ERINNERUNGSDORF TARDE SOLL ALZHEIMER-PATIENTEN HELFEN

In einem Vorort von San Diego, Kalifornien, ist ein neues „Stadtviertel“ geplant. Normalerweise ist die Intention von Architekten, Städte zu modernisieren – hier allerdings will man in die 50er Jahre zurückkehren. Und das aus einem ganz bestimmten Grund: Alzheimer-Patienten helfen. Der geplante Glenner Town Square ist mit Rathaus, Kino, Park, Restaurant, Krankenhaus und jeglichen Annehmlichkeiten einer normalen Stadt ausgestattet. Nur das dies keine normale Stadt ist: Alle geplanten Gebäude sind Mini-Versionen ihrer Vorlagen, die genauso einmal in dem Vorort gestanden haben, sodass sie alle in eine etwa 15.000 m² große Industriehalle mit einer 24m hohen Decke passen. Bislang ist nur das Rathaus fertiggestellt worden – eine kleine Nachbildung des früheren Rathauses, die funktionsfähig und täuschend echt ist: Im Inneren wie Äußeren ist es gestaltet wie das frühere Gebäude, ausgestattet mit blau-weißem Fliesenbild an der Decke mit dem Logo der Stadt.

Die Hauptbesucher der neuen alten Stadt werden Alzheimer-Patienten und ihre Familien der gemeinnützigen Glenner Alzheimer Familienzentren sein – sie werden sich dort auf die Spuren ihrer Erinnerungen begeben können. Genau das ist von den Gründern gewollt: Eine Stadt bauen, um Erinnerungen auszulösen. Es ist eine der ersten immersiven Einrichtungen dieser Art in den USA.

Die Erinnerungen von Menschen sind etwa zwischen 15 und 25 Jahren am stärksten. Die meisten dort ansässigen Patienten sind Anfang 80 – man hat also errechnet, dass ihre einprägsamsten Erinnerungen in den 50er und 60er Jahren entstanden sein müssten.

Die „falsche“ Stadt Tarde folgt dem Ansatz der Reminiszenz-Therapie, die durch ein Demenzdorf in Amsterdam im Jahr 2000 wieder populär geworden ist. Es ist eine Alternative zu Pflegeheimen und medikamentöser Behandlung der Alzheimer-Erkrankung, die Klänge, visuelle Hinweise und greifbare Objekte nutzt, um Erinnerungen an persönliche Erfahrungen zurückzubringen. Auch in Ohio sind drei ähnliche solcher Einrichtungen entstanden, die wie Städte in den 30er und 40er Jahren aussehen. Das Außenlicht wir dort mit LEDs simuliert, genauso hört man simulierte Geräusche von Singvögeln und ein beruhigender Pfefferminz-Duft liegt in der Luft – all das soll den Eindruck des normalen alten Lebens hervorrufen, wie die Patienten es in Erinnerung haben. Die dahinterstehende Idee ist, dass man das Funktionsniveau soweit anheben möchte, dass Erkrankte zum Großteil wieder selbstständig leben können.

Wenn das Dorf fertig gestellt ist, werden Betreuer kleine Gruppen von Patienten durch die Stadt führen, wo sie einkaufen, im Restaurant mit ihrer Familie sitzen oder anderen alltäglichen Dingen in den 14 unterschiedlichen Gebäuden nachgehen können – ohne verloren zu gehen.

Kurz vor der Eröffnung des Rathauses waren Handwerker und Künstler noch mit dem letzten Schliff beschäftigt, der die Stadt möglichst echt aussehen lassen sollte, mit Straßenschildern, Münztelefonen und Laternen – sogar den Jahrzehnten entsprechende Fahrzeuge werden besorgt. Sie entstehen in Zusammenarbeit mit der Oper. Der Unterschied zwischen Bauen für die Bühne und die künstliche Stadt ist die Funktionsfähigkeit, die in letzterer im Vordergrund steht.

Wahrscheinlich wir die Stadt am hilfreichsten für Patienten mit frühen bis mittleren Stadien der Erkrankung sein. Es werden unterschiedliche Reaktionen möglich sein, auch abhängig davon, ob der Patient tatsächlich in der Stadt aufgewachsen ist. Anderen Patienten kann es schon helfen, die Bewegung eines typischen Alltags in einem geschützten Raum zu durchlaufen. Dies ist auch angenehm für die Familien der Erkrankten, die mit den betroffenen Familienmitgliedern etwas unternehmen können, ohne Angst vor unerwarteten Reaktionen haben zu müssen.

Wenn die Stadt einmal in Betrieb genommen wurde, wird man sie stetig anpassen , je nachdem was sich als effektiv erweist – beispielsweise die geplante Wolkenlandschaft, deren durchlässige Lichtmenge an die Tageszeit angepasst werden soll. Geplant ist, weitere solcher Dörfer in anderen Städten zu konstruieren, das nächste ist in Baltimore geplant.

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Fotocredits © Senior Helpers / May Lee CGTN

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