Die Ästhetik des sozialen Raumes

Ein Beitrag von Eike Becker, Architekt.

Ich habe gerade in der Trattoria 4 Leoni an der Piazza della Passera gegessen, den Capuccino gibt es gegenüber im Café degli Artigiani, Mango Mandel Eis direkt nebenan. Die Menschen hier sind Schauspieler und Publikum zugleich. Da ist der Gigolo, der sich um die vier kichernden Touristinnen bemüht, die Hotelangestellte, die sich mit ihrem Wäschewagen für einen Plausch mit ihrer Nachbarin eine Verschnaufpause gönnt und die Mutter, die ihr Söhnchen bei den ersten, noch wackligen Schritten begleitet. Oder die Eisverkäuferin mit ihren spektakulären Tattoos, der dicke Barkeeper, der gerade öffnet, das jugendliche Paar, das auf dem Motorroller flirtet. Nein, hier ist nicht die Mailänder Scala, sondern ein winzig kleiner Platz, kaum größer, als eine Straßenkreuzung, irgendwo zwischen Santa Spirito und dem Palazzo Pitti in Florenz. Hier fehlt die spektakuläre Architektur, aber es gibt den ganzen Tag eine schier endlose Reihe von Begebenheiten zu beobachten und die Oper des Alltäglichen zu bestaunen! Menschen sind an Menschen interessiert. An ihrem Aussehen, ihrem Verhalten, an dem Miteinander. Das ist nicht nur auf der romantischen Piazza della Passera bereits seit etwas 600 Jahren so, sondern auch in den heutigen, deutlich jüngeren Städten und Quartieren. Auch wenn heute die technisch erweiterten Kommunikationsmöglichkeiten viel daran verändern, wie wir zusammenfinden: der Mensch ist für den Menschen die größte Faszination. Deshalb stellt sich heute mehr denn je die Frage: Wie können Planer helfen?

Es geht darum, Schwellen abzubauen, Hindernisse zu beseitigen, Räume zu schaffen, in denen zufällige Begegnungen erleichtert und aus Passanten Nachbarn werden.

Bei einer Radtour durch den Park delle Cascine in Florenz treffe ich auf eine Fitnessgruppe von Senegalesen, die den neben ihnen sportelnden italienischen Individualisten zeigt, wie zusammen geübt wird. So groß und schlank und jung und schön und selbstverständlich vollführen die Afrikaner in harmonischem Gleichmaß ihre Übungen. Beide Gruppen haben keine Arbeit. Die einen sind vor kurzem als Flüchtlinge in Italien gelandet, die anderen gehören zu den 40% Jugendarbeitslosen in Italien. Muskulöse Mamones, Bildhauer ihrer selbst, aufgewachsen mit den sich windenden, wohlgeformten Renaissance Körpern in der Loggia dei Lanzi und dem Wunsch nach eigener körperlicher Schönheit, Anerkennung und Lebenssinn.

Das Ziel ist auch diesen jungen Männern klar: Es geht darum, Lebensqualität zu schaffen, willkommen zu sein, Arbeit zu haben, passenden Wohnraum zu finden, Freunde zu gewinnen und am Leben teilzuhaben. Menschliche Grundbedürfnisse zu befriedigen.

Für mich als Planer geht es um Orte für die integrative, diverse Gesellschaft. Orte, die offen sind für unterschiedliche Gruppen. Räume, die Teilhabe erleichtern und unterschiedlichen Bedürfnissen ihre jeweiligen Orte bieten.

Bei meiner Rückkehr nach Berlin werde ich durch ein Streetball Turnier auf dem Bahnhofsplatz überrascht. Wie die Meisten werde ich von den Ereignissen mitgerissen und gelange in die Nähe des Spielfeldes. Der Kommentator am Mikrofon übersetzt die Aktionen für die Zuschauer auf Englisch. Was für ein Spektakel, mitten in der Stadt. Ein Wirbel unterschiedlicher Sprachen umschwirrt die Spielfelder. Am nächsten Tag werden die Tribünen wieder abgeschraubt und die Passanten und Flaneure haben ihren Platz ohne Spektakel zurück.

Wie bekannt wandeln sich Gesellschaften kontinuierlich. Es finden Anpassungen und Neuerfindungen statt, push and pull Bewegungen, die auf Dauer kaum einen Stein auf dem anderen lassen.
Das führt zu immer ausdifferenzierteren Gesellschaften, die immer unterschiedlicher in ihren Erscheinungen und Bedürfnissen werden. Manche nennen das Diversifikation und suchen nach der durchmischten Gesellschaft.

Auf dem Weg zurück in die Urbanität werden die Konversionsräume entdeckt. Ehemals industriell oder verkehrstechnisch genutzte Räume, freigewordene Brachen, mitten in den Städten, niedrigschwellige Möglichkeitsräume zur Erprobung von gemeinsamem Handeln.

