EIN SYSTEM MIT EIGENLOGIK

Ein Beitrag von Prof. Dr. Wolf-Dietrich Bukow

Städte sind längst zur weltweit verbreitesten, alles dominierenden Siedlungsform geworden. Allerdings ist das Wissen um deren „Eigenlogik“ immer noch erstaunlich gering.

Spätestens dann, wenn es um eine wirklich zukunftsorientierte Stadtentwicklung geht, fehlt es an einem belastbaren Referenzrahmen. Für eine erfolgreiche Stadtentwicklung wäre wichtig zu wissen, worin diese „Eigenlogik“ besteht, auf welchen Kompetenzen sie basiert, und welche Referenzen sich daraus für die Zukunft ergeben. Der hier übliche Verweis auf „Urbanität“ reicht nicht aus, um die Stadtentwicklung zukunftsfest zu machen und kurzlebigen Modeströmungen und Interessen, die oft danach streben, sich die Stadt dienstbar zu machen, zu widerstehen. Auch die Beschwörung einer „integrierten“, besser einer „integralen“ Stadtentwicklung greift zu kurz, weil ja gar nicht klar ist, was überhaupt in die Entwicklung alles integriert werden soll.

Eigentlich ist es nicht schwierig, sich der „Eigenlogik“ der Stadt zu vergewissern. Man muss die Stadt nur in ihrer Gesamtlogik sehen, sie als ein komplexes, lebendes System würdigen. Dieses lebende System hat sich vor dem Hintergrund einer langen Stadtgeschichte entwickelt und spielt sich im Rahmen globaler Wirklichkeit immer wieder neu ein. Etwas überpointiert kann man sagen, die Stadt ist nichts als ein Fußabdruck global- und lokalgesellschaftlicher Wirklichkeit. Damit gewinnt das lebende System Stadt Gestalt im Sinn einer Gesellschaft. Die Stadt stellt in Wahrheit ein sich vor dem historischen wie globalen Hintergrund immer wieder neu arrangierendes eigenständiges Gesellschaftsformat dar. Das Ziel muss sein, dieses Format adäquat zu operationalisieren.

Um diesem sich immer wieder neu arrangierenden Gesellschaftsformat näherzukommen, hilft ein Blick darauf, wie Urbanität tagtäglich im Quartier arrangiert wird. Die Bühne für urbane Arrangements sind die Stadtteile oder die Quartiere. Sie stellen nicht zufällig nicht nur die kleinsten, sondern zugleich auch die wichtigsten Einheiten dar. Hier wird Urbanität alltagspraktisch und überschaubar gelebt. Hier wird Gesellschaft tagtäglich real und hier werden auch die Vorstellungen über das Zusammenleben, die Praktiken des Umgangs miteinander und die die Gesellschaft tragenden Alltagsroutinen Wirklichkeit. Am Quartier kann man beobachten, was Urbanität ausmacht, was sie voranbringt, was sie behindert oder unmöglich macht.

Das Quartier ermöglicht ein gemeinsames Arrangement. Dieses Arrangement basiert auf einer immer wieder neuen Inszenierung des Quartiers. Diese permanente Inszenierung räumt allen Beteiligten die Chance ein, sich gleichermaßen beteiligen zu können. Die Erfahrungen zeigen, je umfassender die Bedürfnisse aller in einem Quartier lebenden Menschen Berücksichtigung finden, desto besser entwickeln sich die Alltagsroutinen, weil sie dann von allen geteilt werden. Sie verfestigen sich und sichern urbane Inklusion. Es kommt dabei nicht darauf an, wie kurz oder lang Menschen im Quartier verweilen und welchen Lebensstil sie bevorzugen. Entscheidend für die Stadtgesellschaft ist, dass stets Alle am gemeinsamen Arrangement beteiligt sind. Und entscheidend für die Stadtentwicklung ist, diese Quartierdynamik „lesen“ zu lernen. Bislang vollzieht sich urbane Inklusion eher intuitiv als zielorientiert und ist deshalb immer wieder gefährdet.

Um sich dieser Dynamik zu vergewissern, bieten sich mehrere Schritte an. Hier sollen nur drei kurz angedeutet werden:

a) Man kann historisch vorgehen und wird dann darauf stoßen, dass Stadtgesellschaften erfunden wurden, weil man nach Wegen suchte, jenseits von Familien und Sippen, Clans und Gemeinschaften ein distanziertes Zusammenleben zu ermöglichen. Konkret ging es darum, einen Weg für ein produktives Zusammenleben unter den Bedingungen von Mobilität und Diversität zu finden. Für diesen Zweck hat man schon früh formale Systeme (Verwaltungs-, Bildungs- und politische Systeme) erfunden. Genau diese formalen Systeme sind es, die bis heute das Zusammenleben sichern. Die Bedingungen haben sich nicht wirklich geändert, es geht immer um die Sicherung des Zusammenlebens auf der Basis von Mobilität (heute Zu- und Abwanderung) und Diversität (heute soziale, sprachliche, religiöse, kulturelle, sexuelle und nationale Diversität).

