PLANUNGSKULTUR DER VIELEN – GENOSSENSCHAFTSKOMPLEX KALKBREITE ZÜRICH

© Volker Schopp

Die Förderung des gemeinnützigen Wohnungsbaus der Stadt Zürich hat eine über 100-jährige Tradition. Ende des 19. Jahrhunderts reagierte die Stadt damit auf die steigende Wohnungsknappheit, die die Industrialisierung und tausende in die Stadt strömende Arbeiter mit sich brachte. Mit der kostengünstigen Abgabe kommunaler Grundstücke hat sie bereits früh eine große Zahl genossenschaftlicher Wohnungen ermöglicht und darüber hinaus Genossenschaften mit entsprechend günstigen oder zinslosen Darlehen und Kapitelbeteiligen unterstützt. Ganz nach der Devise: Selbsthilfe, Selbstverwaltung und Selbstverantwortung statt Ausbeutung. Rund ein Viertel aller Wohnungen in Zürich sind heute in Besitz gemeinnütziger Bauträgerschaften, die sich verpflichtet haben, ihre Wohnungen zu Selbstkosten zu vermieten und sie dauerhaft Marktpreissteigerungen zu entziehen. Auf Wunsch der Züricher Bevölkerung soll die Stadt zukünftig eine noch forciertere Rolle in der aktiven Wohnpolitik spielen. Bis 2050 soll der Anteil gemeinnütziger Wohnungen ein Drittel der Mietwohnungen betragen.

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Zu den wichtigsten Merkmalen von Wohnungsgenossenschaften zählt aber nicht nur die Verpflichtung, bezahlbaren Wohnraum für eine breite Bevölkerungsschicht zur Verfügung zu stellen, sondern auch das Commitment für ein auf Gemeinschaft ausgerichtetes Zusammenleben, das stets mit einer gewissen Portion Aktionismus, Initiativbereitschaft und Experimentierfreudigkeit einhergeht. Ein über die Grenzen der Schweiz hinaus bekanntes Beispiel für besonderen Aktionismus ist die Genossenschaft Kalkbreite in Zürich. Als es im Jahr 2006 zunächst danach aussah, dass das etwa 6.350 m2große kommunale Grundstück, auf dem bis dato ein Straßenbahndepot betrieben wurde, von der Stadt mit Bürobebauung überplant werden soll, reagierten Aktivisten (darunter Quartierbewohner, Besetzerinnen, Architekten sowie Mitglieder benachbarter Genossenschaften usw.) mit dem stadt.labor-Workshop, der die Diskussion über die Zukunft des Grundstücks proaktiv ins Rollen brachte. Das Ziel: gemeinsam einen Gegenentwurf zu den Plänen der Stadt entwerfen und die einmalige Chance nutzen, aus einem „Unort“ einen attraktiven „Kraftort“ zu entwickeln. Von Beginn an lag der Fokus nicht nur auf der Realisierung von preiswertem Wohn- sondern auch kleinteiligem Arbeitsraum und öffentlich zugänglichen Bereichen, die eine über die Grundstücksgrenzen hinausgehende räumliche Impulswirkung erreichen sollten. Für den Planungs- und Partizipationsprozess wurde zunächst der Verein Kalkbreite gegründet, der 2007 durch die Genossenschaft Kalkbreite abgelöst wurde. Resultat ist ein visionäres, schlüssiges Konzept zum Wohnen und Arbeiten in einer zukünftigen Überbauung auf dem Kalkbreite-Areal. Im September 2007 erhielt die Genossenschaft schließlich den Zuschlag der Stadt für das Baurecht. Ausschlaggebend hierfür war, dass das Projekt das Areal baulich und sozial in den urbanen Kontext einbinden und zu einem lebendigen Stadtteilzentrum heranwachsen lassen würde. Das Nutzungskonzept überzeugte mit 5.000 mkleinteigen Gewerbe- und Geschäftsräumen mit Arbeitsplätzen für 200 Personen, gekoppelt mit 7.500 mWohnfläche für 250 Einwohner unterschiedlichster Einkommen, Nationalitäten, Altersgruppen, und Alterskonstellationen und dazu noch 600 mGemeinschaftsfläche. Anschließend ging alles Schlag auf Schlag: Nachdem 2009 das Architekturbüro Müller Sigrist den Wettbewerb für sich entschieden hatte, folgte Anfang 2011 die Baubewilligung. Noch vor Baubeginn waren beinahe alle Gewerbeflächen vermietet. Im April 2012 erfolgte die Grundsteinlegung. 2014 konnte die genossenschaftliche Siedlung schließlich eröffnet werden.

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Die Tramabstellanlage auf dem Areal wurde in neun Meter Höhe überdacht und somit zur Tramhalle. Die daraus entstandene, 2.500 mgroße Terrasse über den Gleisen dient heute sowohl den Bewohnerinnen und Bewohnern des Quartiers als auch der breiten Öffentlichkeit als grüner Erholungsraum inmitten der Stadt. Die Bewohnerinnen und Bewohner haben sich einem ressourcenschonenden Umgang verpflichtet. Dazu gehört nicht nur, dass sie im Schnitt auf 32 mWohnfläche pro Person leben (zum Vergleich: der Schweizer Durchschnitt liegt bei 45), sondern auch die Verpflichtung, auf ein eigenes Auto zu verzichten.

Auch sechs Jahre nach der Eröffnung der Kalkbreite ist das Interesse an den im Sinne des Gemeinwohles organisierten Wohn- und Geschäftsräumen ungebrochen. Durch die zentrale Lage, die Gewerbebetriebe, die Gastronomie und die innovativen Nutzungen, die im Bau angesiedelt wurden, sowie durch die hervorragende Erschließung mit dem öffentlichen Personennahverkehr, hat sich die Kalkbreite schnell zu einem vitalen Stadtteilzentrum entwickelt. In Zeiten explodierender Mieten lohnt sich der Blick auf dieses Modell des genossenschaftlichen Wohnens, das durchaus massentauglich ist.

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