Technologien als Verstärker

Im Gespräch mit Hilmar von lojewski, Beigeordneter des deutschen städtetages Seitens des Deutschen Städtetages haben Sie sich mit dem Thema „Smart City“ und auch implizit mit der Begrifflichkeit beschäftigt.

Wie lässt sich aus Ihrer Sicht Smart City definieren?
Smart City lässt sich in drei Dimensionen betrachten: Wir haben zunächst die „smarte“ Smart City, die Stadt, in der man nachdenkt, bevor man etwas tut. Das umfasst integrierte Planungen, Abwägungen, Diskussionen, die Öffentlichkeit und Experten einzubeziehen, bevor politische Richtungsentscheidungen getroffen werden. Die zweite Dimension ist für mich die „solid“ Smart City. Darunter fallen der Einsatz von Technologien und Hardware sowie die Verknüpfung verschiedener Module, um beispielsweise Energieeffizienz, Wärme- und Kälteerzeugung sowie -verteilung und Mobilität besser zu organisieren. Dafür muss man Hardware kaufen, betreiben, steuern und vor allem auch die Expertise dazu haben. Und dazu muss man Geld in die Hand nehmen. Und schließlich gibt es die „softe“ Smartness, bei der ich in erster Linie von der Zusammenführung und Auswertung von Daten sowie der Generierung neuer Anwendungen spreche.

Die Diskussion ist motiviert von unterschiedlichen Akteuren und Intentionen. Wer sind die Treiber?
Ich denke, das muss man in verschiedenen Phasen betrachten. Mitte bis Ende der 2000er-Jahre gab es einen deutlich wahrnehmbaren Druck, das anbieterbasierte Verständnis von „Smartness“ über die EU-Kommission in die Städte zu drücken. Treiber waren und sind die Produzenten und die Wirtschafts- und Digitalisierungspolitik auf allen Ebenen. Deutlich war aber auch, dass der Anknüpfungspunkt zu den Städten und der Raumbezug fehlte. Das, was wir mit der Initiative Smart Cities Communities erlebt haben, bei der es immer erst eine Kooperation zwischen Stadt und Industrie geben musste, bevor die Stadt überhaupt Überlegungen zur Vergabe von Planungen oder Produkten anstellen konnte, habe ich für kritisch gehalten. Natürlich ist es richtig, innovative Ansätze auch mit Herstellern weiterzuentwickeln. Aber die Städte quasi zwangsweise in eine bestimmte Richtung zu drängen, fand und finde ich falsch. In einer nächsten Phase hat eine Reihe von Städten begonnen, Konzepte für die oben skizzierten Handlungsfelder zu entwickeln. Und in der aktuellen Phase erleben wir auch auf Bundesebene eine Vielfalt an Initiativen und Aktivitäten, von der Nationalen Plattform zum Forschungsjahr Zukunftsstadt des BMBF, das Smartness glücklicherweise in einem umfassenderen, auch gesellschaftlich basierten Sinne begreift, über die deutlich auf Energieeffizienz fokussierenden Aktivitäten des BMWi bis hin zur Gründung eines Referats für Smart Cities im BMUB. Das wird das Augenmerk der „Smartness“ hoffentlich wieder stärker auf die Stadt- und Quartiersentwicklung und den räumlichen Kontext richten. Die Entwicklung ist dadurch geprägt, dass es Definitionsbestrebungen gibt, die bestimmen wollen, was eine smarte Stadt ausmacht. Natürlich brauchen wir die Weiterentwicklung von Technologien, die so nachhaltig wie möglich mit Energien umgehen und die Potenziale für mehr Effizienz heben. Und wir müssen bei alldem das richtige Maß finden, suffizient handeln und dürfen die „Smartisierung“ der Städte nicht als „technologische Überentwicklung“ begreifen.

Sie haben es bereits kurz angesprochen: Es gibt seitens der Industrie tatsächlich Initiativen, in eine Normungssituation einzusteigen.
Wir wehren uns dagegen, dass die nicht kommunal verankerten Protagonisten der Smart City versuchen, so etwas wie einen definitorischen Führungsanspruch in der integrierten Stadtentwicklung zu reklamieren. Wir sagen, dass Smart City nur ein – fraglos wichtiger – Baustein integrierter Stadtentwicklung sein kann und sich als solcher in die Gesamtzusammenhänge einfügen muss. Damit steht Smart City neben vielen Faktoren, wie soziale Stadt, Investitionsfähigkeit oder Verkehrsstruktur, wirkt aber natürlich auch in viele Bereiche hinein. Dazu möchte ich die Definition des Deutschen Instituts für Urbanistik heranziehen: Eine Smart City ist eine Stadt, in der durch den Einsatz innovativer Technologien Lösungen für ganz unterschiedliche Bereiche der Stadtentwicklung gefunden werden können.

