ARCHITEKTUR FÜR DEN MOMENT

Im Gespräch mit Stefan Drees, Inhaber und Geschäftsführer Feddersen Architekten

Im Kontext des demografischen Wandels steigt nicht nur die Zahl alter Menschen, sondern gleichzeitig auch die der Demenzkranken. Welche Anforderungen stellen sich im Bereich Architektur und insbesondere im Bereich Wohnen für diese Menschen?

Für Menschen mit Demenz ist entscheidend, wie wir ein beschützendes Wohnumfeld schaffen können. Quartiere benötigen nicht nur inklusive Wohnformen, genauso wichtig sind soziale und medizinische Versorgungsbausteine wie bspw. eine Tagespflege oder ein Mietertreff. Wohnen für Menschen mit Demenz hat außerhalb von Pflegeheimen und Wohngemeinschaften vor allem mit dem Umfeld zu tun und weniger mit den eigenen vier Wänden. Selbstverständlich hilft eine barrierefreie Wohnung, doch ohne ein sorgendes Umfeld und passende ambulante und teilstationäre Angebote sind die Menschen an ihre Wohnung gebunden.

Ihr Architekturbüro engagiert sich seit den 1970er-Jahren für eine qualitative Architektur im sozialen Bereich. Das Thema demenzfreundliche Wohnformen spielt dabei eine große Rolle für Sie. Woher kommt das Interesse für dieses Thema?

Soziale Themen waren schon immer im Büro verankert. In erster Linie ist das auch eine persönliche Entscheidung, denn dieses Betätigungsfeld kann nicht nur wirtschaftlich betrachtet werden. Schon in den 70er- und 80er-Jahren haben wir viel für Menschen mit Behinderungen gebaut, lange bevor über Themen wie Inklusion gesprochen wurde. Daraus entwickelten sich erste Projekte für das Wohnen im Alter. Durch die permanente Auseinandersetzung mit Wünschen und Bedürfnissen von Menschen, die mit Einschränkungen leben, konnten wir neue Ideen entwickeln und ausprobieren, z. B. spezielle Wohnformen in der Pflege, die schon damals auf Menschen mit Demenz ausgerichtet waren.

2006 wurde ihr zukunftsweisendes Nürnberger Kompetenzzentrum für Demenz fertiggestellt. Was sind die besonderen Qualitäten des Zentrums?

Mit 96 Bewohnern ist es ein vergleichsweise großes Haus. Die Herausforderung lag hier in der Schaffung einer wohnlichen Atmosphäre – ein wesentliches Element für Menschen mit Demenz. Das Zentrum zeichnet sich durch überschaubare Gruppen und einen häuslichen Charakter aus – anders als in der Funktionalpflege, die meist 30 bis 40 Menschen auf einer Etage versorgt. Dies sind noch Konzepte der sogenannten „dritten Generation“. Die „vierte Generation“ von Pflegeheimen berücksichtigt, dass funktionale Strukturen mit langen Gängen und großen Wohnbereichen auf Menschen mit Demenz verunsichernd und hospitalisierend wirken. In Nürnberg sind die 96 Pflegeplätze in acht Hausgemeinschaften aufgeteilt, in denen jeweils zwölf Menschen gemeinsam leben. Wie eine normale Wohnung hat jede dieser Gruppen einen eigenen Eingang. Daneben verfügt jeder der drei Pavillons des Zentrums über eine andere Grundrissstruktur, keine Gruppe wiederholt sich.

Ist es nicht sehr aufwendig, so viele unterschiedliche Strukturen in einem Haus zu realisieren? Welches Ziel haben Sie hiermit verfolgt?

Wir wollten den Menschen Wahlmöglichkeiten bieten und herausfinden, welcher dieser Grundrisse am besten funktioniert. Ein Pavillon hat einen Patio in der Mitte, um den man herumgeht, um zu den Zimmern zu kommen. Dieser Innenhof mit einem wunderschönen Baum ist immer einsehbar. Dann gibt es im mittleren Baukörper einen „starken Kern“. Er hat einen Handlauf, der die Bewohner – ohne dass sie eine Entscheidung treffen müssen – immer wieder in die Wohnküche und somit ins Zentrum des Geschehens führt. Unser dritter Grundriss, die „Bauernstube“, hat ebenfalls einen massiven Kern, um den man sich bewegen kann. Die hier gestaltete Wohnküche ist traditionell organisiert. Weder Tische noch Stühle können frei hin und her geschoben werden. Stattdessen gibt es eine feste Eckbank und einen großen Tisch als Mittelpunkt des Raumes – genauso wie es in der „guten alten Stube“ der Fall war. Diese Ur- oder Archetypen des Wohnens sind intuitiv erlebbare Räume. Wir haben beobachtet, dass es tatsächlich Menschen gibt, die sich in der einen Wohngruppe besser zurechtfinden als in der nebenan.

