POLIS KEYNOTES STUTTGART // LEBENDIGE STADT

Welche Faktoren machen eine Stadt lebenswert und lebendig? Wo wollen wir hin und was müssen wir dafür tun? Stichworte wie autonomes Fahren oder unterirdische Mobilitätshubs – ist das die Zukunft? Viel wichtiger als diese immer noch leicht nach Science-Fiction klingenden Visionen, scheint der Wunsch nach einer „Zukunft Stadt“ zu sein, der trotz stetigem Wandel menschen- und nicht maschinengesteuert bleibt, eine Stadt, die ihre Persönlichkeit nicht aufgibt. Vom „Stadtambiente“ war häufiger die Rede an diesem Abend in Stuttgart – „Wir müssen Ambiente für die Menschen schaffen.“ Wir, damit sind diejenigen Akteure gemeint, die an Stadtentwicklung primär beteiligt sind und wichtige Entscheidungen treffen: Stadt bzw. Kommune, Projektentwickler und Investoren, sowie Planer und Architekten. Und „Ambiente“? Was bedeutet das für die Stadt?

Über all diese Fragen wurde am Abend des 19. September in der Stuttgarter Kunstakademie bei den polis Keynotes diskutiert, die zum vierten Mal in diesem Jahr in einer deutschen Metropole stattfanden. Über 90 Gäste aus der Branche waren gekommen, moderiert wurde von Frank Peter Unterreiner, Journalist und passenderweise Herausgeber des „Immobilienbriefs Stuttgart.“ Die polis Keynotes Partner waren diesmal die Arcadis Germany GmbH vertreten durch Birgit Detig, die Menold Bezler Rechtsanwälte Partnerschaft mbB vertreten durch Christiane Stoye-Benk, das Bankhaus Ellwanger & Geiger vertreten durch Mario Caroli sowie die Instone Real Estate Development GmbH vertreten durch Bianca Reinhardt Weith.

Besonders interessant gestaltete sich der Einstieg des Amtsleiters für Stadtplanung und Stadterneuerung in Stuttgart, Dr.-Ing. Detlef Kron. Für ihn ist wichtig, dass wir neue Projekte stets dem Stadtbild anpassen, artifiziell sollten die Städte der Zukunft also nicht wirken – das Gegenteil etlicher Science-Fiction Ideen eben. „Was wir heute entscheiden, kommt in fünf bis zehn Jahren auf die Baustelle!“, sagt er. Kron sprach weiter vom Ziel einer „menschengerechten statt autogerechten Stadt“. Diese Forderung setzte er in den Kontext der aktuell wiederentfachten Debatte über die Stuttgarter „Kulturmeile“, ein Großprojekt in der Innenstadt. Hier grätscht die jeweils mehrspurige Autoschnellstraße B14 mitten durchs Kulturviertel mit Oper, Staatsgalerie, Landesbibliothek u.v.m. Gerade wird wieder über die Neuausschreibung eines städtebaulichen Wettbewerbs gesprochen, vor sieben Jahren sind die letzten Tunnelbaupläne gescheitert. Die Schneise soll vor allem rad- und fußgängerfreundlicher werden. Ein Ziel, das auch Kron stark unterstützt. „Mich hat die extrem schwierige Verkehrssituation in Stuttgart schon von Anfang an gestört“, sagt er. Auch die „IBA 2027 Stadtregion Stuttgart“ ist ein Projekt, das Kron in seinem Vortrag ansprach: „100 Jahre nach Errichtung der Weißenhofsiedlung soll die Internationale Bauausstellung (IBA) 2027 StadtRegion Stuttgart international sichtbare Zeichen für das Bauen, Leben und Arbeiten im Zeitalter von Digitalisierung, Globalisierung und Klimawandel setzen“, heißt es auf der Webseite. Am selben Tag, an dem die polis Keynotes stattfunden, wurde hierfür der Gesellschaftsvertrag notariell beurkundet. Auch Gesellschafterversammlung und Aufsichtsrat der neuen GmbH sind erstmalig zusammengetreten. Es bleibt also spannend und Dr. Detlef Kron untermauert mit all den Beispielen diejenige Situation, in der sich wohl aktuell jede Metropole befindet: „Stuttgart ist nie fertig, wir entwickeln uns ständig weiter.“

