VISIONARY – EIN HOCHHAUS ZUR RETTUNG DER WELTMEERE

© Honglin Li

Dass wir unseren Planeten nicht als selbstverständlich nehmen dürfen, sollte im Jahr 2020 wohl auch in den letzten Köpfen angekommen sein. Hochwasserkatastrophen, Hitzeereignisse, schmelzende Pole und nicht zuletzt warme, versauerte und vor allem vermüllte Ozeane. Schuld daran sind wir selbst, die Menschen, die auf diesem Planeten letztendlich nur Mieter auf Lebenszeit sind. Eine Lebenszeit, die endlich ist, aber ihre Spuren weit darüber hinaus hinterlässt. Ob sich die Ozeane jemals von der Flut aus Plastik befreien werden, bleibt fraglich. Derzeitige Schätzungen des globalen Eintrags von Plastikmüll in den Meeren geht von 4,8 bis 12,7 Mio. Tonnen pro Jahr aus. Das entspricht einer Lastwagenladung pro Minute. Allein auf dem Meeresboden, von dem sich der Müll am wenigsten schwer entfernen lässt, haben sich schätzungsweise 80 Mio. Tonnen Müll angesammelt, von denen über 800 Tierarten beeinträchtigt werden, die unsere Plastikabfälle verschlucken. Hinzu kommt das weitverbreitete Korallensterben – längst sucht der Influencer während seiner zehnten Fernreise vergeblich nach der einmaligen Farbenpracht der Korallenbänke im Great Barrier Reef vor Australien. Das perfekte Foto für Instagram hat er sich dabei aber selbst verspielt.

Zum Glück gibt es jedoch auch in unserer konsumgetriebenen Wegwerfgesellschaft immer wieder und spätestens seit Fridays-for-Future immer mehr Menschen mit Verantwortungsgefühl für unseren Planeten, die mit innovativen Ideen aufwarten. So hat der 25-jährige Niederländer Boyan Slat beispielsweise 2013 erstmalig mit seinem Projekt „The Ocean Cleanup“ öffentliche Aufmerksamkeit erlangt. Die Idee hinter „The Ocean Cleanup“ ist, vereinfach gesagt, ein hunderte Meter langes, schwimmendes Schlauchsystem, das den Plastikmüll in den oberen drei Metern der Meere einsammelt. Aus der Idee ist mittlerweile ein Start-up mit 80 Beschäftigten gewachsen, das das System in der Praxis erprobt und zu optimieren versucht.

© Honglin Li

Sie sind also da, die innovativen Ansätze und vor allem aber der Wille zur Veränderung und Schadensbegrenzung. Inwieweit auch architektonische Lösungen zur Säuberung der Meere beitragen könnten, zeigt jetzt eine Vision des Architekten und Designers Honglin Li auf, der 2019 seinen Master der Architektur an der Berkeley-Universität in Kalifornien absolvierte. Mit seiner Idee eines Wolkenkratzers, der sich aus dem Müll der Meere speist und diesen in Energie umwandelt, hat er 2019 in der vom eVolo Magazine ausgelobten Skyscraper Competition einen Ehrenpreis erhalten. Filtration nennt Honglin Li seine Müllentsorgungsanlage bzw. sein Müllheizkraftwerk, das sich inmitten des Great Pacific Garbage Patch – einem massiven Konglomerat von Abfall zwischen Ostasien und der Westküste der USA – befindet. Der riesige pazifische Müllstrudel, der gut zweimal so groß ist wie die Gesamtfläche des Bundesstaates Texas, wird unter anderem auch als achter Kontinent bezeichnet. Filtration kommt als ein hochmodernes und modularisiertes Bauwerk daher, das mit unterschiedlichsten Materialgewinnungs- und Wasseraufbereitungsanlagen ausgestattet ist. Die Anlagen erfüllen den Zweck, den schwimmenden Müll-Kontinent aufzubereiten und gleichzeitig die Meere und Ozeane rund um die Welt zu säubern. Die aus dem Müll gewonnene Energie dient dabei nicht nur zur Versorgung der Anlage selbst, sondern soll auch dabei die kommende, weltweite Energiekrise zu lösen. Filtration verwendet Meereswasser, um den Müll mit dem verschmutzten Wasser an den höchsten Punkt des Bauwerks zu pumpen. Dort wird das Wasser gefiltert und in verschiedenen Recyclingstationen – beginnend mit der ersten Station im oberen Gebäudeteil und endend mit der letzten Station im unteren Gebäudeteil – aufgewertet.

Auch wenn Honglin Li’s Filtration zunächst vor allem noch eine Vision ist, so zeigt er doch Ansätze auf, die sich in die Realität übertragen lassen. Vielleicht erst einmal im Kleinen, aber möglicherweise wächst daraus irgendwann doch etwas Großes. Solange der Teppich aus Müll, der die Ozeane unseres blauen Planeten dominiert, weiter wächst, sollte jede Vision ernst genommen werden und zum Nachdenken anregen.

© Honglin Li


Die Hauptstruktur

Der Kern des Turmes integriert eine flexible und umfangreiche Palette an Betriebsanlagen: Vom Kunststoffrecycling bis hin zum Müllheizkraftwerk. Die unterschiedlichen Anlagen sind vertikal an den vier Seiten der Haupt-struktur untergebracht – die meisten von ihnen sind als modulare Bauteile untergebracht und lassen sich auf diese Weise ganz flexibel, nach Bedarf austauschen.

 

Alle Details zu Honglin Li’s Projekt gibt es auch online nachzulesen: www.honglin-li.com

 

 

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