MASSE UND KLASSE

Ein Beitrag von Prof. Dr. Susanne Frank und Ulla Greiwe.

Mit dem Druck genug Wohnraum für eine wachsende Zahl an Nachfragern zur Verfügung stellen zu müssen, laufen Aspekte der Wohnqualität Gefahr in Vergessenheit zu geraten. Gemeinschaftliche Wohn- und Bauprojekte stellen hier eine mögliche Lösung dar.

Die Wohnungsfrage ist zurück auf der politischen Agenda. In den Ballungsräumen und den Universitätsstädten explodieren die Immobilienpreise ebenso wie die Mieten. Bezahlbarer Wohnraum wird verzweifelt gesucht – schon lange von Armen, Alten, Alleinerziehenden, Studierenden, vielerorts zunehmend auch von Menschen mit mittleren Einkommen. Nun kommen noch die Flüchtlinge als große Nachfragegruppe hinzu. Sie machen ein lange schon virulentes, politisch aber hartnäckig ignoriertes Problem nur endgültig sichtbar: Wachsende Teile der Gesellschaft haben erhebliche Schwierigkeiten, sich am Wohnungsmarkt zu versorgen. Während das Luxuswohnen und der urbane Eigenheimbau für die Besserverdienenden boomten, wurden für den Neubau günstiger Mietwohnungen kaum Anreize geschaffen. Zahlreiche Länder und Kommunen haben die hierfür zur Verfügung stehenden Mittel lange sehr zurückhaltend abgerufen bzw. zweckentfremdet. Zur Sanierung ihrer Haushalte haben der Bund, einige Länder und viele Kommunen ihre Wohnungsbestände verkauft und sich so eines wesentlichen Steuerungsinstruments begeben. Auch der anhaltende, durch die Wirtschafts- und Finanzkrise ausgelöste Run auf das „Betongold“ hat einiges dazu beigetragen, die Preise für Miete und Eigentum in die Höhe zu treiben.

Nun also die große politische Kehrtwende: „Bauen, bauen, bauen“ lautet das Gebot der Stunde. Erschwingliche Wohnungen müssen her: schnell, flexibel, kostengünstig und in großer Zahl. Die schiere Menge der benötigten Wohnungen lässt es nicht zu, diese Aufgabe allein im Bestand mit der Mobilisierung von Leerständen, Baulückenschließungen, Dachgeschossausbauten oder Gebäudeaufstockungen zu lösen. Es werden nicht nur Wohnungen, sondern ganze Siedlungen gebaut werden müssen, wobei die Diskussionen um angemessene Größenordnungen und die soziale Zusammensetzung der Bewohnerschaft gerade erst begonnen haben.

Auf Bundes-, Landes- und kommunaler Ebene werden aktuell die Voraussetzungen für raschen Wohnungsneubau in großem Stil geschaffen.  In atemberaubendem Tempo werden gesetzliche Normen verändert. In vielen Ländern werden die Förderkonditionen für sozialen Wohnungsbau attraktiver gestaltet. Die etablierten Verfahren in Sachen Bauleitplanung,  Baugenehmigungen und Bereitstellung von Bauland werden beschleunigt. Breit diskutiert werden auch die Aussetzung oder Absenkung bisheriger Standards, etwa in Bezug auf Natur-, Klima- und Lärmschutz, Energieeffizienz, Barrierefreiheit oder Komfort. Gefordert werden zum Beispiel die Verwendung kleinerer Fenster oder der Verzicht auf Aufzüge und Kellerräume.

Wir halten die zeitnahe Schaffung preisgünstigen Wohnraums für unabdingbar, möchten aber auf zwei Aspekte hinweisen, die keinesfalls aus dem Blick geraten dürfen. Zum einen sollten wir nicht bereit sein, für die zweifellos benötigten Quantitäten sämtliche Qualitäten des Wohn- und Siedlungsbaus in den Wind zu schießen. Damit eng zusammenhängend: Zum anderen muss Wohnungsbau als Instrument der Stadtteil- und Quartiersentwicklung verstanden und konzipiert werden. Auch wenn der Druck groß ist, wir dürfen jetzt keine reine Mengendebatte führen. Es geht um die Schaffung von Nachbarschaften.

