DAS „QUARTIER ZUKUNFT LABOR STADT“

Nachhaltige Stadtentwicklung als Scientific Public Private Partnership. Die Zukunft der Menschheit liegt in den Städten (Kofi Annan). Und die Stadt der Zukunft ist – zumindest in Europa – bereits gebaut. Das heißt, die große Aufgabe nachhaltiger Stadtentwicklung liegt in der Transformation des Bestehenden.

Zentrales Anliegen des Reallabors „Quartier Zukunft“  ist es, in einem bestehenden typisch europäischen Stadtteil eine „dichte“ oder auch „kompakte Nachhaltigkeit“ in zwei Dimensionen anzustoßen: zum einen inhaltlich, indem ganzheitlich alle Bereiche heutigen Stadtlebens adressiert werden, zum anderen gesellschaftlich, in einem breiten Bündnis unterschiedlichster Stadtakteure. Denn nachhaltige Entwicklung – oder die globalen Problemlagen und Verwerfungen einer nicht nachhaltigen Entwicklung, wie sie heute immer deutlicher werden – geht alle etwas an.

Eine nach und nach entstehende dichte Nachhaltigkeit wird allerdings in beiden Dimensionen erhebliche Reibungspunkte, Ziel- und Interessenkonflikte, Werte- und Weltbildkollisionen mit sich bringen. Diese aufzuzeigen, auszuhalten, persönlich anzunehmen und gemeinschaftlich auszuhandeln, darin liegt der eigentliche Knackpunkt nachhaltiger Stadtentwicklung.

Projektkonzeption

In Karlsruhe entsteht seit 2013 ein Reallabor, ein experimenteller Lebensraum der besonderen Art: das Quartier Zukunft – Labor Stadt, in dem das Stadtleben der Zukunft erprobt und entwickelt wird.

Das kooperative Forschungs- und Entwicklungsprojekt zielt darauf ab, einen Stadtteil, die Karlsruher Oststadt, im Bestand beispielhaft in einem offenen und langfristig angelegten Prozess in ein nachhaltiges Stadtquartier zu transformieren. Im Mittelpunkt steht hierbei das gemeinsame Wirken der gesamten Stadtgesellschaft, vor allem der Bürgerinnen und Bürger. Eine umfassende und integrative nachhaltige Stadtentwicklung kann nur gelingen, wenn viele dazu beitragen. Insofern lebt das Quartier Zukunft vom Mitmachen, betreibt Stadtentwicklung zum Mit-Anpacken. Quartier Zukunft – Labor Stadt versteht sich als kreative Plattform für vielerlei konkrete Projekte.

Das Projekt nimmt dabei nachhaltige Entwicklung als von den Vereinten Nationen entwickeltes Leitbild ernst und möchte – wissenschaftlich fundiert – ökologische, soziale, ökonomische, kulturelle und institutionelle Belange in Karlsruhe zusammen und integrativ betrachten und mit Leben füllen. In einer umfassenden nachhaltigen Entwicklung wird im Zusammenwirken von Stadtgesellschaft und dem Karlsruher Institut für Technologie (KIT) ein Experimentierraum eröffnet, in dem neue zukunftsweisende Ideen und Praktiken, gesellschaftliche und technische Innovationen und Lebensentwürfe ausprobiert werden können.

Ziele des Projektes

Zentrales Ziel des Projektes ist es, in einem langfristigen, partizipativen Prozess das bestehende Stadtquartier in ein nachhaltiges Quartier Zukunft zu überführen. Zugrunde liegt diesem Vorhaben ein umfassendes und integratives Nachhaltigkeitsverständnis das eine globale, generationenübergreifende Gerechtigkeit ins Zentrum des Handelns stellt.

Entwicklung im Bestand mit Modellcharakter

Die künftigen Herausforderungen nachhaltiger Stadtentwicklung liegen zumindest in Europa in der Umgestaltung unserer bestehenden Städte, nicht im großflächigen Neubau. Insofern gilt es, das Bestehende zu entwickeln und eine zukunftsweisende Perspektive für eine nachhaltige Entwicklung von Städten aufzuzeigen. Das Arbeiten im Bestand sowie die Anlage als offenes, bürgernahes und alle gesellschaftlichen Akteure beteiligendes Format erlauben die Übertragbarkeit in andere Quartiere und Städte.

Wechselwirkungen, Synergien und Zielkonflikte nachhaltiger Stadtentwicklung ausloten

Mit dem Quartier Zukunft wird in Karlsruhe das Labor Stadt, ein Experimentierraum für neues städtisches Leben, eröffnet. Es geht darum, innovative, potenziell nachhaltige Ansätze und Lösungswege aus den unterschiedlichen Bedürfnisfeldern (Wohnen, Mobilität, Energie, Wasser, Bildung etc.) an einem Ort zu konzentrieren und miteinander in Berührung zu bringen, nach und nach eine dichte Nachhaltigkeit zu erzeugen, um so damit einhergehende Wechselwirkungen, Synergien, aber auch unweigerlich auftretende Zielkonflikte aufzuzeigen, zu erforschen und ggf. zu lösen.