b) Auch ein Blick auf gewachsene urbane Quartiere kann hilfreich sein. Man kommt dann schnell darauf, dass sich in entsprechend dichten und gemischten Quartieren leicht eine relativ ausgeprägte „soziale Grammatik urbanen Zusammenlebens“  einspielen kann. Gemeint ist, dass hier ermöglicht wird, erstens seine Bedürfnisse im Rahmen kommunaler Systeme (Arbeiten, Wohnen, Recht, Bildung, Politik usw.) zu organisieren, zweitens seinen privaten Lebensstil (im privaten Zusammenleben, im Milieu, im Verein usw.) zu pflegen und drittens man die Chance hat, sich im Fall des Falls zivilgesellschaftlich (in Vereinen, Initiativen, Medien und Netzwerken usw.) zu organisieren. Und man wird sehen, dass solche Quartiere tendenziell dezentriert und kompakt, sozial divers und multikulturell, nutzungsgemischt und nachhaltig aufgestellt sind, aber durch Segregation, funktionale Differenzierung (Trennung von Wohnen, Arbeiten und Konsum, Differenzierung nach Schicht und Herkunft) und durch quartierfremde Intervention (Gentrifizierung, autogerechte Stadt, Investorenmodelle usw.) gefährdet sind.

c) Am lehrreichsten ist der Blick auf Quartiere im Umbruch, arrival cities, periphere Zonen, ethnic theme parks oder informelle Sektoren, die oft als „soziale Brennpunkte“ oder „hot spots“ bezeichnet werden. Es handelt sich hier nicht um „hochwertige“ Quartiere, sondern oft um alte Arbeiterquartiere, Hafen- oder Bahnhofsviertel. Hier kann man beobachten, wie gleichsam unterhalb oder außerhalb einer oft erstarrten Stadt Elemente einer „sozialen Grammatik urbanen Zusammenlebens“ von Jugendlichen, Newcomern, Kreativen gewissermaßen neu erfunden und informell bottom-up einspielt werden (kleine informelle Betriebe, Nachbarschaftsnetze, soziale Hilfsstrukturen usw.). Hier wird das Stadtquartier zum Labor, sobald es auch nur die kleinste Lücke gibt, die man für die Selbstentfaltung nutzen kann.

Die Qualität solcher Quartiere besteht erstens darin, ein dichtes Interaktions-, Sozialisations- und Erfahrungsmilieu zu ermöglichen. Hier werden die Effekte von Mobilität und Diversität ins Alltagsleben eingearbeitet und „veralltäglicht“. Sie werden nicht assimiliert oder integriert, sondern sie werden inkludiert. Sie werden nicht aufgelöst, sondern in eine dichte und gemischte Welt eingefügt und erzeugen Urbanität. Und sie besteht darin, dass der Alltag nicht nur zu einem lebendigen Fußabdruck globalgesellschaftlicher Wirklichkeit, sondern zum Andockpunkt für die Vielfalt von Bedürfnissen wird. Vervielfältigung von Diversität und Mobilität vor Ort machen diese Quartiere zu nachhaltigen und ökologisch wertvollen Orten. Solche Quartiere können sogar zum Vorbild für ländliche Räume werden, weil sie zeigen, was auf kleinstem Raum und in einem begrenzten Kontext möglich ist.

Es ist klar, dass viel zu tun bleibt, bis solche Quartiere wieder in den Mittelpunkt der Stadtentwicklung rücken. Dies ist jedoch die Voraussetzung für die Entwicklung offener und „inklusiver“ gesellschaftlicher Strukturen, geprägt von effizienter Erreichbarkeit und Wahlfreiheit, hoher Umweltqualität, geeignet für die Minimierung von Flächen-, Energie- und Ressourcenverbrauch. Diese dichte und in jeder Hinsicht gemischte städtebauliche Struktur ist auch Voraussetzung für eine nachhaltige und resiliente Entwicklung. Gemessen an solchen Aufgaben sind die bestehenden Vorschriften der BauNVO teilweise nicht mehr zielführend, unzulänglich oder sogar kontraproduktiv.1

1 Vgl. Wolf-Dietrich Bukow, Andreas Feldtkeller, Folkert Kiepe, Hans-Henning von Winning: Initiative Urbanität, Mobilität, und kurze Wege. Plädoyer für einen nachhaltigen, inklusiven Städtebau . Working Paper 5/2013 https://www.uni-siegen.de/fokos/publikationen/publikationen_2013.html?lang=de


Prof. Dr. Wolf-Dietrich Bukow

geb. 1944, Studium der Ev. Theologie, Soziologie, Psychologie und Ethnologie in Bochum und Heidelberg, Gründer der Forschungsstelle für Interkulturelle Studien (FiSt) sowie des center for diversity studies (cedis), Forschungspreis der Reuter-Stiftung, 2010 Emeritus am Institut für vergleichende Bildungsforschung und Sozialwissenschaften an der Universität zu Köln und seitdem Inhaber einer Forschungsprofessur am Forschungskolleg der Universität Siegen (FoKoS) mit den Schwerpunkten Mobilität und Diversität. Jüngste Buchveröffentlichungen im VS-Verlag Wiesbaden: Inclusive City 2015; Partizipation in der Einwanderungsgesellschaft, 2013; Neue Vielfalt in der urbanen Stadtgesellschaft, 2011; Orte der Diversität. Wiesbaden 2010; Urbanes Zusammenleben, Wiesbaden 2010.

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