Die eingehende Beschäftigung mit der Frage, welche Pflege und auch welche räumliche Strukturen Menschen mit Demenz unterstützen, hilft auch den Angehörigen in ihrem Lösungsprozess, ihre erkrankten Verwandten ruhigen Gewissens in die Wohngruppe zu geben.

Ihre Erläuterung verweist bereits auf Kriterien einer demenzfreundlichen Architektur. Wie werden die Konzepte erstellt? Gibt es einen engen Austausch zwischen Medizinern, Angehörigen?

Im Grunde genommen geht es hier um die originäre Aufgabe von Architektur: Räume zu schaffen, in denen man sich wohlfühlt, die sinnlich unmittelbar erfahrbar sind. Was heißt es, mit angenehmen Materialien, mit frischer Luft und mit gutem Licht zu leben? Um diese Fragen drehen sich gute Konzepte für Menschen mit Demenz. Bis heute wird im Pflegeheimbau viel zu funktional gedacht. Der Ursprung dieser Haltung liegt in der Überbetonung der Sicherheit und der betrieblichen Abläufe – vor allem aus wirtschaftlichen Gründen. In Wirklichkeit geht es erst einmal um gutes Wohnen, das natürlich auch sparsam mit Flächen umgehen kann. Demenzfreundliche Architektur schafft zentrierte Räume und kompakte Gruppen. Der Grundriss sollte Bewegungs- und Aufenthaltsflächen miteinander verschmelzen lassen. Nach diesen Prinzipen haben wir auch unsere Pavillon-
typen in Nürnberg geplant.

Wie sind die Reaktionen auf die Arbeit Ihres Büros im Bereich demenzfreundliche Architektur in den letzten Jahren ausgefallen? Welche Erfahrungen haben Sie dahingehend gemacht?

Das Nürnberger Zentrum stößt – auch mit der dort stattfindenden Pflege – auf sehr gute Resonanz. Häuser dieser Art können den Rahmen für eine zeitgemäße Pflege setzen. Unsere Idee ist es, in diesen Wohngruppen einen Tagesablauf zu realisieren, der häuslichen Gewohnheiten nahekommt und sowohl animierend als auch stimulierend wirkt. So wird z. B. das Essen nicht auf Wagen bereitgestellt, sondern in der Wohnküche zubereitet. Die Bewohner werden wie im Alltag in die Prozesse mit einbezogen. Dies trägt nicht nur zur allgemeinen Lebensqualität demenzkranker Menschen bei, sondern beeinflusst auch den Krankheitsverlauf positiv.

Da die Pflege unter einem hohen Kostendruck steht, stellen
autarke Wohngruppen die Träger aber auch vor große Aufgaben, v. a. was die Personalstruktur betrifft: Was passiert, wenn jemand krankheitsbedingt ausfällt? Wie viele Mitarbeiter stehen nachts zur Verfügung? An dieser Stelle wird deutlich, dass wir uns am Wohnen orientierten und gleichzeitig funktionale Bauformen realisieren müssen, die effiziente Grundrisse mit kurzen Wegen ermöglichen.

Mit welchen Problemen oder Hürden müssen Sie sich auseinandersetzen?

Wir versuchen, uns Wohnen in einer Phase vorzustellen, in der die kognitive Wahrnehmung der Umgebung nur noch eingeschränkt oder gar nicht mehr möglich ist. Hier liegt noch viel Arbeit vor uns. Zeitgleich muss es uns immer wieder gelingen, mit den zur Verfügung stehenden finanziellen Mitteln gute und angenehme Atmosphären zu schaffen.

Die Niederlande sind Vorreiter auf dem Gebiet „demenzfreundliche Wohnformen“ und das Demenzdorf Hogeweyk  ist beispiellos. Wie ordnen Sie die Fortschrittlichkeit Deutschlands auf diesem Gebiet ein? Was haben wir dahingehend in Zukunft zu erwarten? 

Hogeweyk ist sehr bekannt und wird auch kontrovers diskutiert. In der stationären Pflege setzt die Fürsorgepflicht das Pflegepersonal oft unter großen Druck. Man hat Angst, dass dem Menschen etwas passiert, der – wenn auch sehr liebevoll – in seiner Wohngruppe „festgehalten“ wird. Zwar versucht man ein Umfeld zu schaffen, aus dem die Bewohner erst gar nicht raus möchten – dennoch wünscht man sich mehr Freizügigkeit in solchen Häusern. An dieser Stelle setzt das Projekt Hogeweyk an: sein sicheres, inspirierendes und animierendes Umfeld ermöglicht es den Bewohnern, auch aus ihren Wohngruppen herausgehen zu können. Diese Lebensqualität ist durch nichts zu ersetzen. Das Umfeld ist zwar auch in Hogeweyk begrenzt, aber dennoch größer als in jeder mir bekannten Wohnform im stationären Bereich. Darüber hinaus hat Hogeweyk das Konzept der unterschiedlichen Lebensstile etabliert, d. h., hier werden Lebensstile nachgebildet, die die Pflegebedürftigen nach Aussage der Angehörigen „gelebt“ haben. Vor allem in Bezug auf das intuitive Empfinden soll dies den Bewohnern helfen, sich an das alte Wohnumfeld zu erinnern und sich wohler zu fühlen. An dieser Stelle gibt es jedoch auch andere Konzepte, die auch wir vertreten: Es geht nicht nur um Erinnerungen, sondern auch um ein richtiges, angenehmes und stimulierendes Wohnumfeld im Hier und Jetzt. Wer weiß, ob das Umfeld, in dem ein Mensch zuvor gelebt hat, auch in seinem jetzigen Empfinden für ihn passt? Im Idealfall geht man auf die aktuellen Bedürfnisse eines Erkrankten ein und schafft ein Wohnumfeld, in dem man reagieren kann. Viel an Individualität zulassen – das ist wichtig für die Einrichtung solcher Häuser.

