VON STADTLUST UND LANDFLUCHT

Herr Professor Bätzing, wodurch unterscheiden sich eigentlich ländliche von urbanen Räumen? Und welche Rolle speieln Distanzen dabei?

Der zentrale Unterschied ist die Bevölkerungsdichte: In der Stadt wohnen viele Menschen auf engem Raum zusammen, das Land ist geprägt durch viele kleine Siedlungen, die weiter voneinander entfernt liegen. Damit sind viele andere Unterschiede verbunden, die man positiv (städtische Dichte als attraktiv, Land als naturnah) oder negativ (Stadt als anonym, Land als soziale Kontrolle) sehen kann.

Wie sieht das Leben auf dem Land aus Sicht eines Städters aus?

Aus städtischer Perspektive wird das Dorf oftmals als defizitär betrachtet. Dem Dorf mangelt es an gut ausgebauter Infrastruktur, an Arbeitsplätzen; die Einkommen sind geringer und die soziale Kontrolle ausgeprägter.

Und wie erklären Sie sich dann das idealisierte Bild des Städters vom idyllischen Dorf und die neue „Landlust“, die häufig  die Vorteile von Entschleunigung und Vereinfachung des Lebens in den Mittelpunkt rückt?

Das Interessante daran ist, dass dieses Bild zwar sehr alt ist und bis zu den alten Römern zurückreicht („locus amoenus“), dass es aber nur in bestimmten Krisenzeiten aktiviert wird. Die Zeit von 1880 bis 1914, als die Industrialisierung Deutschland fundamental veränderte, war eine solche Zeit, und genau damals entstand der Heimat- und Naturschutz. Und die heutige „Landlust-Bewegung“, die um das Jahr 2005 herum entsteht, ist für mich eine direkte Reaktion auf die ungezügelte Globalisierung. Diese Bewegung ist für mich im Grunde genommen ein reines Kopfphänomen von Städtern, was mit der Realität nichts zu tun hat – ein Wunschbild von Städtern, die nicht auf dem Land leben und die ihr Idealbild einer schönen Welt auf das Land projizieren

Führt dies dazu, dass der ländliche Raum wieder stärker besiedelt wird?

Nein. Der ländliche Raum wird nicht durch Leute aus der Stadt aufgewertet. Das betrifft lediglich die Speckgürtel, die immer größer werden. München, Berlin, Hamburg und das Ruhrgebiet weisen dabei die größten Speckgürtel auf. Zusätzlich haben wir auf der Achse vom Ruhrgebiet in Richtung Frankfurt und Oberrheingraben großflächig verstädtere Räume. Das hat allerdings wenig mit „Landlust“ zu tun.

Sieverts bezeichnet diese Entwicklung als „Zwischenstadt“. Welche Folgen hat diese Entwicklung für den ländlichen Raum?

Die Folgen betreffen das Land und die Stadt. Unsere Innenstädte werden durch die Spezialisierung als Einkaufs- oder Tourismuszentren entwertet. Die ursprüngliche Funktionsvielfalt geht verloren. Früher galten Städte als Lebens-, Wirtschafts-, Erholungs- und Verwaltungsräume. Heute beansprucht jede Nutzung eine einzelne Fläche außerhalb der Kernstädte, die nun ebenfalls nur monofunktional genutzt wird: Hier ein Gewerbegebiet, daneben Reihenhaussiedlungen und Wohnkomplexe dort Verkehrsflächen, dazwischen Biotope mit Naturschutzfunktionen, Reiterhöfe oder Freizeiteinrichtungen. Resultat: Die verschiedenen Flächen müssen mit wahnsinnig viel Verkehr verbunden werden, weil unser Leben eben nicht monofunktional ist, sondern multifunktional bleibt. Das hohe Verkehrsaufkommen führt wiederum zur Entwertung der Flächen. Die Gefahr ist, dass das Land lediglich nur noch ein Ergänzungsraum wird und langfristig – auch aufgrund neuer landwirtschaftlicher Technologien – nicht mal mehr für die landwirtschaftliche Produktion gebraucht wird. Ganz provokativ gesprochen, wird der ländliche Raum dadurch zu einem Restraum, den die Bundesregierung für „sperrige Infrastrukturen“ nutzt, sprich für  Atommüllendlager, riesige Mülldeponien etc. Eben für jene Funktionen, die im Umkreis der Städte keinen Platz mehr finden.

