DIE ZUKUNFT DER MOBILITÄT BEGINNT HEUTE

Trends wie Urbanisierung, Vernetzung und Flexibilisierung der individuellen Mobilität bringen Veränderungen mit sich. Doch wie entwickelt sich die Mobilität im Wechselspiel zwischen Wachstum von Städten, neuen Leitbildern der Stadtentwicklung und den bewegten Lebensstilen der Stadtbewohner?

Urbanisierung

Seit 2007 lebt mehr als die Hälfte der Menschheit in Städten. Die Welt wird urban. In Zukunft werden die Menschen hauptsächlich in Städten leben, fahren und sich bewegen. In vielen Industriegesellschaften Europas, wie beispielsweise Deutschland leben derzeit rund 80 % der Bevölkerung in Städten. Bessere Möglichkeiten für Ausbildung und Beruf sowie vielfältigere Möglichkeiten der Lebensgestaltung sind die stärksten Argumente für ein Leben in der Stadt. Auch Zugewanderte ergreifen ihre neuen Lebenschancen vor allem in Städten und großen Ballungsgebieten. Deutlich wird das in den USA – neu errichtete suburbane Siedlungen mit großen Grundstücken und niedriger Bevölkerungsdichte entstehen.

In Schwellenländern in Asien und Afrika entwickelt sich die Urbanisierung ebenfalls sehr dynamisch. In China strömen jedes Jahr Millionen Menschen vom Land in neu erbaute Städte. Und interessant daran ist, dass Städte und Regionen überall auf der Welt unterschiedlich sind. Um diese Vielfalt abzubilden, hat unsere Forschungsabteilung „Gesellschaft und Technik“ der Daimler AG eine Typologie mit acht Stadttypen entwickelt, die Aspekte wie Gestalt der Stadt, Veränderungsgeschwindigkeit, Lebendigkeit, Vernetzung und Governance berücksichtigt. Die meisten Städte sind, historisch gewachsen, eine Komposition verschiedener Stadttypen. Dabei sind drei Typen besonders charakteristisch und  relevant für die Mobilität von morgen.

Kompakte prosperierende Vielfalt – Großstädte im
stetigen Wandel

Was haben Berlin, New York und Kyoto gemeinsam? Sie alle weisen trotz ihrer räumlichen und kulturellen Distanz ähnliche Charakteristika auf. Lebensbereiche wie Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Freizeit vermischen sich. Die Städte passen sich dem Wandel der Zeit an oder führen ihn gar herbei. Und sie erfinden sich selbst immer wieder neu. Dazu tragen insbesondere junge Menschen bei. Sie sind wichtige Antriebskräfte eines permanenten und kreativen Wandels. Und das ist es, was viele Besucher in diese Städte strömen lässt. Die Mobilität in diesen Städten ist vielfältig. Neben der individuellen Mobilität spielen der öffentliche Personennahverkehr und Fahrräder oder Fußwege eine große Rolle. Da im Verkehrssystem Interessen unterschiedlicher Nutzergruppen berücksichtigt werden müssen, ist der Verkehr stark reguliert, so unter anderem durch Verkehrssteuerung, Parkraumbewirtschaftung oder das Bereitstellen von Verkehrsraum für unterschiedliche Verkehrsteilnehmer.

Welche Trends wirken in diesen Städten?

Multimodalität wird zu Intermodalität. Das heißt wo früher verschiedene Verkehrsmittel unabhängig voneinander genutzt wurden, werden diese nun stärker miteinander vernetzt und die strikte Trennung zwischen Verkehrsformen aufgehoben. Stichwort moovel oder car2go. Durch moderne Ansätze der Verkehrsplanung getrieben, wird das „Miteinander“ verschiedener Verkehrsmittel stärker gefördert und die strikte Trennung der Zonen im Verkehrsraum (Straße, Radweg, Fußweg, Straßenbahntrasse) aufgehoben. Dieser „shared space“-Ansatz wirkt sich auch auf Fahrzeuge im urbanen Umfeld aus. Sie werden in Zukunft stärker mit ihrem Verkehrsumfeld und anderen Verkehrsteilnehmern kommunizieren müssen. Assistenzsysteme, die komplexe Verkehrssituationen und gerade Kreuzungen interpretieren können, tragen dann vor allem zur Verkehrssicherheit bei. Das Mercedes-Benz Forschungsfahrzeug F 015 

zeigt, wie sich ein autonom fahrendes Fahrzeug in einem gemischten Verkehrsraum bewegen und mit den anderen Verkehrsteilnehmern kommunizieren könnte. Beispielsweise dadurch, dass es einen Zebrastreifen auf die Straße projiziert und damit den Fußgängern zu verstehen gibt: „Ich habe Dich gesehen, Du kannst die Straße gefahrlos überqueren“. Zudem werden durch die zunehmende Elektrifizierung des Individual- und öffentlichen Verkehrs die Städte Schritt für Schritt leiser. Also wird sich auch der „Klangcharakter“ der Stadt langfristig verändern, er wird leiser werden.

