ONLY CHANGE IS CONSTANT

Alle zwanzig Jahre wird das höchste Heiligtum Japans, der Ise-Schrein ab- und wiederaufgebaut. Bruno Taut sah in ihm das östliche Äquivalent zum Parthenon. Japanische Architektur und Gestaltung – hier zur Vereinfachung homogen gedacht – fasziniert westliche Architekten und Stadtplaner schon seit langer Zeit. Wenn die Interpretationen auch variieren, scheint ihnen doch gemein, dass sie die japanische Architektur für ihre Schmucklosigkeit und Reinheit bewundern. Frank Lloyd Wright bestaunte darüber hinaus vor allem die organische Architektur. Darunter verstand er unter anderem die Fähigkeit der Gebäude zu wachsen und die damit einhergehende konstante Veränderung.

Der japanische Architekt, Philosoph und Literat Kisho Kurokawa prägte wie kein anderer die japanische Architekturtheorie und machte sie über die Grenzen Asiens hinweg populär. Seine Theorien der „Symbiosis“ und des Metabolismus vereinigen scheinbar binäre Oppositionen und weisen auf Kreisläufe hin, die auch für die Architektur von nachhaltigem Interesse sein sollten.

Die Theorie der „Symbiosis“ erklärt sich vor allem in Abgrenzung zu westlicher Philosophie. Im japanischen Kulturraum wird der rationale Dualismus weitestgehend abgelehnt. Seit dem 20. Jahrhundert hielt dieses Leitbild allerdings auch in der westlichen Akademie Einzug. Federführend wirkte hier der Sozialanthropologe Claude-Lévi Strauss, der die Relativierung des eurozentrischen Weltbildes anstieß. Der binären Opposition setzte Kurokawa die möglicherweise typisch japanische Bereitschaft des Existierens im Zustand des Widerspruchs entgegen. Diese vielschichtigere Denkweise werde der Komplexität menschlicher Erfahrung gerechter, empfand Kurokawa. In seinem Werk „Die Philosophie der Symbiosis“ schreibt Kurokawa, der maßgebliche Wandel des 21. Jahrhunderts werde struktureller Natur sein. Gesellschaftlich bewege man sich weg vom Eurozentrismus und hin zur einer „Symbiosis“ der Pluralität der Werte.

Ausgehend von dieser Philosophie der Verbindung von Gegensätzen, entstand Kurokawas Theorie des Metabolismus, die ihren Einzug in die japanische Architektur zum Beispiel in Form des berühmten Nagakin Kapselturms hielt. In seiner Metabolismustheorie postulierte Kurokawa, Schönheit liege in der Vergänglichkeit. Damit stellte er sich den Maximen der europäischen Architektur entgegen, die vor allem auf Unvergänglichkeit und Formvollendung abzielten. Der 1934 geborene Architekt erlebte die Zerstörung japanischer Städte im Zweiten Weltkrieg hautnah mit. Der Aufbau vieler Städte, welcher der Zerstörung folgte, prägte wohl Kurokawas Philosophie, dass erster und letztere unzertrennlich miteinander verbunden seien. Japanische Städte sind in konstanter Veränderung. Deswegen beschäftigt sich die japanische Architektur mit Prozessen des Ab- und Wiederaufbaus, wie im Beispiel des Ise-Schreins. Kurokawa sah in der Theorie der Ökosysteme eine Relevanz für Architekten. Gebäude könnten mehrere Jahrhunderte überleben, sie müssten bloß regelmäßig erneuert werden. Metabolistische Architektur wird in der Erwartung der Veränderung geschaffen und zielt entsprechend nicht auf vollendete Formen ab. Die Vorstellung des Ineinanderfließens von Schöpfung und Zerstörung ist auch in der buddhistischen Lehre tief verwurzelt.

Wie aktuell der Metabolismus auch in Europa ist, zeigt vielleicht der Trend der sog. Tiny Houses. Hier wird die asketische, lokal ungebundene Lebensweise dem statischen und festverwurzelten vorgezogen. Die Tiny Houses funktionieren als eigenständige Organismen, in denen Abwasser wiederaufbereitet und Strom eigenständig erzeugt wird. Die gesellschaftliche und architektonische Zukunft liegt in der Erneuerung und der Auflösung vermeintlicher Widersprüche.

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