DIGITALITÄT VERBINDET

Im Gespräch mit Axel Lauterborn, Leiter organisation Rheinenergie und Bernd Preuss, Leiter Immobilienwirtschaft Stadtwerke Köln

Ich fange mal beim Thema Smart Cities an. Was ist, Ihrer Meinung nach, der Kern dieses Begriffs?
Lauterborn: Für mich ist die zentrale Bedeutung, innovative Technologien in die Städte hineinzuholen. Und die Stadt als geographische Plattform zu nutzen und Dinge auszuprobieren, die wir auch morgen noch brauchen, damit Städte weiterhin funktionsfähig sind. Dabei geht es nicht nur um Energie, sondern auch um Themen wie Verkehr, Daten, Abfallwirtschaft. Alles, was eine Stadt braucht, um zukünftig überlebensfähig zu sein.

Sie sprechen von einem geografischen Ankerpunkt. Es ist ja aber nicht nur ein territorial-geografisches Thema, sondern hat eine weitaus größere Komplexität, vor allem für die Kommunen. Wie und warum müssen sie diesen Umfang stemmen?
Zunächst ist es die ureigene Aufgabe einer Kommune, sich selbst zu verwalten. Und dieser Begriff der Daseinsvorsorge muss nun in ein neuzeitliches Verständnis überführt und praktisch erlebbar werden.

Wenn wir Urbanität denken, dann verbinden wir damit heute auch intelligente Stadtstrukturen. Welche Treiber sehen Sie in diesen für die Stadt von morgen?
Das sind zunächst technische Entwicklungen in allen Bereichen: Industrie 4.0, Digitalisierung, Verkehr, Energie, Wohnen und Leben. Eine zentrale Rolle spielt dabei die Auswertung von Daten und diese miteinander zu verknüpfen. Daraus werden sich völlig neue Arten des Zusammenlebens ergeben.

Das heißt, die bisher bekannten funktionalen Trennungen lassen sich gar nicht aufrecht erhalten?
Nein, nicht im bisherigen Bild. Die Stadtwerke gab es zum Beispiel schon immer. Und lange fragte man sich nach der Daseinsberechtigung dieser Institution. Aber im Kontext der neusten Entwicklungen in Bereichen wie Verkehr und Energie, besitzen die Stadtwerke doch ganz besondere Kompetenzen und gewinnen wieder zunehmend an Bedeutung. Für jedes einzelne Thema gibt es Spezialisten. Aber die Kunst wird sein, diese miteinander zu verknüpfen. Da ist sicher die Kommune darauf angewiesen, dass ihr Unternehmen zur Seite stehen, die alle Bereiche bündeln. Und an der Stelle werden die Stadtwerke wieder enorm wichtig. Ich möchte noch etwas ergänzen: Die existierenden Infrastrukturstränge der Stadt Köln vom Anfang des 19ten Jahrhunderts können gar nicht mehr verändert werden. Die Komplexität dieser Aufgabe mit einer Flexibilität, wie wir sie künftig brauchen, kann nur von einem guten Partner bewältigt werden.

Das bedeutet also für die Stadtwerke nicht nur eine neue Aufgabe, sondern auch ein neues Selbstverständnis?
Eine komplett neue Aufgabe würde ich nicht sagen. Aber vielleicht eine neu definierte. Oder fast wiederbelebt. Jetzt gilt es, sich den neuen Herausforderungen zu stellen und neuen Aufgaben nachzukommen. Über intelligente Formen des Straßenverkehrs, über neue Formen der Energieversorgung, über andere Formen des miteinander Lebens.

Sie werden sozusagen Stadtentwickler.
Das ist ein interessanter Begriff. Ich würde aber vielleicht eher Zukunftsgestalter sagen.