Urbaner Aspirant – Leben auf mehreren Ebenen

Städte wie Shanghai, Kuala Lumpur oder Curitiba haben eins gemeinsam. Sie folgen dem Zielbild einer kompakten, dichten und vielfältigen Stadt und haben das wirtschaftliche und politische Gewicht einer international vernetzten „Global City“. Dieser Stadttyp ist aufgrund des geringen Platzangebots meist von einer extrem hohen Bevölkerungsdichte geprägt. Daher stellen die Proportionen zwischen Bebauung und Grünflächen sowie Transportinfrastruktur und Verkehrsdichte enorme Herausforderungen dar. Die Verdichtung führt zur großzügigen Nutzung der vertikalen Dimension: Stadtleben und Verkehr werden auf mehreren Ebenen verteilt.

Welche Trends wirken in diesen Städten?

Diese Städte wachsen durch die zuwandernde Bevölkerung sowohl in die Höhe als auch in die Fläche. Damit entstehen gänzlich neue Stadtbezirke oder Satellitenstädte. Ständiger Stadtumbau ist Normalität. Aufgrund der hohen Nutzungs- und Verkehrsdichte muss die Balance zwischen individueller Mobilität und öffentlichem Massentransport ständig neu austariert werden. Dazu gehören ein rasanter Ausbau des öffentlichen Nah- und Fernverkehrs und eine strenge Regulierung des Autoverkehrs, durch stark regulierte Vergaben von Fahrzeugzulassungen oder sehr hohe Parkgebühren. Menschen in diesen Megacities leben im ständigen Transit, die Verweilzeiten im Auto oder im öffentlichen Verkehrssystem sind hoch. Die Zeit während des Transits wird daher für Kommunikation und Arbeit genutzt. Der einzige Mangel in diesem geschäftigen Umfeld  sind Privatheit und Entspannung, die zu Luxusgütern werden. Da vor allem der Erstzugang zu einem eigenen Fahrzeug hürdenreich ist, sind auch in diesem Stadttyp Sharing-Konzepte und Mobilitätsdienstleistungen sehr interessant.

Florierende Suburbia – ausgedehnter Raum

Der „Florierende Suburbia“ Stadttyp ist im nordamerikanischen Silicon Valley und in vielen europäischen Ballungsgebieten, wie Stuttgart oder München zu finden. Die Bebauungsdichte ist gering. Es dominieren kleine, mittlere oder große Privatgrundstücke mit Einfamilienhäusern, ausgedehnte Gewerbegebiete und Einkaufszonen. Lebensbereiche wie Wohnen, Arbeiten, Einkaufen und Freizeit sind voneinander getrennt. Aufgrund der wirtschaftlichen Prosperität durchläuft dieser Stadttyp einen langsamen, aber beständigen Wandel, der von Investitionen und Zuzügen neuer Einwohner begünstigt wird.

Welche Trends wirken in diesen Städten?

Aufgrund des wirtschaftlichen Wachstums und der Zuwanderung neuer Arbeitskräfte wachsen diese Regionen weiter in die Fläche. Da der öffentliche Nahverkehr wie in den USA kaum existiert oder nur bestimmte Zeiten und Strecken abdeckt, spielt das private Automobil weiterhin eine große Rolle. Ergänzt wird dies durch neue Mobilitätsdienstleistungen wie Carsharing und bedarfsabhängig fahrende Busse im öffentlichen Nahverkehr. Wegen der großen Entfernungen zwischen Zuhause, Arbeitsplatz und anderen Zielen verbringen die Menschen viel Zeit im eigenen Auto. Deshalb erhalten Kommunikation und Entspannung im Fahrzeug auch einen hohen Stellenwert.

Modernisierungstrends in Städten

Mobilität im Alltag wird individueller.

Für große Teile der Bevölkerung wird das Alltagsleben mobiler. Denn Arbeitswelten, Lebensstile und der Alltag können individueller, flexibler und vielfältiger gestaltet werden. Viele junge Menschen und Berufsgruppen verbringen schon heute einen wesentlichen Teil des Tages im Transit. Sie verlassen morgens ihr Zuhause, fahren mit ihrem Auto oder mit öffentlichen Verkehrsmitteln mit tendenziell längeren Wegezeiten zur Uni oder ins Büro, oder zu wechselnden Arbeitsorten. Zwischendurch pausieren sie in einem Café oder müssen schon wieder an verkehrsintensiven Orten eine ungewollte Rast machen. Im Zuge des Wandels der Arbeitswelten entstehen Büros und „Coworking Spaces“, die von verschiedenen Unternehmen oder Selbstständigen gemeinsam genutzt und stunden- oder tageweise gemietet werden können. Städtische Parkanlagen werden als „Zwischenräume“ neu entdeckt. Dort lässt es sich am besten entspannen, arbeiten oder auch nur chillen. Das Leben im Transit weckt den Wunsch nach Orten und Räumen, die wir uns vorübergehend aneignen und so angenehm wie möglich erleben können.