Wie betrifft die Entwicklung der Zwischenstädte, das Leben auf dem Land ganz konkret?

Auf dem Land haben wir eine analoge Entwicklung wie im Fall der Zwischenstadt. Ich bezeichne sie daher auch gerne als „Zwischenland“. Auch auf dem Land beobachten wir, dass die Nutzungsmischung aufgehoben wird und die Vielfalt der Funktionen verloren geht. Hier greift jedoch nicht Sieverts Begriff der „Zwischenstadt“, da diese in ihrem Kern immer eine gewisse Dichte voraussetzt, welche auf dem Land nicht existiert. Die Entwicklungen sind jedoch die gleichen: Viele Dörfer sind nur noch zum Schlafen; Schulen gibt es in Schulzentren; am Rande der Dörfer und weit weg vom Dorfkern gibt es Einkaufszentren; Freizeitflächen finden sich in größerer Entfernung vom Dorf – von den Arbeitsplätzen ganz zu schweigen. Verbunden wird das Ganze mit vergleichsweise viel Verkehr. Vieles ist vergleichbar mit der Zwischenstadt – nur die Größenordnung ist eine andere

Ist das autogerechte Dorf also immer noch ein aktuelles Thema?

Heute ist ohne Auto auf dem Land kein Leben möglich. Alle Maßnahmen, die heute auf dem Dorf durchgeführt werden, wie zum Beispiel der Rückbau der in den 70-er und 80er Jahren realisierten breiten Dorfstraßen, sollen zu einer Verlangsamung von Verkehren im Dorfzentrum führen. Allerdings geschieht dies nur vor dem Hintergrund des Baus von funktionstauglichen Umgehungsstraßen.

Wie wirkt sich die veränderte Verkehrssituation auf das Leben in den Dörfern aus?

Die Idee des autogerechten Dorfes hat dazu geführt, dass der Dorfkern durch die starke Verkehrsbelastung als Wohnstandort stark entwertet wurde. Infolgedessen hat sich das Wohnen auf Neubaugebiete an den Ortsrändern zurückgezogen. Geblieben ist ein Dorf ohne funktionsfähigen Dorfkern, d.h. ohne funktionsfähige Mitte, in der man sich nicht spontan treffen kann, weil man dort nichts mehr zu tun hat.

Aber das ist nicht der einzige Grund, der das Leben auf dem Dorf erschwert. Inwiefern beeinflusst auch das Zentrale-Orte-Politik diese Entwicklung?

Die Zentrale-Orte-Politik war eine Maßnahme, den ländlichen Raum zentral zu stärken indem die höherwertigen Infrastrukturen in diesen Zentralen Orten aufrecht erhalten und teilweise ausgebaut wurden. Dazu wurden insbesondere in Bayern gezielt sogenannte „Oberzentren“ neu geschaffen (Bayreuth, Bamberg, Passau oder Schweinfurt), die höherwertige Infrastrukturen in die ruralen Räume brachten. Das Land wurde so an höherwertige Infrastrukturen angebunden, was grundsätzlich zu begrüßen ist.

