Die kompakte Stadt und das Grün

Ein Beitrag von Dr. jur. Cornelia Wellens Fachanwältin für Verwaltungsrecht bei CBH Rechtsanwälte

Sieht man sich Definitionen für die kompakte Stadt an, so ist dort von großen geschlossenen Siedlungskomplexen sowie von hoher Dichte an Einwohnern und Bebauung die Rede. Für Freiraum und Grün scheint hier wenig Platz. Dementsprechend ist die kompakte Stadt von einem Stadt-Land-Gegensatz geprägt.

Die kompakte Stadt mit ihrer städtebaulichen Dichte steht dann also dem Freiraum in der Umgebung gegenüber, der Erholungs- und Ausgleichsfunktionen wahrnimmt. Der Freitraum soll als Gegenpol zur kompakten Stadt von Zersiedelungstendenzen freigehalten werden.

Zu diesem Konzept passen auf der anderen Seite auch moderne Vorstellungen dazu, wo und wie der Freiraum aufgewertet werden soll. Erfordernisse und Potenziale zur Aufwertung ergeben sich regelmäßig im Rahmen von gesetzlich geforderten Ausgleichspflichten für Eingriffe in Natur und Landschaft. Bebauungspläne für verdichtete innerstädtische Siedlungen ziehen in der Regel einen solchen Ausgleichsbedarf nach sich.

Früher verlangten die rechtlichen Grundlagen, dass ein Eingriff in Natur und Landschaft, der durch einen Bebauungsplan vorbereitet wurde, im Plangebiet desselben Bebauungsplans auszugleichen sei. Diese Ausgleichspflicht schuf also regelmäßig Freiflächen in unmittelbarer Nähe der Flächen, die baulich genutzt werden durften. Inzwischen ist die Ausgleichspflicht in der Eingriffsregelung jedoch bereits seit einiger Zeit deutlich flexibilisiert. Der Ausgleich kann nicht nur außerhalb des jeweiligen Plangebiets stattfinden. Auch hat das Bundesnaturschutzgesetz Instrumente wie den Flächenpool und das sog. Ökokonto eingeführt. Hierfür werden meist große zusammenhängende Flächen im Außenbereich naturschutzfachlich aufgewertet und dann – Stück für Stück – den einzelnen Eingriffen, die beispielsweise im innerstädtischen Bereich stattfinden, zugeordnet. Damit kann innerstädtisch die kompakte Stadt entstehen.

Aber auch für die Natur ergeben sich daraus besondere Chancen. Aus den Flächenpools können großräumige Rückzugsorte für geschützte Arten entstehen. Auf größeren Flächen können überlebensfähige Populationen auch von Arten entstehen, die auf größere Minimal-Areale angewiesen sind. Hinzu kommen anspruchsvolle Habitat-Anforderungen mancher Arten, die in bestimmter räumlicher Entfernung unterschiedliche Biotope für unterschiedliche Lebensvorgänge wie Balz, Brut, Jungenaufzucht oder Ähnliches brauchen. Je größer eine Ausgleichsfläche ist, desto eher kann dort ein solches Mosaik aus unterschiedlichen Biotopen entstehen. Auch Störungen von außen wird man auf größeren Flächen besser Herr, sodass besonders scheue und störungsempfindliche Arten auf diese Weise gefördert werden können.

All solche komplexeren Anforderungen an die Zusammensetzung von Natur und Landschaft kann man auf größeren Flächen besser und mit größerer Naturnähe erfüllen. Man kann besser umfassende Konzepte wie beispielsweise die Renaturierung von Fluss- und Bachläufen, die Wiedervernässung von Grünland oder auch die naturnahe Aufforstung von Wald bewerkstelligen.

Dennoch kann man auch solchen Konzepten Kritik entgegenbringen. Sie mögen einen an große Naturreservate oder Nationalparks in Afrika erinnern, die von manchen als große Zoos gesehen werden und als Entschuldigung herhalten müssen für die großräumige Naturzerstörung auf den restlichen Flächen. Konzentriert man Ausgleichsflächen, erreicht man an bestimmten Stellen eine hohe Naturnähe, vermisst das Grün aber an anderen Stellen vielleicht zu sehr.

Insofern hat es auch Sinn, für Ausgleich vor Ort zu sorgen, wenn die bauliche Dichte steigt. Man denke nur an den erheblichen Erholungsdruck auf innerstädtische Parks und an die immensen Widerstände, sollte ein innerstädtischer Park zu Bauland umgewandelt werden. Gerade in Wohngebieten erhöhen grüne Oasen die Lebensqualität. Hier kann der kleine Park um die Ecke sehr viel wichtiger sein als der großräumig aufgeforstete Wald in mehreren Kilometern Entfernung. Letzteren regelmäßig am Wochenende aufsuchen zu müssen, weil in der Innenstadt gar keine Erholung im Grünen mehr möglich ist, verstärkt zudem die Verkehrsbelastung.

In diesem Zusammenhang spielt auch der Klimaschutz eine Rolle. Je mehr die Versiegelung zunimmt, desto stärker heizen sich die Städte auf. Gerade seit der sog. Klimaschutznovelle der Baugesetzbuches werden Bauträgern hier häufig Anforderungen wie Dachbegrünungen oder die verpflichtende Pflanzung einer bestimmten Anzahl von Bäumen auferlegt, um die Bauvorhaben möglichst klimaneutral zu gestalten.

Das Grün erfüllt also gerade auch in der Stadt wichtige Funktionen, macht sie insbesondere lebenswerter. Auch die kompakte Stadt wird daher nie ohne Grün- und Freiflächen auskommen (wollen).

Letztlich wird die konkrete städtebauliche Situation entscheiden. Innenverdichtung und Entwicklung zur kompakten Stadt haben den Charme, wertvolle Fläche zu sparen und die Stadt der kurzen Wege zu ermöglichen. Dem können großräumige Ausgleichsflächen im Außenbereich gegenüberstehen, auf denen ehrgeizige Naturschutzprojekte verwirklicht werden können. Dennoch wird man auch immer für genügend Grün- und Freiraum in der Stadt zu sorgen haben, damit ihre Bürger auch morgen noch in ihr leben wollen und können. Das Bau- und Planungsrecht sowie seine Anwender haben die anspruchsvolle, aber spannende Aufgabe, Mittel und Wege zur Realisierung der verschiedenen Konzepte für Dichte und Freiraum zu finden.


Dr. jur. Cornelia Wellens

Fachanwältin für Verwaltungsrecht bei CBH Rechtsanwälte Cornelius Bartenbach Haesemann und Partner, der Kanzlei für das juristische Projektmanagement von Planungsverfahren in Köln. Sie ist nicht nur promovierte Juristin, sondern auch Diplom-Landschaftsökologin, weswegen sie ihren besonderen Schwerpunkt im Naturschutzrecht gesetzt hat. Als Spezialistin im Planungs- und Umweltrecht begleitet sie Investoren bei der Aufstellung von Bebauungsplänen und in Planfeststellungs- sowie Genehmigungsverfahren.

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