Initiativen zur Gestaltung der Lebensqualität und neue Leitbilder in der Stadtentwicklung

In vielen modernen Städten überall auf der Welt stellen Bürger höhere Ansprüche an die Lebensqualität und entwickeln ein starkes Bewusstsein für die Umwelt. Vielerorts verlassen sich die Stadtbewohner nicht mehr allein auf Initiativen der Stadtverwaltungen oder Investoren. Sie ergreifen die Initiative, fordern Bürgerbeteiligungen ein, entwickeln neue Zielbilder, und gestalten ihr direktes Wohnumfeld. Sie legen eigene oder Gemeinschaftsgärten, Dachterrassen oder Grünflächen an.

Ambitionierte Stadtregierungen, Regionalverbände, Architekturbüros und lokale Bürgerinitiativen entwickeln ebenfalls neue Zielbilder für eine bessere Lebensqualität in Städten. Das schafft gleichfalls Raum für urbane Innovationen. Zum Erfahrungsaustausch helfen des Weiteren internationale Wettbewerbe zwischen Städten zum Umweltschutz und Nachhaltigkeit. In der Standortkonkurrenz beteiligen sich immer mehr Städte an diesen Wettbewerben und formulieren langfristige Stadtentwicklungspläne zur Verbesserung der Lebensqualität.

Trend: Nutzen statt Besitzen

Das Leben im Transit verändert unser Leben. Es verlangt nach neuen Dienstleistungen und Produkten. Wie zum Beispiel ein Mobilitätsassistent wie moovel, der das individuelle Mobilitätsverhalten und die Vorlieben der Nutzer kennt und so Ihre Fortbewegung in der Stadt verändert. An einem sonnigen Tag schlägt er Ihnen ein Fahrrad als Fortbewegungsmittel vor, an regnerischen Tagen übernimmt er  automatisch die Reservierung eines Autos. Während der Fahrt wird Ihnen der Assistent Vorschläge nach Ihrem persönlichen Profil machen. Etwa, wenn sie etwas Zeit zum Einkaufen haben. Und sollte sich zudem ein Freund in Ihre Nähe befinden, wird er versuchen, dass Sie sich beide auf einen Kaffee treffen können. Auch gewerbliche Fuhrparks, z.B. Fahrzeugflotten in Unternehmen, testen neue Mobilitätskonzepte. So bietet Daimler Fleet Management in einer innovativen Lösung Corporate Carsharing an. Dabei stehen Mitarbeitern eines Unternehmens Fahrzeuge für geschäftliche Fahrten und wenn gewünscht auch für private Touren am Wochenende zur Verfügung.

Die  zentrale Aufgabe für uns Zukunftsforscher besteht darin, herauszufinden, wie die Mobilität in zehn, 15 oder sogar 30 Jahren aussehen könnte. Wir denken heute schon über die Fahrzeuge nach, die in 15 Jahren gebaut werden sollen. Die beschriebenen Trends in der Entwicklung von Städten sprechen dafür, dass vor allem in Städten die Mobilität neu erfunden wird. Deshalb ist „urbane Passung“ von Fahrzeugen und Mobilitätskonzepten ein neues Leitthema bei unseren in die Zukunft gerichteten Projekten. Dazu gehören ein im Hinblick auf unterschiedliche Einsatzmuster weiterentwickeltes Fahrzeug-Portfolio, nicht nur im Pkw-Bereich sondern auch bei gewerblich eingesetzten Transportern oder Lkws, die einen erheblichen Teil ihrer Transportaufgaben im städtischen Raum erbringen. Auch zahlreiche Ausstattungsmerkmale, wie z.B. Fahrzeuge, die bereit für die flexible Nutzung sind, sowie weiter entwickelte Assistenzsysteme und neue elektrifizierte Antriebe adressieren die sich ändernden Kundenbedürfnisse.


Dr. Frank Ruff

erforscht mit seinem Team zukünftige Entwicklungen in Gesellschaft und Mobilität. Er leitet die Abteilung „Gesellschaft und Technik“ im Center „Fahrzeugkonzepte und Zukunftstrends“ der Direktion „Konzernforschung und Nachhaltigkeit“ der Daimler AG. Die Szenarien und Trendanalysen der Abteilung sind Impulse für neue Fahrzeugkonzepte und Mobilitätslösungen, Produkt- und Innovationsstrategien in den Geschäftsfeldern Pkw, Transporter und Lkw.

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