Die negative Auswirkung ist die Aufwertung , die damit verbunden ist, besteht im Heranrückens des Landes an die Stadt, es ist ein Trugschluss, dass dadurch der ländliche Raum strukturell gefördert werde – ganz im Gegenteil: Es gab eine Gebietsreform in deren Rahmen die Landkreise und Gemeinden vergrößert wurden, das heißt es wurden große funktionale Einheiten geschaffen, die Funktionstrennungen und Spezialisierungen, also städtische Prinzipien auf dem Land stark machen. Die Idee war, dass die Menschen auf dem Land bleiben, wenn sie schnell eine Stadt erreichen können. Das gilt aber nicht für die Arbeitsplätze auf dem Land. Denn das Zentrale-Orte-Prinzip schafft keine dezentralen Arbeitsplätze. Diese bekommt man nur über eine zusätzliche, eigenständige und nachhaltige Regionalentwicklung.

Insofern sollte von der Zentrale-Orte-Politik nicht abgerückt werden, auch wenn das immer wieder versucht wird. Doch das sind klassische, neoliberale Gedanken, die bei vielen Experten zur Leitidee geworden sind, frei nach dem Motto: Das herrschende System der Zentralen Orte ist zu teuer und zu aufwendig.

Sie sprechen von einer eigenständigen und nachhaltigen Regionalentwicklung. Wie würde sie funktionieren und welche Potenziale sind damit verbunden?

Grundvoraussetzung einer eigenständigen bzw. nachhaltigen Regionalentwicklung ist die Aktivierung der Bürger. Nur mit einem starken Regionalbewusstsein, d.h. mit einer starken regionalen Identität sind Menschen überhaupt bereit, aktiv zu werden und zu handeln. Ohne diese Identität gibt es keine Motivation, die vor Ort auffindbaren, dezentralen Potenziale aufzuwerten. Die Potenziale sind vor allem Regionalprodukte, also solche Produkte deren Rohstoffe vorhanden sind, die dort hergestellt,  be- und verarbeitet werden und im besten Fall auch auf dem Land logistisch betreut und vermarktet werden.  Der Verkauf erfolgt jedoch in der Stadt, weil die Nachfrage im ländlichen Raum zu gering ist und Städte jene Orte sind, in denen die Nachfrage nach Regionalprodukten sehr hoch ist.

Und klappt das?

Diese eigenständige und nachhaltige Regionalentwicklung ist meines Erachtens der richtige Weg. Leider wird er oftmals nur als Alibimaßnahme genommen. Die mit ihm verbundenen Fördergelder sind im Prinzip minimal, wenn man sie mit Summen vergleicht, die in die klassische Landwirtschaft, in die klassische Wirtschaft oder Standortförderung fließen.

Wie ist es Ihrer Meinung nach möglich, der Magnetwirkung der Städte etwas entgegen zu setzen, sodass die Abwanderung aus dem ländlichen Raum weniger stark forciert wird?

Mit neoliberalen Ideen geht das auf jeden Fall nicht. Der Markt tendiert immer dazu, Ungleichheiten zu verstärken also Städte immer stärker als Zentren wachsen zu lassen, sodass das Land immer weiter entwertet wird.Hier müsste der Staat eingreifen. Wenn man über das Land spricht, kann man über die Stadt nicht schweigen; das heißt die Maßnahmen müssten in zwei Richtungen gehen:  Das Wachstum der Städte müsste gedämpft und stattdessen die Entwicklung des Landes gefördert werden.

Die Förderung des Landes basiert meines Erachtens erstens auf dem Erhalt des Zentrale-Orte-Systems und zweitens in einer ernsthaften Förderung und einer eigenständigen und nachhaltigen Regionalentwicklung.

Als ich als Professor nach Erlangen gekommen bin, steckte diese Entwicklung in den Kinderschuhen. 1996 wurde in Nürnberg mit ORIGINAL REGIONAL  eine der ersten Initiativen für Regionalprodukte geründet – ein echtes „Nischenprodukt“. Ich habe diese Entwicklung wissenschaftlich begleitet und 20 Jahre lang aktiv unterstützt. Mittlerweile sind Regionalprodukte so erfolgreich, dass bereits Großvermarkter in den Markt einsteigen und Regionalprodukte verkaufen. Akzeptanz und Nachfrage nach Regionalprodukten sind innerhalb der  Bevölkerung kontinuierlich angestiegen. Da hat sich also signifikant etwas verändert.