Vor einem Hintergrund intelligenter Stadtstrukturen sind die Stadtwerke also nicht mehr separater Dienstleister, sondern es findet über sie und die ihnen zur Verfügung stehenden digitalen Instrumente eine Integration statt, die es uns überhaupt ermöglicht, die Dinge wieder als Ganzes zu sehen.
Wir testen das gerade in einem EU-geförderten Projekt (in Kooperation mit Barcelona und Stockholm) in einem kleinen Gebiet in Köln, der Stegerwaldsiedlung. Da ist der Vernetzungsgedanke von ganz zentraler Bedeutung: auf den Dächern gibt es Photovoltaikanlagen, in den Häusern gibt es Batteriespeicher und für die Bürger ein Energiemanagement, so dass sie einen möglichst hohen Eigenverbrauch nutzen können. Überschüssige Energie wird in Elektrofahrzeuge abgegeben, die man dann auch von zu Hause aus buchen kann. Gleichzeitig kommt ein kleines Start-Up-Unternehmen hinzu, das ein Parkplatz-Sharing organisiert. Das funktioniert alles nur über Daten. Alle kleinen Kraftwerke werden in ein großes, virtuelles Kraftwerk eingebunden. Das ginge nicht ohne eine Datenverarbeitung im Hintergrund, quasi eine Integration aller Daten zu neuer Intelligenz. Noch ist das Projekt mit 635 Wohneinheiten eher klein, aber man wird es auf größere Bereiche übertragen können.

Das heißt, die Stadt der Zukunft – von diesem Modell ausgehend – ist eine Stadt des Stroms, der Elektroversorgung?
Ich glaube, Elektroversorgung ist nur ein Teil davon. Das Digitale wird das Wichtige sein. Auch wenn ohne Strom natürlich nichts läuft. Aber das Digitale verbindet die verschiedenen Dinge miteinander und es wird künftig auch neue Mobilitätsmuster geben. Und auch das wird man nur über Daten und über Vernetzung hinbekommen. Die Technik ist der Treiber.

Die Stadtwerke wachsen also in die Kompetenz der Datenerhebung, der Datenauswertung und der Datensteuerung hinein?
Müssen sie. Und darüber hinaus noch in die Koordination und Zusammenführung der einzelnen Akteure. Ähnlich wie auch bei Quartiersentwicklungen schaut man sich heute nicht mehr nur einzelne Grundstücke an, sondern versucht, die gesamte Region zu betrachten. Es wird immer schwerer, eine solche Komplexität in den Griff zu bekommen. Man versucht also zunehmend, eine Gemeinschaft zu schaffen. In diesem Zusammenhang sprechen wir natürlich auch über wahnsinnige wirtschaftliche Aspekte. Es geht um Risikotragung. Und das funktioniert in gewachsenen Strukturen generell besser. An dieser Stelle sehe ich die Stadtwerke mit einem strategischen Vorteil.

Das geht ganz deutlich in die Ebene der Quartiersqualifizierung hinein und bringt unausweichlich auch immobilienwirtschaftliche Fragen mit sich.
Ein wichtiger Bestandteil des Projekts in Köln ist natürlich auch die DEWO, die die Flächen zur Verfügung stellt. Ohne die Wohnungswirtschaft geht so etwas nicht. Wir sprechen immer öfter von Arbeitswelten, Wohnwelten, Mobilitätswelten – in Wirklichkeit ist es aber eine Welt. Wir ziehen da etwas auseinander, was eigentlich zusammen gehört.

Das ist ein unglaublich hoher integrativer Ansatz, was die Stadtgestaltung angeht. Wollen Sie diese Rolle viel aktiver entwickeln?
Wir als Energieversorger werden die Welt isoliert nicht bewältigen können. Wir müssen kooperieren. Dieser integrative Ansatz ist eine Chance. Wie könnten wir besser mitbekommen, wer gerade etwas in Köln tut, wer die wichtigen Player sind, als über das Projekt Smart City.

Wie viel Leistungsfähigkeit hat der heutige Stand, wie sieht die Perspektive aus und welche Intensität können wir in den nächsten Jahren erreichen?
Ich glaube, wir stehen da sehr am Anfang, insbesondere, was den integrativen Ansatz angeht. Städte, die es schaffen, eine wesentlich höhere Integration hinzubekommen und sich damit für weitere Player und Unternehmen am Markt zu qualifizieren, werden einen enormen Vorteil haben und einen großen Fortschritt machen – sowohl, was Technik angeht, als auch die Beschäftigungslage.