Der Park am Gleisdreieck in Berlin wurde zwischen 2009 und 2014 gebaut und verkörpert diesen neuen Typus des öffentlichen Raumes. Von Anfang an wurden die Bürger über Umfragen, Online-Dialoge, Veranstaltungen und eine prozessuale Bürgerbeteiligung in den Planungsprozess eingebunden. Heute vereint der Park multifunktionale Sport- und Spielbereiche, Liegewiesen, Sonnenterrassen, Sandflächen, Gärten im Garten, Allmendeflächen, Projektgärten, Gemeinschaftsgärten, ein Platz für Konzerte, Theater und andere künstlerische Aktionen, Skateanlagen, Outdoor-Pool, Relikte der ehemaligen Industriekultur, der Interkulturelle Rosenduftgarten, ein Naturerfahrungsraum, ein Bienengärtchen mit einem Marktplatz und einem Café. Auf vielfältige Weise sind hier Orte entstanden, die die Kommunikation und den interaktiven Austausch zwischen Nachbarn, Parkbesuchern und Kleingärtnern fördert.

Der Rhythmus für diese Räume lässt sich auch in das Berlin der 70er-Jahre zurückverfolgen. Eine eingeschlossene Stadt inmitten der Eiswüste des Kalten Krieges. David Bowie trifft das Lebensgefühl: When we were Heroes. Die Blöcke der Gründerzeit waren durch die Bomben des Krieges aufgebrochen, Gebisse voller Zahnlücken, Platz für Bauernhöfe und Hausbesetzungen, für Verfall, Abriss und Aufbau zugleich. Alternative Lebensentwürfe migrieren in die Zwischenräume und können sich dort entwickeln. Eben nicht harmonisch, glatt und vollständig, sondern abwechslungsreich, wagemutig, offen und zumeist anders als erwartet.

Die Gebäude an der Lehderstraße in Berlin Weißensee sind nur in Ansätzen renoviert; es fehlen Fensterscheiben, der Putz schlägt Blasen. Doch ein Pool mit Palmen unter blauem Himmel verbindet diesen Ort auf künstlerische Weise mit Los Angeles. Zum Gallery Weekend 2015 öffnete Jonas Burgert sein Atelierareal mit einer großen Ausstellung. Über 100 Künstlern, darunter Anri Sala, John Bock und Manfred Pernice nahmen teil. Burgert hat die nach der Wende geschlossene Halbleiterfabrik in Weißensee vor ein paar Jahren gekauft und entwickelt das Gelände zusammen mit fünf Freunden zu einem Ort der Kunstproduktion. Ohne Vorgaben, Erfolgszwang und Hierarchie, aber schnell, unkonventionell und intuitiv. Die Künstler haben ihre eigenen Ateliers und teilen sich Pool, Küche und Badehaus.

All das ist heute als Qualität, Charakter, Individualität und Eigenart in Bezirken wie Friedrichshain, Kreuzberg, Neuköln leicht zu finden. Diese Ästhetik des Privaten, Lapidaren, Zufälligen, Dilettantischen, Additiven, Unfertigen, Skizzenhaften, Experimentellen, Bescheidenen, Farbigen, Ruppigen, Anstößigen, Nackten, Dichten, Unharmonischen ist der Stil, Räume, die Entdeckungen bieten, Eindeutigkeiten vermeiden und zum selber ausfüllen einladen.

Cyprien Gaillards Film Nightlife (2015) lebt von derselben Ästhetik. Er entstand in Cleveland, Los Angeles und Berlin und wurde ausschließlich bei Nacht gedreht. Der Film ist von vielschichtigen Anachronismen durchzogen: Das „Low Fidelity“ der Tonspur wird zum Gegenmoment der „Hightech“ Visualität des 3D Films.

Auch Sebastian Schipper benutzt für seinen Film Victoria (2014), der in einem Take aufgenommen wurde, dieselben ästhetischen Mittel: unharmonisierte Brüche, skizzenhafte Szenen und eine superferente Ästhetik. Auch hier sind die öffentlichen Räume Spiegel ihrer jeweiligen Erbauer und Nutzer. Und die haben sich in der Breite vom staunenden Bewunderer zum handelnden Akteur, vom Publikum zum Schauspieler, vom genießenden Flaneur zum emanzipierten, meinungsstarken Individuum gewandelt. Das gilt es zu erkennen und dafür gemeinsam die entsprechenden Methoden und Verfahren zu entwickeln, die den Räumen die Gestalt geben, die die Städte für Viele lebenswert machen und aus Einzelnen Gruppen und aus Gruppen Gesellschaften werden lassen.

Denn: Menschen sind an nichts so interessiert, wie an anderen Menschen.

Und: Gemeinsam sind wir stark.

„Nachhaltige Stadtästhetik ist keine emotionale und individuelle Angelegenheit, sondern eine rationale und im gesellschaftlichen Konsens zu lösende Aufgabe. Sie muss verständliche und ansprechende Stadträume schaffen, die die Menschen immer wieder durchschreiten wollen. Sie braucht keine
großen Pläne, aber verbindliche Regeln.“

 

Wolfgang Sonne,
Professor für Geschichte und Architekturtheorie an der TU Dortmund

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