Können Regionalprodukte also zu einer ernsthaften Steigerung der Wirtschaftskraft des ländlichen Raums beitragen?

Die Frage ist, wer von dieser Steigerung profitiert. Viele der verkauften Regionalprodukte sind nur fingierte Regionalprodukte; besonders dann, wenn sie von Discountern stammen. Hier ist die Herkunft der Produkte meist unklar. Die Diskussion um die Kennzeichnung hat dazu geführt, dass alle Regionalinitiativen aus der Arbeitsgruppe beim Landwirtschafts- und Ernährungsministerium ausgetreten sind, weil für die Kennzeichnung einer „Region“ sehr große Einheiten gewählt wurden. Somit ist der Bezug zur Region und zum dezentralen Produzenten abgeschnitten und die Großverteiler kaufen ihre Rohstoffe aus größeren Gebieten zusammen; zum Beispiel aus ganz Bayern, ganz Baden-Würtemberg, ganz Süddeutschland. Folglich bleibt von dem Gewinn der Regionalprodukte nur noch relativ wenig im ländlichen Raum. Wenn Regionalprodukte an zentralisierten Standorten in großen Mengen verarbeitet und weitergeschickt werden, ist der Effekt für den ländlichen Raum bescheiden.

Herr Professor Bätzing, was fasziniert Sie denn ganz persönlich am ländlichen Raum, dass Sie sich der langjährigen Erforschung ländlicher Räume gewidmet haben?

Zwei Punkte: Zum einen sind es die oft sehr kleinräumigen Kulturlandschaften, die mich immer sehr fasziniert haben: das Zusammenspiel von Mensch und Natur; die Möglichkeit des Eingreifens des Menschens in die Natur, ohne ihr zu schaden, wie der Mensch in einer Natur wirtschaften kann die eigentlich nicht für ihn gemacht ist – kurzum: der respektvolle Umgang mit der Natur.

Zum anderen mag ich die halbwegs überschaubare soziale und wirtschaftliche Dimension im ländlichen Raum. Diese kann in der Stadt nur auf abstrakter Metaebene verfolgt werden. Auf dem Land sind die zentralen sozialen und wirtschaftlichen Vernetzungen sehr direkt und sinnlich wahrnehmbar und dadurch besser nachvollziehbar und verstehbar. Insofern fasziniert mich einerseits der spezifische Umweltbezug in Form der Kulturlandschaft und andererseits die spezifische soziale und wirtschaftliche Situation, die auf räumlicher Nähe beruht.

Vielen Dank für das spannende Gespräch.

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Prof. em. Dr. Werner Bätzing

ist seit 2014 Leiter des Archivs für integrative Alpenforschung in Bamberg. Im Jahr 1995 folgt er dem Ruf der Universität Erlangen-Nürnberg und bekleidet dort seitdem die Professur der Kulturgeographie.Werner Bätzing forscht, lehrt und veröffentlicht hauptsächlich zum Thema Alpen. Seine Forschungsschwerpunkte liegen im Bereich nachhaltige Regionalentwicklung im ländlichen Raum sowie deren raum- und regionalplanerische Umsetzung. Er wuchs in einem Dorf im ländlichen Raum Nordhessens aus und studierte zunächst Theologieund Philosophie, nach seinem Studium absolvierte er eine Ausbildung zum Buchhändler mit anschließender Verlagstätigkeit in Berlin. Die Distanz von der Großstadt suchend bereiste er mehrfach die Alpen und studierte an der TU Berlin

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© (1 / Thumbnail) Jon Duschletta/Engadiner Post

© (2) U. Ertle

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