Der zentrale Ansatz ist aber das Wohnen, zu dem alle anderen Aspekte zugeordnet werden (Mobilität, Energie, …)?
Ich würde sagen, eher das Leben in der Stadt. Wohnen ist ein großes Element davon, aber sicherlich gehören Arbeit, Unterhaltung, Mobilität und Versorgung auch dazu. Das sehen wir auch in der Entwicklung der Städte. Es wird immer mehr darauf hinauslaufen, dass die Attraktivität der Städte genutzt wird, damit die Arbeit in die Städte kommt und nicht mehr – wie in der Vergangenheit oft versucht – anders herum. Das Konzept von Arbeiten und Leben auf der grünen Wiese wird es zukünftig nicht mehr verstärkt geben.

Es bleibt die Frage: Wo fängt man an, was ist der Anker für diese Überlegungen?
Sicherlich war bei dem Projekt in Köln zunächst das Wohngebiet als solches der erste Anker. Der zweite wichtige Punkt liegt dahinter. Man muss sich überlegen, wie man die Komplexität des menschlichen Lebens verringern kann. Wir wollen es schaffen, dem Menschen Möglichkeiten zu bieten, das eigene Leben zu vereinfachen. Völlig richtig. Ich sehe da auch eine gesellschaftliche Veränderung. Bei bestimmten Themen gibt es mittlerweile eine Offenheit, die vor einigen Jahren noch gar nicht vorstellbar war. Der moderne Mensch hat zum Beispiel keine Probleme damit, von Statussymbolen, wie beispielweise dem Auto, Abstand zu nehmen. Die Kölner Verkehrsbetriebe stellen Mobilität auch über Fahrräder dar und legen damit ein Mobilitätskonzept vor, das vor 20 Jahren keine Chance gehabt hätte.

Herr Preuss, was bieten Sie denn wem mit diesen Kompetenzen der Stadtwerke für die Zukunft an?
Zunächst erst mal der Stadt selbst eine Gesellschaft, die in der Lage ist, diese Vernetzung, über die wir eben gesprochen haben, zu gewährleisten und auf moderne Anforderungen auszurichten. In erster Linie Problemlöser zu sein. Die Stadtwerke selbst sind aber auch ein im Markt sehr hart kämpfendes Unternehmen. Deswegen sind wir auch auf Kooperationen mit der Privatwirtschaft angewiesen und wollen diese auch. An dieser Stelle können und müssen wir ein Andockpunkt sein.

Die Stadtwerke, die in der Quartiers- und Projektentwicklung bisher keine zentrale Rolle gespielt haben, werden ein Akteur sein, der zunehmend seine Kompetenzen einbringen und voran treiben kann.
Daher werbe ich verstärkt dafür, dass die Stadtwerke mehr denn je ihre Daseinsberechtigung haben, weil ich an dieser Stelle keine anderen Akteure sehe und gleichzeitig dafür, dass sie sich auch selbst verändern können. Man muss Mobilitätsanforderungen insgesamt komplexer beantworten und das Thema der veränderten Energie- und Versorgungsstruktur berücksichtigen. Man kann sich da nicht auf klassische Sparten der Energieerzeugung verlassen. Genauso wenig kann der Wohnungsbau nur ein Thema der privaten Hand sein.

Im Grunde haben Sie eine Scharnierfunktion zwischen Kommune und Privatwirtschaft.
Das sehe ich genau so. Und ich wünsche mir auch, dass dieser Raum verstärkt wahrgenommen wird. Dafür gibt es aber bisher keine vorgegebene, optimale Lösung.

Wie würden Sie, in einem solchen Kontext, das Leistungsprofil beschreiben, das darzustellen ist?
Es wird über eine reine Beratungsfunktion hinaus gehen müssen und in Zukunft nicht ohne Investitionen funktionieren. An dieser Stelle muss auch unternehmerische Verantwortung übernommen werden. Wir verändern uns bisher aber noch nicht in dem Maße, wie wir es eigentlich müssten. Es gibt noch viele Defizite und es muss dringend einen Schub nach vorne geben.

In diesem Sinne bedanke ich mich für ein impulsgebendes Gespräch.

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