Neben der Möglichkeit, bei Neubauten an die ältere Generation zu denken, besteht auch die Möglichkeit, den Bestand anzupassen. Wie gelingt das?

Wir müssen hier zwischen verschiedenen Maßnahmen unterscheiden. Menschen, die aufgrund ihres Alters eingeschränkt sind, hilft barrierefreies Wohnen innerhalb der Wohnung und im Umfeld. Das heißt, dass eine Infrastruktur in der Nähe verfügbar ist. Es geht also nicht nur darum, Hindernisse in der eigenen Wohnung zu vermeiden, sondern auch um Teilhabe am öffentlichen Leben. Eine andere Frage ist, wie Voraussetzungen geschaffen werden können, die es auch Menschen mit Demenz und ihren Angehörigen ermöglicht, ihren Alltag im Wohnumfeld eigenständig bewältigen können. Aus unserer Sicht kann das nur mithilfe unterstützender Angebote in der Nachbarschaft gelingen, wie Tages- oder Kurzzeitpflege. Auch intelligente Haustechnik kann ein Stück Sicherheit schaffen, indem z. B. die Herdplatte automatisch abschaltet wird. Künftig bietet sie darüber hinaus vielleicht auch die Möglichkeit, den Kontakt zur Nachbarschaft zu halten. Wie kann man sich gegenseitig informieren oder – im schlimmsten Fall – alarmieren? Wie kann das Problem der Vereinsamung im Alter durch neue Konzepte gelöst werden? An all diesen Fragen wird gearbeitet. Wie Wohngruppen in Quartiere integriert werden können, ist daher weniger eine Frage des Leerstandes als die eines neuen konzeptionellen Denkens, das alle Quartierbewohner einbezieht, denn: Eine demenzfreundliche Umgebung kann nur gelingen, wenn dort mindestens genauso viele junge Leute wohnen wie alte.

Welche Rolle spielt die Ausgestaltung der Außenanlagen und des Freiraums für Menschen mit Demenz im landschafts-architektonischen Sinne?

Wir sprechen hier oft von „Sinnesgärten“, d. h., wir entwickeln Freiräume, die die Sinne anregen und unterstützen. Und wir konzipieren Wege, die barrierefrei sind und immer wieder zum Ausgangsort zurückführen. Außenanlagen sollten beherbergend sein und zum Verweilen einladen. Unsere Erfahrung in Pflegeheimen zeigt allerdings, dass wir oft wunderschöne Gärten planen und bauen, diese aber aus Personalmangel gar nicht genutzt werden. Gärten für Demenzkranke sollten übersichtlich und im besten Fall Räume sein, die intuitiv erfahrbare Wege haben und einer sozialen Kontrolle unterworfen sind. Wenn Freiräume in die einzelnen Wohngruppen führen, werden sich alle Bewohner, Besucher und Pflegekräfte durch diesen Raum bewegen. Diese Verschmelzung von Bewegungs-, Sozial- und Außenraum funktioniert z. B. auch in Hogeweyk sehr gut.

Was ist Ihr ganz persönlicher Wunsch für die Zukunft demenzfreundlicher Architektur?

Mein Wunsch ist, dass wir noch mehr Häuser mit überschaubaren familiären Gruppen planen können, die sich gut in die Nachbarschaft integrieren und neben einem guten Wohnumfeld auch angenehme Räume zum Wohlfühlen bieten. Ich würde gerne einmal ein Haus mit natürlichen Materialien bauen: ein Pflegeheim mit Holzböden, massiven Wänden mit Lehmputz und viel frischer Luft – eben einen Ort, an dem man sich spontan wohlfühlt.

Vielen Dank für das aufschlussreiche Gespräch.

Das Interview führten Susanne Peick und Marie Sammet


Stefan Drees 

wurde 1962 in München geboren. Nach seinem im Jahr 1990 erfolgreich abgeschlossenen Architekturstudium arbeitete er bis 1998 zunächst als Architekt in verschiedenen Architekturbüros in München und Berlin. Darauffolgend war er bis 2009 im Büro Feddersen als Architekt tätig.
2009 wurde er assoziierter Partner in feddersenarchitekten. Seit April 2014 ist er Inhaber und Geschäftsführer von Feddersen Architekten.

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