MEHR NACHHALTIGKEIT IM QUARTIER

Die Diskussion um die Stadt der Zukunft ist in vollem Gange. Es ist eine wichtige Auseinandersetzung, die uns alle betrifft.
Schließlich wachsen mit der zunehmenden Urbanisierung Lebens- und Arbeitsräume immer mehr zusammen.

Deshalb darf die Diskussion nicht bei der Frage nach „smart oder nicht smart?” stehen bleiben. Die technischen Möglichkeiten, etwa für ein effizientes Energiemanagement oder zur Unterstützung emissionsarmer Mobilitätslösungen, sind zweifelsfrei wichtige Bausteine. Doch bei alldem dürfen die übrigen Komponenten, die die Nachhaltigkeit von Quartieren ausmachen, nicht vergessen werden.

Zukunftsorientierte Quartiere zeichnen sich dadurch aus, dass sie einen ressourcenschonenden Bau und Betrieb mit einer hohen Lebens- und Aufenthaltsqualität verbinden – im gesamten Quartier und mit langfristiger Perspektive. Ein Anspruch, der eine vorausschauende, umfassende und transparente Planung erfordert.

Mit den Nutzungsprofilen für Stadt- und Gewerbequartiere unterstützt das DGNB Zertifizierungssystem Kommunen, Planer und Projektentwickler dabei, sämtliche Aspekte der Nachhaltigkeit schon frühzeitig in ihrem Planungsprozess zu berücksichtigen. Über den gesamten Lebenszyklus eines Quartiers hinweg werden Aspekte wie die ökonomische, ökologische, soziokulturelle und technische Qualität betrachtet und gleichgewichtet beurteilt. Auch die Prozessqualität eines Projekts wird im DGNB System mit bewertet. Als Belohnung winkt das DGNB Zertifikat in Silber, Gold oder Platin.

Das DGNB System ist in seiner ganzheitlichen Betrachtung von Nachhaltigkeit einzigartig und unterscheidet sich grundlegend von anderen am Markt verfügbaren Ratingtools. Ein Beispiel: Beim DGNB System werden nicht einzelne Maßnahmen bewertet, sondern anzustrebende Leistungsziele definiert. Der Lösungsweg dahin bleibt weitgehend flexibel, wodurch innovative Lösungswege nicht durch starre Vorgaben im Keim erstickt werden.

Das Zertifizierungssystem der DGNB ermöglicht Transparenz, Qualitätskontrolle und Planungssicherheit – vom Projektbeginn bis zur Realisierung des Quartiers. Mit seinen Kriterien bildet das Bewertungssystem alle relevanten Einflussfaktoren ab und macht Kosten und Nutzen über den gesamten Lebenszyklus sichtbar. Dabei zeichnet sich ein nachhaltig geplantes und gebautes Quartier nicht nur durch ein Plus an Komfort und Lebensqualität aus. Es kann auch zu einer Wertsteigerung führen, wenn Aspekte wie Ressourcenverbrauch, Mobilität und die Bedürfnisse der späteren Nutzer von Anfang an effizient miteinbezogen werden.

Beim Profil für Stadtquartiere wird der Bereich zwischen den Gebäuden und der Quartiersstandort ebenso betrachtet wie übergeordnete Konzepte für den Umgang mit Energie, Wasser und Abfall sowie die Themen Stadtteilklima und Artenvielfalt. Ziel ist es, Stadtquartiere zu entwickeln, die eine hohe Aufenthaltsqualität für die Bewohner bieten, jedoch gleichzeitig umwelt- und ressourcenschonend sind. Die Gebäude selbst müssen für eine Quartierszertifizierung nicht zertifiziert sein und werden nur mit Basiswerten in der Bewertung berücksichtigt.

Das Gewerbequartier bündelt alle Aspekte eines attraktiven Arbeits- und Freizeitumfelds. Konzepte zur Verbesserung der Aufenthaltsqualität und zur Kinderbetreuung sowie Einkaufsmöglichkeiten für die Mitarbeiter sind ebenso relevant wie etwa die Themen Ökobilanz und Energietechnik der Gebäude und Infrastruktur. Die Bildung von Synergien und geschlossenen Kreisläufen zwischen Gewerbe und den umgebenden Quartieren ist ein weiteres wichtiges Handlungsfeld nachhaltiger Quartiersplanung. So werden Kosten effizient und langfristig gesenkt, Komfort und Lebensqualität konsequent gefördert – mit entscheidendem Mehrwert: wirtschaftlicher Betrieb auf der einen Seite, Produktivität und Wohlbefinden auf der anderen.

Im Frühjahr 2016 wird die DGNB eine überarbeitete Version des Zertifizierungssystems für Quartiere auf den Markt bringen. Diese wird mit rund 30 Kriterien deutlich reduzierter und fokussierter sein als die bisherige Version, in der noch 46 Kriterien betrachtet wurden. Gleichzeitig gibt es einige Aspekte, die künftig stärker in den Vordergrund rücken oder ganz neu ins System aufgenommen werden. Dies betrifft etwa die Resilienz und Wandlungsfähigkeit des Quartiers sowie dessen soziale und funktionale Mischung. Mit Blick auf die ökologische Qualität sind hier die Themen Biodiversität und Stadtklima zu nennen. Aus technischer Sicht werden beispielsweise die Themen Wertstoffmanagement und Smart Infrastructure explizit adressiert. Im Bereich der Prozessqualität wird künftig das Kriterium „Governance“ das Quartierssystem der DGNB erweitern.

Im Übrigen ist das DGNB System immer auch als Kommunikationswerkzeug zu verstehen. Soll heißen: Sowohl bei der Vorzertifizierung in der Entwurfsphase als auch bei der Zertifizierung in der Planungs- und Erschließungsphase gibt den am Projekt beteiligten Akteuren genau die Themen an die Hand, gibt, die sie angehen sollten, wenn sie gemeinsam den Nachhaltigkeitsweg beschreiten wollen. Mehr noch: Es kann dabei helfen, Bewohner oder Nutzer frühzeitig und transparent über die eigenen Planungsziele zu informieren oder sie sogar in Entscheidungsprozesse mit einzubinden. Das Thema Partizipation ist sogar ein eigenes Kriterium, das letztlich positiv in die Gesamtbewertung einfließt. Das ist nur konsequent. Schließlich ist nur das nachhaltig, das letztlich auch positiv angenommen und langfristig genutzt wird. Das gilt insbesondere für Quartiere, bei denen das Miteinander immer im Fokus stehen muss.


Dr. Christine Lemaitre

geboren in Gießen, studierte Bauingenieurwesen an der Universität Stuttgart. Nach einem beruflichen Aufenthalt in den USA war sie ab 2003 am Institut für Leichtbau Entwerfen und Konstruieren der Universität Stuttgart beschäftigt und ab 2007 bei der Bilfinger Berger AG. Im Januar 2009 übernahm sie die Leitung der Abteilung System bei der Deutschen Gesellschaft für Nachhaltiges Bauen (DGNB). Seit Februar 2010 ist Dr. Christine Lemaitre Geschäftsführerin der DGNB. Sie ist Vorstandsmitglied der Sustainable Building Alliance und hat seit 2015 den Vorsitz für das Europe Regional Network des World Green Building Council inne.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.