Der Trend zum Paradigmenwechsel

Ein Beitrag von Dr. Carl Friedrich Eckhardt und Thiemo Schalk.

Wir sind von Trends getrieben: Menschen, Wirtschaft und Politik. Die Automobilindustrie ist dabei keine Ausnahme und stellt sich vielfältige Fragen: Was erwarten die Kunden von Fahrzeugen hinsichtlich deren Leistung und Charakteristik? Wie begegnen wir den veränderten Mobilitätsbedürfnissen unserer Kunden? Lassen sich aus Trends wie Sharing, On-Demand-Services und Multimodalität neue Geschäftsmodelle ableiten? Aus Sicht der BMW Group ist dies definitiv der Fall.

Heutzutage sind schier unendliche Auswahlmöglichkeiten eine Selbstverständlichkeit: Wo ist ein Produkt am günstigen erhältlich? Welcher Anbieter verspricht eine nachhaltige Produktion? Für nahezu jedes Bedürfnis findet sich ein Angebot. Dieser Trend setzt sich auch bei der Nachfrage nach Mobilität fort: Welche Möglichkeiten gibt es zum aktuellen Zeitpunkt, den gewünschten Zielort zu erreichen? Muss es schnell gehen, günstig sein oder möglichst viel Komfort bieten? Die steigende Vernetzung und wachsende Verfügbarkeit von Informationen bieten eine Vielfalt an Wahlmöglichkeiten. Die flächendeckende Verbreitung von Smartphones verstärkt den Trend. Car-Sharing ist dafür das beste Beispiel. Bereits in den 1980er-Jahren entstanden erste Ideen, sich mit Nachbarn, Freunden oder Familienangehörigen ein Fahrzeug zu teilen. Damals war die Abstimmung zwischen den Nutzern umständlich und eine spontane Fahrt kaum möglich. Das Auto musste weit im Voraus gebucht werden und die Schlüssel wurden in Schlüsselkästen übergeben. „StattAuto“ war einer der ersten Anbieter – und der Name war Programm. Die Motivation für dieses Projekt entstand in einer Zeit, als saurer Regen den Wäldern zu schaffen machte. Seitdem hat sich technisch vieles weiterentwickelt, sowohl in den Fahrzeugen selbst, die heute deutlich weniger Emissionen verursachen, als auch in der Industrie. Der zunehmende Individual- und Güterverkehr bleibt weiterhin eine Herausforderung, wenn auch aus anderen Gründen. Insbesondere in Metropolregionen resultiert er aus dem Trend der Re-Urbanisierung, also dem Rückzug von Menschen in die Kernstädte. Im Jahr 2015 leben rund 54 % der Bevölkerung weltweit in Ballungsräumen. Bis 2050 wird die Anzahl um gut zwölf Prozentpunkte auf über 66% ansteigen (Quelle: United Nations, Department of Economic and Social Affairs, Population Division, 2014). Diese Entwicklung stellt Stadtplaner vor große Herausforderungen. Denn sie müssen die Infrastruktur an die höhere Mobilitätsnachfrage anpassen. Gleichzeitig soll der urbane Raum stärker als früher an die Bedürfnisse der Bewohner angepasst werden: die Stadt als ein Ort mit vielen belebten Flächen, die nur dem Zweck dienen, dass sich die Menschen dort aufhalten können, organisch wachsend, von Quartier zu Quartier unterschiedlich gestaltet und deutlich weniger durch Luftschadstoffe und Lärmemissionen belastet. Dies stellt einen Paradigmenwechsel dar.