Transdiziplinarität und Fruchtbarmachen des KIT für die Region

Gestaltet wird der Entwicklungsprozess des Quartier Zukunft transdisziplinär, das heißt disziplinenübergreifend und mehr noch im Schulterschluss von Wissenschaft, Politik, Bürgergesellschaft und Privatwirtschaft. Damit verbunden ist das Anliegen, Wissenschaft näher an die Bürgerschaft zu bringen – und umgekehrt. Das bedeutet einerseits, das KIT als Wissensfabrik für die Region zu öffnen, dessen Wissen und Kompetenzen auch für die Region fruchtbar zu machen. Andererseits sollen die Bürgerinnen und Bürger in die Wissensgenerierung und Umsetzung einbezogen und damit auch lokal anstehende Aufgaben, Herausforderungen, Bedürfnisse und Lösungsansätze hinsichtlich nachhaltiger Entwicklung in die Forschung getragen werden.

Verankerung des Leitbildes Nachhaltiger Entwicklung im Stadtleben und Entwicklung neuer Lebensqualitäten

Mit dem Quartier Zukunft soll städtisches Leben entstehen, das auf die Herausforderungen des 21. Jahrhunderts mit sozialen und technischen Innovationen reagiert, explizit auch mit Bildung, Aufwertung sozialer Zusammenhänge und Raum für Kreativität. Entgegen der Auffassung, bei Nachhaltigkeit gehe es vor allem um Effizienz und Verzicht, geht es im Quartier Zukunft vor allem darum, dem städtischen Leben neue Qualitäten zu verleihen. Es gilt, eine Kultur der Nachhaltigkeit langfristig im gesamten Stadtleben zu verankern.

Das Projektgebiet

Der Handlungs- und Entwicklungsraum des Quartier Zukunft – Labor Stadt ist die Karlsruher Oststadt. Das Projektgebiet wurde auf Basis einer intensiven wissenschaftlichen Analyse ausgewählt. Hierbei handelt es sich um ein urbanes und somit in vielerlei Hinsicht heterogenes und dichtes Quartier, das für die gewachsene europäische Stadt Karlsruhe steht. Stadtquartiere sind komplexe Gebilde, die strukturelle, gesellschaftliche und kulturelle Vielschichtigkeit aufweisen und somit als Mikrokosmos geeignete Räume darstellen, Aspekte nachhaltiger Entwicklung einzubringen, auf engem Raum zusammen zu denken und zu erproben.

Die Stadtteilgrenzen stellen hierbei einen Orientierungsrahmen, jedoch keine strikten Grenzen für das Forschungs- und Entwicklungsprojekt dar. Gedacht wird der Entwicklungsprozess des Quartier Zukunft – Labor Stadt im gesamtstädtischen Kontext, um langfristig – in Zusammenarbeit mit den verschiedenen Ressorts der Karlsruher Stadtverwaltung – eine zusammenhängende und integrierte Stadtgestaltung zu gewährleisten. Ein erster wesentlicher Schritt war hierfür die Verankerung des Quartier Zukunft im Integrierten Stadtentwicklungskonzept (ISEK) Karlsruhe 2020.

Themen der Projektarbeit

Das Quartier Zukunft – Labor Stadt widmet sich thematisch vielschichtig allen Bereichen, die das städtische Leben umfassen. Es betreibt nachhaltige Stadtentwicklung in den folgenden Themenfeldern:

  • Stadt im Klimawandel
  • Wirtschaften in der Stadt
  • Urbane Energielandschaften
  • Mobile Stadt
  • Kreislaufstadt
  • Konsum in der Stadt
  • Stadt im Postwachstum
  • Gebaute Stadt
  • Wertewandel Nachhaltigkeit
  • Stadttechnologie
  • Gesunde Stadt
  • Wohnen in der Stadt
  • Stadt gestalten
  • Sozial gerechte Stadt

Beforscht und bearbeitet werden diese Themenfelder in Form von Projekten. Die ersten haben 2013 begonnen, beispielsweise das ReparaturCafé in Karlsruhe, eine integrative Fahrradselbsthilfewerkstatt für Flüchtlinge und Quartiersbewohner „Bikes without Borders“ oder das „Reallabor 131: KIT findet Stadt“, in dessen Rahmen ein Energie-Quartierskonzept, das Weiterdenken öffentlicher Räume und ein Alltagsreisebüro für nachhaltige Mobilität entstehen. Angedacht sind darüber hinaus Vorhaben wie Selbstbestimmtes Wohnen im Alter, Nachbarschaftsküchen, ein Bio- und Regio-Abendmarkt für Berufstätige, Fahrradschnellstraßen, Mehrgenerationenwohnen sowie eine Nachnutzungszentrale für Leerstand.

Mehr dazu unter
www.quartierzukunft.de

Das interdisziplinär zusammengesetzte Team Quartier Zukunft aus den Disziplinen Bauingenieurwesen, Philosophie, Umweltwissenschaften, Architektur, Geoökologie sowie Geographie arbeitet am Karlsruher Institut für Technologie (KIT) am dortigen Institut für Technikfolgenabschätzung und Systemanalyse (ITAS) gemeinsam an den Herausforderungen einer nachhaltigen Quartiersentwicklung.

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