Boomtown am Main

Im Gespräch mit Oliver Schwebel, Geschäftsführer der Wirtschaftsförderung Frankfurt GmbH
Herr Schwebel, welche Aufgaben und Herausforderungen sehen Sie in den kommenden Jahren für Frankfurt?
Wir haben ein sehr starkes Wachstum hier in Frankfurt am Main und daraus ergeben sich auch die Herausforderungen: Wie und vor allem wo können wir dieses Wachstum auch nachhaltig positiv in der Stadt entwickeln? Gewerbeflächen müssen erhalten bleiben, der starke Zuzug erhöht aber auch den Druck auf den Wohnungsmarkt. Zukünftig werden wir verstärkt darauf achten müssen, Gewerbeflächen nicht an den Wohnungsbau zu verlieren, wenngleich dieser natürlich sehr wichtig ist. Wir arbeiten außerdem derzeit an einem Masterplan Industrie, der auch die Frage nach dem zukünftigen Flächenbedarf von Industrie und Gewerbe beantwortet. Eine weitere Herausforderung ist die Revitalisierung älterer Gewerbegebiete. Wie können zum Beispiel Gewerbeflächen aus den 1960er- und 1970er-Jahren modernisiert und auf den neusten Stand gebracht werden? In dem Zusammenhang spielt auch das Thema Energieversorgung und Energieeffizienz eine wichtige Rolle. Das beeinflusst schließlich auch den internationalen Wettbewerb vieler Unternehmen.

Frankfurt wird seit den 1980er-Jahren von dem Bild der Skyline geprägt, aber das ist natürlich kein vollständiges Bild. Ist diese Tatsache hilfreich für die Wahrnehmung der Stadt? Auf jeden Fall. Als „Boomtown am Main“ habe ich Frankfurt kürzlich erst bezeichnet. Langfristig sind weitere Hochhäuser – auch als Wohnbauten – geplant. Handel, Wohnen und Büro in einem Gebäude sind die spannenden Entwicklungen der Zukunft. Die Menschen denken bei Hochhäusern nun mal an Frankfurt und das ist eher positiv für uns. In den letzten Jahren haben sich beispielsweise die Übernachtungszahlen in der Stadt verdoppelt. Das zeigt, dass auch der Tourismus weiter wächst und Frankfurt zu einer der führenden Destinationen geworden ist.

Die Stadt kommt also zunehmend weg vom Image als reiner Finanzstandort hin zu einer Nutzungsdurchmischung?
Das stimmt. Reine Bankentürme gibt es nur noch sehr wenige hier in Frankfurt. In den meisten Hochhäusern sind mittlerweile Unternehmen verschiedenster Branchen eingezogen. Die Umwandlung von gewerblichem Raum in Wohnraum wird ebenfalls aktiv vorangetrieben. Dadurch sinkt auch die Leerstandsquote in der Stadt. Der Flächenbedarf ist insgesamt wesentlich größer als wir mit Neubauten befriedigen könnten. Daher müssen wir verstärkt mit dem leer stehenden Bestand arbeiten.

Sie sprechen mit diesem Beispiel das allgemeine Wachstumsproblem von Metropolen an. Wie wird Frankfurt mit dem am Ende doch begrenzten Flächenangebot umgehen? Gibt es Konzepte für diese Entwicklung? Das ist Teil meiner Aufgabe als Geschäftsführer der regionalen Standortmarketing Gesellschaft. Ich möchte über das Kompetenzzentrum Wirtschaftsförderung eine Vernetzung mit den anderen Verantwortlichen im Rhein-Main-Gebiet aufbauen.

5,5 Millionen Menschen leben in der Region, die innerhalb von einer Stunde rund um die Stadt Frankfurt zu erreichen ist. Das Wachstum ragt also durchaus auch in die Region hinein. Und der Wandel und die Ausdehnung ins Umland sind dort auch bereits spürbar. Logistikflächen zum Beispiel, für die es in der Stadt unmittelbar keinen Platz gibt, sind ohne Probleme in der Region verfügbar.

Im Wohnungsbau wirbt der Oberbürgermeister für Investitionen in der Region. Und auch die Stadt Frankfurt investiert dort mit ihrer eigenen Wohnungsbaugesellschaft.

Der wichtigste Punkt für urbanes Wachstum sind die Menschen, die langfristig in der Stadt und der Region leben und arbeiten. Sie erwarten natürlich auch qualitative Lebensräume, sowohl im Bereich individuelles Wohnen als auch für den öffentlichen Raum insgesamt. Wie wird dem nachgekommen?
Das stimmt, eine Funktionstrennung wird an dieser Stelle mehr und mehr aufgehoben. Diese Entwicklung muss natürlich auch die angebotene Infrastruktur hergeben. Intelligente Mobilitätskonzepte sind der Ausweis moderner urbaner Entwicklungen. Es stehen in Frankfurt viele spannende Hochhausprojekte an. Da entstehen in naher Zukunft einige neue Landmark-Tower. Zusätzlich wird die Altstadt wieder aufgebaut. Dadurch entsteht eine gute Mischung aus Alt und Neu, die langfristig Reichhaltigkeit und Identität schafft und dadurch zu einer positiven Imagebildung beiträgt. Auch das Flussufer ist ein Thema, denn der Main wird zunehmend zum Lebensraum für die Menschen in Frankfurt.