Um die Chance zur planerischen Neugestaltung des urbanen Raums und zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität nutzen zu können, muss ausreichend Platz gefunden und dafür frei gemacht werden. Heutzutage bestimmen Parkflächen das öffentliche Bild in den Städten. Sie bieten ein entsprechendes Potenzial zur Umwidmung. Voraussetzung und der Hebel dafür, dass weniger Stellplätze benötigt werden, ist ein hervorragendes Angebot an Mobilität, basierend auf einem besseren öffentlichen Verkehrssystem, Radwegen, Mobilitätsstationen als Knotenpunkte sowie Car-Sharing. Ein neues integriertes Konzept also, bei dem die Verkehrsleistung verschoben wird und sich vom privaten Pkw auf andere Verkehrsträger verlagert. Genau in diesem Konzeptspielt DriveNow, der Car-Sharing-Service von BMW und SIXT, als stationsunabhängiger Dienst eine bedeutende Rolle. DriveNow bietet den Menschen eine Alternative zu ihrem privaten Pkw. Seit der Einführung von Free Floating-Car-Sharing wurde „Autoteilen“ massenkompatibel und die Zahl der Nutzer hat sich vervierfacht. Der Bundesverband CarSharing zählte Anfang 2015 bereits über eine Million Nutzer. Rund drei Viertel davon sind Kunden der stationsunabhängigen Anbieter. Mithilfe der Verfügbarkeit von Autos im städtischen Geschäftsgebiet – einfach zu lokalisieren über eine App – ist stationsunabhängiges Car-Sharing auf dem besten Weg, eine echte Alternative für die Stadtbewohner zu werden, die nur unregelmäßig ihr Auto nutzen. Wenn sich die Verfügbarkeit von Car-Sharing weiter verbessert, werden sich zum Beispiel jüngere Zielgruppen die Frage stellen, ob der Besitz eines eigenen Fahrzeugs als „Mobilitätsversicherung“ weiterhin notwendig ist. In Verbindung mit allen anderen Verkehrsmitteln einer Metropole – den U- und S-Bahnen, Fahrrädern und e-Bikes, Bussen, Trams sowie Taxen – schließt das „neue“ Car-Sharing eine Lücke im Mobilitätsangebot. Es spricht die urbanen Menschen an, die an einer einfachen und komfortablen Lösung interessiert sind, um ihre Mobilität ohne eigenes Auto zu organisieren.

Wenn als Konsequenz daraus im städtischen Raum die Pkw-Besitzquote sinkt, geht dort auch die Nachfrage an Parkraum zurück. So können benötigte Flächen im Zuge des Paradigmenwechsels gewonnen werden, ohne dass jemand auf etwas verzichten oder etwas aufgeben muss. Im Gegenteil, alle gewinnen. Der Car-Sharing-Nutzer ist in seiner Mobilität nicht eingeschränkt, auch wenn er kein eigenes Fahrzeug mehr zur Verfügung hat. Denn er kann sich auf das verbesserte Mobilitätsangebot verlassen. Durch die reduzierte Anzahl geparkter Autos verringern sich ebenso der Parkdruck und der Parksuchverkehr. Zu guter Letzt können frei gewordene Flächen von Stadtplanern neu gestaltet und zu Arealen mit hoher Lebensqualität mitten in der Stadtnutzbar gemacht werden. Von diesen Verbesserungen des Stadtbildes und der Mobilität profitieren alle Bewohner, unabhängig davon, ob sie weiterhin ihren privaten Wagen behalten möchten oder nicht. Die Freiheit zu wählen, ist die bessere Alternative gegenüber Verboten und stellt die Grundlage für die Akzeptanz in der Bevölkerung dar.

Die skizzierten Trends und die damit verbundene Bereitschaft zur Veränderung sind langfristig. Umso wichtiger ist es, dass die Weichen für einen Paradigmenwechsel zu einer menschengerechteren Stadt frühzeitig gestellt werden. Die Neugestaltung urbaner Mobilität kann nur im engen Zusammenspiel von Politik und Verwaltung, den diversen Mobilitätsanbietern und – nicht zuletzt den Bürgern einer Stadt – gelingen. Bereits seit 20 Jahren setzen die die BMW Group und die Landeshauptstadt München im Rahmen der „Inzell-Initiative“ im Zusammenspiel und gemeinsam mit vielen anderen Interessensgruppen sehr erfolgreich Verkehrsprojekte um. An diese anknüpfend wurde bei BMW das Kompetenzzentrum „Urbane Mobilität“ gegründet, das mit seiner Beratungsleistung und Technologiekompetenz zusammen mit Städtevertretern Lösungen erarbeitet, um den Paradigmenwechsel einzuleiten. Die BMW Group geht dadurch einen weiteren Schritt in Richtung eines in allen Belangen nachhaltig aufgestellten Mobilitätsunternehmens.

 

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