EIN DICHTES RÄTSEL

Meine Reisen als Fotograf bieten mir die Möglichkeit, viele interessante Orte zu besuchen. Ich beobachte, fotografiere und sammle. Wenn mich etwas inspiriert, mache ich mir Fotonotizen oder halte das Gesehene in Zeichnungen fest. Später stelle ich oft fest, dass die gestalterische Idee, die damit verbunden war, nach wie vor Bestand hat und in ein aktuelles Projekt fließen kann. Ein über die Jahre gewachsener Fundus an spontanen Aufnahmen, Eindrücken und Gedanken liefert mir die Bausteine, um etwas zu erschaffen, das sich nach seiner Fertigstellung selbst trägt.

Das Material der Arbeit ist ebenso klar definiert wie einheitlich strukturiert. Es handelt sich um eine Sammlung von normalen, rechtwinkligen Legosteinen. Dazu kommen Bauplatten, auf denen die Anordnungen zusammengesetzt werden, und Fliesen, die die Formen nach oben hin abschließen. Die unterschiedlichen Größen der Steine und ihre einfachen Steckverbindungen erlauben eine Vielzahl möglicher Formen. Alle Formelemente, die auf den Bildern zu sehen sind, werden zunächst manuell am Arbeitstisch zusammengefügt. Alles, was das Material kann, ist möglich. Die entworfenen Objekte der Gesamtanordnung werden nacheinander und stets als Neukombinationen desselben Materials fotografiert. Jedes Element hat einmal an dem ihm zugewiesenen Ort gestanden, jedoch zeitlich versetzt, so dass einzelne Steine mehrfach im Bild zu sehen sein können.

Die Steine aus den Sammlungen verfügen  z. T. über alters- oder herstellungsbedingte Charakteristika wie Kratzer oder Vergilbungen. In dieser Arbeit kommt eine Mischung aus benutztem und neuem Material zum Einsatz, um das Bild authentisch zu machen und mit kleinen Details zu verdeutlichen, dass es nicht am Computer gerendert wurde. Wie es in der Malerei Unebenheiten und Pinselstriche gibt, die die Arbeitsweise des Künstlers verraten, belasse ich in meinen Arbeiten kleine ‚Fehler’, damit der Betrachter die Möglichkeit hat, den wahren Ursprung des Bildes zu erkennen. Mich interessiert der Moment der Erkenntnis, wenn aus dem vermeintlichen Computerbild nach genauerer Erforschung ein Fotoabbild der realen Welt wird.

In der Fotografie definieren Licht und Schatten den räumlichen Bezug von Objekten ebenso wie deren relative Größe und die Zentralperspektive. Bei der Betrachtung von zweidimensionalen Bildern werden diese räumlichen Zuordnungen in unserem Hirn rekonstruiert. Um dem Betrachter die räumliche Entschlüsselung zu erschweren, leuchte ich die Objekte möglichst schattenfrei aus. Die Arbeiten entstehen ausschließlich unter kontrollierten Bedingungen im Studio.


Andreas Zimmermann

1975 in Düsseldorf geboren. Er studierte Fotografie an der Universität Essen und absolvierte 2008 sein Diplom. Seine Arbeiten werden unter anderem durch die Galerie Lehr Zeitgenössische Kunst, Berlin vertreten. Seit 2012 unterrichtet er an der Universität Wuppertal im Bereich Design audiovisueller Medien und Design interaktiver Medien und leitet dort Kurse in Fotografie und Gestaltung.

www.andreaszimmermann.net

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