Wie kann sich die Immobilienwirtschaft nicht nur ökonomisch, sondern auch konstruktiv in diesen Prozess einbringen?
Auf der einen Seite sicher durch moderne, gute Architektur, die mit besonderen Objekten Highlights setzt. Aber auch durch Mut zur Mischgestaltung. Gewerbe und Wohnen vereint ist nun mal ein neues Thema. Da hat sich in den vergangenen Jahren viel verändert. Vor allem die gesetzlichen Nutzungsbedingungen müssen in Zukunft angepasst werden.

Was sind die Kerngedanken des integrierten Stadtentwicklungskonzepts für Frankfurt?
Es gibt seit Jahren verschiedenste Planungen: nachhaltige Begrünung, Gewerbegebietsplanung, der Masterplan Industrie, Infrastruktur und Mobilität, Wohnflächenplanung. Zwischen diesen Bereichen bestehen natürlich Abhängigkeiten. Eine integrative Betrachtung der Zusammenhänge und eine Abstimmung der Prozesse ist daher unglaublich wichtig. Durch das integrierte Stadtentwicklungskonzept werden alle Arbeitsgruppen zusamengebracht, um an einer gemeinsamen Zielführung zu arbeiten, die alle Planungen beinhaltet.

Metropolen leben zum Teil auch von den ruppigen urbanen Stadträumen, die junge Menschen, Start-ups und Kreative anziehen und Entwicklungen vorantreiben. Muss Frankfurt darauf achten, dass der sozialökonomische Erfolg diese Freiräume nicht gefährdet?
Ich denke, nicht. Bedingt durch die Attraktivität, die sich in den letzten Jahren entwickelt hat, wurden auch neue kreative Räume erschlossen. In vielen Vierteln kommt heute alles zusammen. Dafür ist die Hanauer Landstraße, in der wir hier mit der Wirtschaftsförderung sitzen, nur ein Beispiel. Das Brückenviertel in Sachsenhausen ist mittlerweile geprägt von Mode und jungem Design. Das Bahnhofsviertel, als wohl kleinstes, aber in den vergangenen Jahren unheimlich schnell wachsendes Viertel, haben die Menschen ebenfalls für sich wiederentdeckt. Und dabei wird es nicht bleiben, sowohl im Frankfurter Osten wie auch im Westen finden weitere Entwicklungen statt. Das Thema Gentrifizierung ist dort sicher ein Thema, aber wir werden dort auch wachsen. Wir brauchen dafür vor allem Investoren, die positive Wirkungen und Attraktivität schaffen. Man schaut daher auch viel intensiver in die Nachbarregionen und geht gemeinsame Planungen an, denn Wachstumspotenzial ist dort vorhanden. Vor Jahren wäre das noch undenkbar gewesen.

In welchem Wettbewerb sehen Sie Frankfurt in den nächsten Jahren?
Eher im globalen als im nationalen Wettbewerb. Dazu muss man sich nur die starken Entwicklungen im Nahen und Mittleren Osten anschauen. Die Logistikbranche wächst vor allem in Städten wie Dubai und Istanbul rasant. Und Frankfurt ist ein wichtiges weltweites Logistik- und Verkehrsdrehkreuz. Wir sehen uns als dritte europäische Hauptstadt, als Finanzzentrum in Kontinentaleuropa und zentralen Punkt im Euroraum. Auch ein Großteil der digitalen Infrastruktur ist hier angesiedelt, 80 % des deutschen Internetverkehrs und zahlreiche weltweite Vernetzungen werden über Frankfurt abgewickelt.

Man kann die Stadt auch als „Gateway to Europe“ bezeichnen, denn wer in Europa Geschäfte machen will, hat hier die besten Voraussetzungen: ein internationales Umfeld, absolute Zentralität, eine hohe Bildungsexpertise und vor allem auch eine angenehme Willkommenskultur. Haben Sie sich ein Ziel vorgenommen, persönlich und als Wirtschaftsförderer?
Wir wollen vor allem Partner der Unternehmen und Impulsund Ideengeber für die anstehenden Entwicklungen sein. Eine persönliche Zielsetzung ist sicher die Förderung von Gründern und Start-ups. Hier wünsche ich mir unser Gründerzentrum als einen international erkennbaren Leuchtturm, damit sich die Wahrnehmung von Frankfurt weiter verstärkt und die Stadt ihre Rolle ausbauen kann.

Vielen Dank für das anregende Gespräch.

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