Damit ist eine eindeutige Position in der Hierarchiefrage geklärt. Denn die Integration der unterschiedlichen Ansätze, die Stadtentwicklung zusammenführen muss, liegt im gemeinsamen Schwerpunkt. Und Smart City, smarte Intelligenz, smarte Steuerung, smarte Industrie können dann nur Bestandteile einer solchen Denke sein.
Ja, es gibt aber inzwischen auch einen breiteren Ansatz der Betrachtung in der Forschung und offenbar auch in der Politik. Es gab vor Kurzem eine Veranstaltung der TU Berlin mit dem schönen Titel „Beware of Smart People!“, an der auch EU-Kommissarin Bulc teilgenommen hat. Daraus möchte ich kurz zitieren: „This “smartification” of urban management is contrasted by increasing demands made by civil society and urban social movements towards greater inclusion in decision-making: New urban actors acquire a new agenda through local knowledge, expertise, creativity, social networking skills and collaborative capabilities, or social entrepreneurship.“ Das ist eine andere Dimension von Smartness, zum Beispiel durch städtische Initiativen in einer durchaus technologieaffinen Zivilgesellschaft.

Diese Art von Technik ist ja dann eine kommunikative Technik, die einen völlig anderen Ansatz hat als die industrielle Technik der Smart City, und bietet Tools an, mit denen Information und Austausch im sozialen Bereich vollkommen neu möglich ist.
In der Tat. Aber nicht die smarten Technologien sollten in erster Richtung den Takt vorgeben, sondern die finanziellen sowie Rezeptionskapazitäten der Kommunen und politische Entscheidungen in Abgleich mit zivilgesellschaftlichen Präferenzen und Entwicklungen. Wenn die Richtung klar ist, dann sind smarte Technologien – ob harte oder smarte – der Verstärker, der Effizienzgewinner, nicht andersherum. Dann gibt es aber sicher auch Trampelpfade der Verbraucher, zum Beispiel in Form von kommunikativen Technologien, die sich eigene Wege durch die planende Stadtentwicklung bahnen. Das ist richtig. Aber ein Trend gibt nicht unbedingt eine Richtung vor. Kommunen sind gut beraten, in Kontinuitäten zu arbeiten. Diese manifestieren sich auf der einen Seite physisch, insbesondere infrastrukturell, und auf der anderen Seite durch gesellschaftliche Rezeption. Diese kann wiederum zeitlich volatil und regional sehr unterschiedlich sein. Auch darauf müssen wir uns einstellen. Da können smarte Technologien sicher helfen. Trotzdem sollten wir sie nicht die Richtung vorgeben lassen.

Ich möchte noch einmal zurückkommen auf die eben angesprochene räumliche Disposition. Wie stellt sich vor dem Hintergrund der smarten technologischen Ansätze noch die Frage der Innenstadtverdichtung unseres typischen Stadtraumes?
Können wir die Dichte, wie wir sie kennen, dort auf Dauer halten? In den nachfragestarken Standorten werden wir uns weiterhin mit Nachverdichtung auseinanderzusetzen haben. Aber Nachverdichtung ist weniger ein Problem smarter Technologie, sondern eher ein Thema von Öffentlichkeitsbeteiligung und einem größtmöglichen gemeinsamen Konsens über die gewünschte Dichte. Da werden wir an Grenzen stoßen, aber nicht durch vorgegebene internationale Standards, sondern durch eine Selbstdefinition in den Städten: Was vertragen wir? Was, glauben wir, ist der Innenstadtentwicklung zuträglich? Wo sind unsere Grenzen an Aufnahmeund Tragfähigkeit? Das hat weniger mit Smartness zu tun als mit subjektiver Befindlichkeit und Haltung in den Städten selbst. Und mit städtebaulicher Maßstäblichkeit und der Harmonie zwischen gebauter und natürlicher Umwelt.

Kann die Immobilienwirtschaft in dieser ganzen Diskussion überhaupt einen aktiven Beitrag leisten?
Sie kann und muss einen aktiven Beitrag leisten. Denn sie hat ein ureigenes Interesse, das, was sie baut, auch effizient zu bauen und zu betreiben. Sie kann einen Beitrag leisten beim kleinstmöglichen Baustein, dem Gebäude. Natürlich erwarten wir von der Immobilienwirtschaft, dass sie auch das an Technologien einsetzt, was sich in der Energiebilanz positiv niederschlägt und dabei eine Lebenszyklusbetrachtung vornimmt. Und sie kann fraglos auch einen Beitrag leisten, in dem sie sich auf Quartiersebene einbringt. Wenn wir über Energieeffizienz in Quartieren reden, sind wir auf ein Mittun der Immobilienwirtschaft angewiesen. Wir sollten versuchen, nicht nur Gebäude zu bauen, die als Leuchttürme funktionieren, sondern in der Fläche energieeffizient bauen, um die Klimaziele 2030 und 2050 gemeinsam zu erreichen. Wenn wir quartiersbezogen arbeiten wollen, geht das nicht ohne die Immobilienwirtschaft – und auch nicht ohne den Gesetzgeber. Denn dann müssen wir die Energieeffizienzverordnung für 2016 so aufstellen, dass wir nicht nur starr gebäudebezogen, sondern auch flexibel quartiers- oder gar stadtteilbezogen energetisch sanieren und bauen können.

Herr von Lojewski, vielen Dank für das interessante Gespräch.

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