Smarte Daten, smarte Städte

Herr Wachmann, Sie leiten das New Technology Field Sustainable Cities. Was versteht Siemens unter einer nachhaltigen Stadt der Zukunft?
Dr. Bernd Wachmann: Emissionsfrei, ressourcen- und energieeffizient sowie lebenswert – das sind die wichtigsten Eckpunkte einer idealtypischen nachhaltigen Stadt der Zukunft. Unsere Aufgabe ist es, wirtschaftliche Lösungen zu entwickeln, um die CO2-Emissionen von Städten zu reduzieren, ihre Ressourcen- und Energieversorgung zu verbessern und somit die Lebensqualität der Einwohner zu erhöhen.

Wie kann das gelingen?
Wachmann: Zuerst brauchen wir eine möglichst hohe Transparenz der täglichen Abläufe in Städten: Wie sehen Energie- und Materialströme aus, wie benutzen die Bürger die Infrastruktur und welche Kosten tragen die Städte? Diese Informationen sind die Grundlage für die Optimierung und Erneuerung der Infrastruktur.

Wie funktioniert das genau?
Dr. Christian Schwingenschlögl: In Städten pulsiert das Leben. Egal ob Stromnetz, Wasserversorgung oder Verkehrsflüsse: Mittels unzähliger Sensoren sammeln Metropolen permanent verschiedene Daten zu ihrem Innenleben. Diese Daten sind wertvolles Wissen, das bislang noch zu wenig genutzt wird. Hier setzen wir an. Mit der City Intelligence Platform (CIP) greifen wir die gesammelten Daten auf, analysieren sie mit speziellen Algorithmen und werten sie in Echtzeit aus.

Können Sie ein Beispiel nennen?
Schwingenschlögl: Natürlich. Es existieren zahlreiche Datenquellen, aus denen wir auf die aktuelle Verkehrssituation schließen können. So haben wir einen sehr guten Überblick über die Situation auf den Straßen und gleichzeitig über die Fahrplantreue des Öffentlichen Personennahverkehrs (ÖPNV) sowie die Auslastung von Sharing-Systemen. Auf dieser Basis können wir Analysen erstellen, um das gesamte Verkehrsgeschehen in der Stadt besser zu verstehen. Dies hilft, den Betriebsablauf von Ampelschaltungen oder die Taktung von Buslinien zu verbessern, ebenso die Verfügbarkeit von Car-Sharing-Fahrzeugen und Mietfahrrädern. Das bringt mehrere Vorteile: Die Attraktivität nachhaltiger Verkehrsmittel wächst, lokale Schadstoffemissionen sinken, und für den Einwohner steigt die Lebensqualität in seiner Stadt. Wachmann: Der wesentliche „Motor“ der CIP sind die Algorithmen, die es erlauben, aus der Vielzahl von Daten verschiedener Systeme die relevanten Informationen abzuleiten. Wir verwenden die neuesten Technologien für Vorhersage und Risikomanagement und entwickeln diese ständig weiter. So ist es möglich, das Nutzverhalten der Bürger und die technischen Eigenschaften der Infrastrukturen zu kombinieren und sehr genaue Prognosemodelle zu erstellen. Diese Modelle ermöglichen eine optimierte Auslastung und Anpassung der Infrastruktur an die Bedürfnisse der Bürger.

Sie haben 2012 begonnen, die City Intelligence Platform zu entwickeln. Nun, drei Jahre später, mündet diese Forschungsarbeit in eine marktreife Technologie. Wie sehen Sie diese Entwicklung?
Wachmann: Sehr positiv. Unsere grundlegendste Aufgabe bei Corporate Technology ist es, Technologien zu entwickeln, sie ausführlich zu testen und so weit zu verbessern, dass sie Produktreife erlangen. So sollen aus unseren ursprünglichen Ideen Lösungen entstehen, die unseren Kunden das Leben erleichtern und für Siemens neue geschäftliche Möglichkeiten eröffnen. Das gilt auch für die CIP: Wir arbeiten aktuell daran, die im Projekt entwickelten Technologien in eine Siemens-Geschäftseinheit zu überführen. Schwingenschlögl: Natürlich macht es uns stolz, dass unsere Innovation jetzt Produktreife erreicht hat. Mit unseren Pilotinstallationen haben wir eine ausgezeichnete Ausgangsbasis und konnten im Praxiseinsatz bereits sehr wertvolle Erfahrungen sammeln. Besonders freue ich mich darauf, den Kontakt mit weiteren Städten zu suchen und gemeinsam weitere Anwendungsmöglichkeiten zu entwickeln.

Für welche Städte ist die City Intelligence Platform geeignet?
Schwingenschlögl: Unsere Software ist prinzipiell für jede Stadt geeignet, die ihre Nachhaltigkeit steigern will. Sie ist auf verschiedene Einwohnergrößen skalierbar, und auch die einzelnen Funktionalitäten können, ähnlich wie in einem Baukastensystem, individuell auf die Bedürfnisse und Wünsche einer Stadt maßgeschneidert werden.

Sie beschäftigen sich seit Jahren mit der Entwicklung von Städten. Wie sehen Sie die Zukunft der Städte im Jahr 2050?
Wachmann: Idealerweise hat sich bis dahin die gesamte Infrastruktur perfekt an die Bedürfnisse des Menschen angepasst. Wir erwarten eine Stromversorgung, die ausschließlich auf erneuerbaren Energien basiert, und eine Mobilität, die rein elektrisch funktioniert und in weiten Teilen autonom abläuft. Das würde die Emissionen wesentlich senken. Eine erste Stadt, die dieser Vision bereits heute sehr nahekommt, ist Kopenhagen.

Das Interview führte Ulrich Kreutzer

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