Buchtipp: Retail in Transition – Verkaufswelten im Umbruch

Was geht?

Unsere Zeit ist schnelllebig, im permanenten Wandel. Auch der Lab Report Retail in Transition – Verkaufswelten im Umbruch des Architekturstudios caspar. wurde vom Lauf der Zeiten erfasst. Nun ist die aktualisierte deutsche Ausgabe im JOVIS Verlag erschienen: eine systematische Analyse unserer Städte und ihrer Potenziale – vor allem aber Impulsgeber, wie wir unser urbanes Umfeld neu denken sollten, um Städte wieder zu lebenswerten Orten zu machen.

Längst ist er allgegenwärtig: ein ständiger Wandel in unseren Städten. Verwaiste Fußgängerzonen, leer stehende Ladenlokale, Stadtraum, der wiederbelebt werden will. Digitale Technologien, neue Geschäftsmodelle und die andauernde Coronapandemie, gepaart mit demografischen wie auch kulturellen Entwicklungen, erschüttern den Einzelhandel. Einerseits bedrohen die stark angestiegenen Umsätze im Onlinehandel den stationären Handel fundamental in seiner Existenz. Andererseits setzen immer mehr Einzelhändler mit Geschäften im Stadtzentrum stärker auf digitale Verkaufskanäle.

Entwicklungen wie diese haben tiefgreifende Auswirkungen auf unsere Städte und unser urbanes Leben. In diesem Kontext starteten wir als Architekten bei caspar. eine systematische Untersuchung, die darauf abzielt, die tieferen Zusammenhänge der Veränderungen im Einzelhandel zu erkennen. Sie gibt vor allem Antworten darauf, wie unsere Stadtzentren und Städte in Zukunft mit einer veränderten Einzelhandelslandschaft aussehen könnten. Denn was wir heute in unseren Innenstädten erleben, ist zunächst ein Sterben alter Geschäftsmodelle und -ideen, was dann in zweiter Linie eine Entvölkerung der Einkaufsstraßen nach sich zieht.

© caspar.

Haben Städte als materielle, analoge Orte ausgedient?

Städte sind Orte, Stätten mit Tradition, Historie, Identität und persönlicher Identifikation von Millionen von Menschen. Und Architektur jeglicher Art – ob Kirche, Wohnhaus, Fabrik, Bürohaus oder Brücke – ist seit jeher Bindeglied zwischen dieser gebauten Umwelt und der Psyche, den Wünschen und Träumen der Gesellschaft. Doch plötzlich weicht die digitale Ungebundenheit und Unverbindlichkeit viele, wenn nicht alle, dieser Faktoren auf. Ortsungebunden können wir – nicht erst seit Corona – von überall auf dieser Welt uns mit Informationen, Arbeit, sozialen Kontakten und Waren versorgen. Die virtuelle Scheinwelt des World Wide Web steht jedem offen und ist sofort greifbar. Brauchen wir unsere Städte dann noch als materielle, analoge Objekte, als Begegnungsstätten, Identifikationsbild unserer Persönlichkeit, Arbeitsumfeld oder für den kulturellen Austausch? Kurz: Sind unsere Städte noch die Orte, wo wir frei, sicher, ungezwungen und vielfältig leben und arbeiten können?

Die große Herausforderung: das historische Projekt „Stadt der Zukunft“ neu denken

Bei der Suche nach Lösungen für unsere Innenstädte sind alle Akteure gefragt: Architekten, Stadtplaner, Einzelhändler, Immobilienbesitzer und -makler, Projektentwickler sowie die Vertreter der Städte. Retail in Transition versteht sich dabei als Hilfestellung. Auf 236 Seiten benennt die Studie zahlreiche Fakten und Beispiele, geht Trends in Technik und Technologie, Immobilienwirtschaft, Stadtplanung und Mobilität nach und weist innovative Wege auf, wie sie gegangen werden könnten oder sogar müssten.

Erhebungen zeigen zum Beispiel, dass das „Erlebnis Einkauf“ in innerstädtischen Offlineläden, in denen Kunden individuell beraten werden, einen großen Stellenwert einnimmt. Marktführer der unterschiedlichsten Onlinebranchen investieren in die Ausstattung von 3D-Läden, um auch auf analogen Wegen eine Kundenbindung zu erreichen. Dieser neue Auftritt in zentralen innerstädtischen Lagen offeriert teils überraschende Formen des zeitgemäßen Lebens und Arbeitens im urbanen Kontext. Mit anderen Worten: Genau die Kräfte, die das Absterben des traditionellen stationären Handels vorantreiben, kreieren neue Ladenkonzepte sowie ein unkonventionelles Einkaufserlebnis.

Städte als neue, starke Form der Bindung mit Bürgern

Im Umgang mit den Innenstädten ist also spielerische Kreativität gefragt. Unbefangenheit, keine dogmatisch-ideologische Prinzipienreiterei, stattdessen entspannt-gespannt auf Zukunftssuche gehen. Als Architekten und Stadtplaner sind wir der Auffassung, dass die Veränderungen, die auf uns alle zukommen – sofern sie korrekt analysiert werden – zu einem Gewinn unserer Gesellschaft führen. Unsere Untersuchungen sollen aufzeigen, wie der Wandel im Einzelhandel unsere Innenstädte transformieren wird. Uns ist daran gelegen, eine öffentliche Diskussion zu stimulieren, wie Städte zu planen sind, öffentliche Orte entworfen werden müssen und individuelle Gebäude revitalisiert werden können, damit sie den vielfältigen Anforderungen der Nutzer gerecht bleiben. Wir bezeichnen das als Maßstab Mensch – die Triebfeder unserer Arbeit. So stellen wir uns nicht nur einen permanenten Wandel vor, sondern hegen auch die Hoffnung, dass die Städte der Zukunft eine neue, starke Form der Bindung mit ihren Bürgern verknüpft. Dann wird der Handel in das Schlaglicht der Städte zurückkehren. Ein absoluter Gewinn für die Idee der europäischen Stadt.

Die deutschsprachige Ausgabe von Retail in Transition ist erhältlich im ausgewählten Buchhandel und beim JOVIS Verlag.

Weiterhin dokumentieren wir den Stand unserer Forschungsarbeit und sein Echo auf der digitalen Plattform www.retailintransition.archi.

Über den Autor:

© AKIM Photography

Caspar Schmitz-Morkramer studierte Architektur an der RWTH Aachen und der TU Berlin. Er besuchte Architekturkurse in New York, lernte klassisches Zeichnen in Florenz und arbeitete bei Murphy/Jahn in Chicago, Renzo Piano in Genua und KSP Engel Zimmermann Architekten in Köln. 2019 ging sein Architekturstudio caspar. aus dem 2004 gegründeten Büro meyerschmitzmorkramer hervor. Die Projekte von caspar. wurden mit zahlreichen Auszeichnungen gewürdigt.

 


Bild Cover: © caspar. / Studio für Gestaltung, Köln

Text: caspar.