START OVER – MICROCARS – VIER RÄDER, LENKRAD, POSITIVE KLIMABILANZ

© Citroën

Die Durchschnittslänge eines in Deutschland zugelassenen Pkw betrug im Jahr 2020 etwa viereinhalb Meter und unterliegt damit einer konstanten Steigerung. Das beliebteste Automobil der Deutschen, der VW Golf, der bei Markteinführung noch 3,8 m maß und in der neuesten Ausführung ganze 4,3 m verbucht, steht sinnbildlich für diese Entwicklung. Kombiniert mit den weiterhin steigenden Zulassungszahlen drängt sich folgende Schlussfolgerung auf: Es wird immer enger auf den Straßen. Um trotz des Aufstiegs unmotorisierter Fortbewegungsarten nicht an Boden zu verlieren, wird die Automobilbranche zusehends kreativer und entwickelt vermehrt Kleinstfahrzeuge, die an frühere Modelle erinnern. Zusammengefasst werden diese neuen, digitalisierten und auf Nachhaltigkeit zielenden Vehikel unter dem Begriff „Microcars“.

Der Innovationsgeist, der dem Konzept innewohnt, wirkt vor allem in der heutigen Mobilitätslandschaft erfrischend. Tatsächlich wurden in Deutschland und dem Vereinigten Königreich aber bereits unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg erste Microcars gebaut, die sich bis in die 1960er-Jahre hinein großer Popularität erfreuten. Sie erwuchsen aus der Beliebtheit des Motorrads, das aber mangels Regenschutz nicht für jeden Anlass geeignet war. Aus diesem Grund wurden anfangs häufig Zweiradmotoren verbaut – und es reichte meist ein entsprechender Führerschein. Der niedrigere Benzinverbrauch sättigte zudem das Bedürfnis nach günstiger Mobilität. Kultstatus erlangte vor allem in Deutschland der BMW Isetta, der als kugelförmiges Dreirad auftrat und sich dort zum Ein- und Ausstieg öffnete, wo heutzutage der Motor verbaut ist. Mit einer Länge von 2,29 m war er weit kürzer als der erste Smart. Ironischerweise war es ausgerechnet der erste Mini, der die Beliebtheit von Microcars abreißen ließ; deklariert als „people’s car“ bot er mehr Platz und Leistung, war dabei aber kaum teurer in Anschaffung und Betrieb. Bis heute wurde kein britischer Pkw häufiger verkauft.

Elektrisch und kompakt unterwegs

Nachdem die Automobile immer länger wurden, stellte Renault im Jahr 2011 den Twizy vor, der sich mit nur etwas mehr als zwei Metern Länge und seriellem Elektroantrieb nachhaltig und platzsparend durch die Stadt bewegt. Dabei erreicht er in der schwächsten Ausstattung 45 km/h und ist in der stärksten sogar für die Autobahn zugelassen. Nachdem der kleine Renault lange das einzige Microcar auf deutschen Straßen war, kommt nun von vielen Seiten Verstärkung. 2020 brachte Citroën den kleinen Ami auf den Markt, der als „leichtes Vierradmobil“ zugelassen wird und demnach ebenfalls keinen Führerschein der Klasse B benötigt. Auch hier ist der Antrieb rein batterieelektrisch, die Länge ähnelt der des Twizy.

Dem gleichen Werk wird ab Herbst 2021 der beinahe baugleiche Opel Rocks-E (gesprochen: roxy) entspringen, der ebenfalls unter die Kategorie der Leichtkraftfahrzeuge fällt. Mit einer Länge von 2,4 m und einem Wendekreis von etwa sieben Metern ist der Rocks-E das, was man unter einem „Stadtflitzer“ versteht; Opel definiert mit dem Modell die neue Fahrzeugklasse der SUMs, kurz für Sustainable Urban Mobility. Innerhalb von nur dreieinhalb Stunden soll er vollständig aufgeladen sein – an einer normalen Haushaltssteckdose. Gerade in Innenstadtquartieren, in denen die Installation von Wallboxen schwierig ist, kann diese Flexibilität neue Möglichkeiten eröffnen.

Auch der kultige Isetta bekommt im Zuge des Aufschwungs der Microcars ein Makeover; zumindest, was Optik und Aufbau anbelangt. Der schweizerische E-Scooter-Hersteller micro wird aller Voraussicht nach noch in diesem Jahr den microlino auf den Markt bringen, der mit einer Höchstgeschwindigkeit von 90 km/h und einer Reichweite von etwa 200 km nicht nur für den Stadtverkehr, sondern auch für längere Strecken konzipiert ist. Auch hier wird ein schnelles Aufladen an 230 Volt versprochen, der Einstiegspreis soll bei 12.500 € liegen. Das Werbeversprechen: Für zwei Erwachsene und drei Getränkekisten biete der microlino ausreichend Platz. In die gleiche Kerbe schlägt der per 3D-Druck produzierte YOYO von XEV, der einerseits zügig aufgeladen werden kann und andererseits durch ein Batterietauschsystem möglichst schnelles Weiterkommen auch auf langen Strecken ermöglichen soll.

Die Platznot im urbanen Straßenraum regt eine Rückbesinnung auf längst vergessen geglaubte Automobilformate an, der sich immer mehr nationale und internationale Hersteller anschließen. Ob sie sich durchsetzen werden, ist noch nicht vorauszusehen – allerdings war es das auch vor 80 Jahren nicht. Dass sich die kleinen Vehikel stets großer Beliebtheit erfreuten, gibt Grund zum Optimismus.

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