Gerade in Bezug auf qualitativ hochwertigen, nachbarschaftsorientierten Wohn- und Siedlungsbau ist in den letzten Jahrzehnten vielfältig experimentiert worden. Aus den gesammelten Erfahrungen gilt es, zu lernen. Wir möchten hier nur zwei Beispiele herausgreifen:

Besonders instruktiv sind gemeinschaftliche Wohnprojekte. Dabei handelt es sich meist um selbstinitiierte Vorhaben in unterschiedlichen Rechtsformen (WEG, Genossenschaft, Investorenmodelle) und mit unterschiedlichen Zielen (generationsübergreifendes Wohnen, altengerechtes Wohnen, inklusives Wohnen, Frauenwohnprojekte). Ihre Ansätze, die je spezifischen Vorstellungen vom (Zusammen-)Wohnen zu realisieren, haben hohe Aufmerksamkeit in der (Fach-)Öffentlichkeit erfahren und zahlreiche Preise für innovativen Wohnungs- und Städtebau erhalten.

Ebenfalls lehrreich sind die Erfahrungen der Internationalen Bauausstellung Emscher Park. Die Projektreihe „Wohnen in der Siedlung – Neubau und Erneuerung“ beinhaltete die Handlungsfelder „Wohnmodelle in einer Größenordnung von 30 bis 60 Wohnungen als integrierte Bestandteile der Stadtteilentwicklung“ und „Neubau städtebaulich geschlossener Siedlungen in einer Größenordnung von 100 bis 250 Wohnungen“.  Die Modellprojekte wurden den Siedlungsprojekten zeitlich vorgeschaltet, um aus ihnen Qualitätsbausteine für größere Siedlungsvorhaben ableiten zu können. Im Rahmen der IBA wurden ca. 2500 Wohnungen errichtet, mit einem Anteil von rund 75 % als öffentlich geförderte Mietwohnungen mit Belegungs- und Mietpreisbindung. Die neuen Siedlungen wurden als „Dörfer“ betrachtet, in denen ein neues Gemeinwesen entsteht.

Auch wenn die Beispiele weit auseinanderliegen, lassen sich aus ihnen – wie auch an anderen Projekten für qualitativ hochwertigen und zugleich kostengünstigen neuen Wohnraum – mindestens fünf Qualitätsmerkmale ableiten, die schlaglichtartig benannt werden sollen:

  • Auswahl von Grundstücken in möglichst zentralen, integrierten Lagen und mit guter infrastruktureller Anbindung
  • Wettbewerbsverfahren zur Sicherung architektonischer, ökologischer und sozialer Qualitätsstandards
  • Selbstgesteuerter Gruppenfindungs- und Planungsprozess bzw. Mitwirkung von künftigen Bewohner-innen oder Stellvertreter-innen an Planungs- und Wettbewerbsverfahren (so auch gehandhabt im immer als vorbildlich geltenden geförderten Wiener Wohnungsneubau)
  • Bauliche Orientierung auf Gemeinschaftsflächen (Höfe, Gärten) und Gemeinschaftseinrichtungen (Werkstatt, Merkzweckräume, Gästewohnungen u. a. m.) als Angebote zur Bildung von sozialen Netzen und informellen Strukturen, Erdgeschosse für unterschiedlichste Nutzungen freihalten
  • Unterstützung von Nachbarschaftsbildung, Verknüpfung mit Gemeinwesenarbeit; solche Angebote müssen förderfähig sein.

Auch wenn die Beachtung solcher Anforderungen den Wohnungsneubau verzögern mag – es wird sich lohnen. Denn es geht nicht um die bloße Unterbringung von Menschen, sondern um die Entstehung stabiler Quartiere und Netzwerke. Hierfür braucht es engagierte Planungsprozesse. Für gutes, partizipatives, kostengünstiges Planen und Bauen gibt es Partner mit Erfahrungen: gemeinnützige Genossenschaften, öffentliche Wohnungsunternehmen oder auch alternative Träger wie Mietshäusersyndikate. Sie sollten wesentliche Akteure sein, wenn es darum geht, die Städte wieder zu Orten zu machen, die für alle attraktiv und bezahlbar sind.


Prof. Dr. Susanne Frank

wurde 1967 geboren und studierte Soziologie und Wissenschaftliche Politik an der Universität in Freiburg. Seit 2007 ist sie als Professorin am Fachgebiet Stadt- und Regionalsoziologie an der Fakultät Raumplanung der Technischen Universität Dortmund tätig. Ihre Forschungsschwerpunkte sind der Wandel von Siedlungsstrukturen in urbanen Regionen (Reurbanisierung/ Suburbanisierung/Gentrifizierung) sowie die Soziologie des Wohnens

Ulla Greiwe

wurde 1959 geboren und arbeitet als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät Raumplanung der Technischen Universität Dortmund. Dort ist sie schwerpunktmäßig für die Themen Stadtentwicklung, Stadterneuerung und Wohnungswesen sowie Berufsfeldforschung zuständig.

2 Kommentare

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