Dachterrasse miteinander verbunden.

Die Architekten hatten den Eindruck, dass viele Bauvorhaben aufgrund der aktuell hohen Baukosten zulasten des sozialen Raums arbeiteten, da sie sich oft durch kleinere und weniger gemeinschaftliche, dafür aber wirtschaftlichere Aspekte auszeichnen. Die Architekten wollten deshalb bewusst den Spieß umdrehen und den „wirtschaftlichen Nutzen für den kollektiven Raum austauschen“.

Die großen Außenterrassen bieten den Bewohnern sowie Galeristen einen optimalen Lichteinfall. Ein Bebauungsplan von 1958 ermöglicht den Bau von Geschäftshäusern mit bis zu fünf Stockwerken, sodass die Architekten ein größeres Projekt als ursprünglich gedacht planen konnten.

Obwohl es den Standards eines Geschäftshauses entspricht, legt es doch den Fokus auf die Möglichkeit, Wohnen und Arbeiten direkt an einem Ort zu verbinden und bestehende Normen zu hinterfragen. Den gewünschten Rückzug und Ausgleich von ihrem Arbeits- und Wohnplatz können die Bewohner dann auf der großen Dachterrasse finden. Dazu ist ein sukzessives Zurücktreten jedes Stockwerks nötig – die Architekten mussten sich dabei zugleich mit Fragen der notwendigen Privatsphäre befassen. Das Ergebnis zeigt Terrassen mit enormer Tiefe, die Distanz und Privatsphäre gewähren, zugleich aber auch durch die Außentreppen zum Gemeinschaftsgarten den öffentlichen Raum fördern – Begegnungen jeglicher Art werden so geschaffen.

Die Außenwände und das Grundgerüst der Wohnungen wurden in Beton gebaut. Die mit Sperrholz verkleideten Innenräume wurden extra offen und einfach gehalten, damit die Bewohner je nach Geschmack weitere Trennwände hinzufügen können. An der südlichen und nördlichen Seite jeder Einheit tritt durch Bodenplatten Licht ein, die anderen Seiten stellen fensterlose Betonwände dar, um den Stil des Baus beizubehalten. Jedes Stockwerk kann seine Türen komplett zur Terrasse hin öffnen, ansonsten können sich die Bewohner durch silberne Vorhänge vor den Blicken von außen abschirmen. Die Stufenfassaden bieten eine innovative Möglichkeit, um Außenräume für Bewohner und Öffentlichkeit zugleich zu schaffen.

Die Studios wollen mit dem Terrassenhaus ein neues Gebäudemodell für den urbanen Kontext einläuten. Das Projekt war unter den fünf Finalisten des Preises der EU für zeitgenössische Architektur und wurde mit dem Mies van der Rohe Preis 2019 ausgezeichnet, da es nicht den wirtschaftlichen Nutzen des Gebäudes, sondern vor allem den Kollektivismus fördern will.
Im Iran sowie in Vietnam gibt es schon ähnliche solcher Projekte, die Ausstellungs- mit Wohnräumen über Terrassen miteinander kombinieren.

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Fotos © Erica Overmeer

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