Birgit Detig von Arcadis ging auf eine Studie ein, die das Unternehmen 2016 in Auftrag gab: der „Sustainable Cities Index.“ Hochrechnungen zufolge werden im Jahr 2050 bis zu 72 Prozent der Weltbevölkerung in Städten leben, heute seien es laut Detig etwa 50 Prozent. Die Arcadis Studie versucht, die Kriterien einer lebenswerten Stadt herauszuarbeiten. Dazu gehören die drei Hauptpunkte „People“, „Planet“, und „Profit.“: Erziehung und Bildung, Gesundheit, Grünflächen und Treibhausemissionen, Transport und Infrastruktur sowie Konnektivität wurden untersucht und ins Verhältnis gesetzt. Sieger im weltweiten Ranking ist übrigens Zürich, gefolgt von Singapur und Stockholm. Sogar Frankfurt ist auf Platz Sechs, Stuttgart nicht einmal vertreten.

Christiane Stoye-Benk ist Württembergische Notariatsassessorin und überraschte mit einem so ganz und gar nicht juristischen Vortrag. Stattdessen referierte sie sehr leidenschaftlich über das Thema „Moderne Stadtentwicklung erfordert Toleranz“. Sie stellte sich die Frage: „Wie sieht die menschliche Stadt der Zukunft aus?“ Stoye-Benk plädiert für eine dynamische und demokratische Planungskultur und nennt in diesem Zusammenhang das Hervortreten des sogenannten „Wutbürgers“ mit klarem Bezug zum Bahnprojekt „Szuttgart 21“. Der Wutbürger fühle sich nicht genug in den Prozess der Stadtplanung einbezogen und agiert deshalb entsprechend: „Wo bleibt das Innovative, das Kreative, das Soziale?“, fragt Stoye-Benk in die Runde. Sie ist der Meinung, dass „Arenen“ dabei helfen würden, die entsprechende Diskussionskultur zu leben und zu verbessern. „Apfelbaum-Demokratie“ nennt die Notariatsassessorin diese Ergänzung der jetzigen Demokratiestrukturen um die Elemente Schlichtung, Mediation und Bürgerentscheid.

Mario Caroli ist persönlich haftender Gesellschafter des Bankhauses Ellwanger & Geiger. Sein Vortrag war ebenfalls geprägt von der Zukunftsfrage: Wie umgehen mit den Veränderungen? Er sprach über Projektziele im Spannungsfeld zwischen öffentlicher Steuerung und Marktmechanismen im Immobilienbereich. Dabei bemerkte Caroli die gesellschaftlichen Anforderungen, die in das Feld der Stadtplanung einbezogen werden müssen: „Die Gesellschaft will’s, die Gesellschaft realisiert’s“, sagte er mit Blick auf öffentliche Parkprojekte wie die High Line in New York oder Superkilen in Kopenhagen. Caroli war damit auf ähnlicher Linie mit Christiane Stoye-Benk: ein geordneter und gleichzeitig lebender Austausch zwischen Gesellschaft und Projektentwicklern über die Zukunft der Stadt sei unabdingbar.

Zuletzt sprach Bianca Reinhardt-Weith vom polis Partner Unternehmen Instone Real Estate Development GmbH. Ihr Vortrag „Von der Immobilie zum Lebensraum“ griff noch einmal das auf, was ganz zu Anfang auch Dr. Detlef Kron forderte: Bei all den neuen Bauprojekten dürften wir den baulichen Charakter einer jeden Stadt nicht vergessen. Reinhardt-Wirth führte außerdem klar aus, dass die Immobilienbranche in einigen Bereichen noch nicht den nötigen „Drive“ habe, auf wichtige gesellschaftliche Trends spät oder noch gar nicht aufgesprungen sei. Sie nannte das Beispiel des „Sharings“: „Dieser Trend ist in der Mobilitätsbranche bereits gänzlich, in der Immobilienwelt noch gar nicht angekommen. Ich bin mir aber sicher, dieser Weg ist unausweichlich.“ Was genau die „Sharing Economy“ übertragen auf unseren künftigen Wohnraum bedeutet, lässt Reinhardt-Weith offen. Später bringt sie noch die autonome energetische Selbstversorgung von Quartieren als Zukunftsvision ein und plädiert für die Schaffung von „Ambiente“ bei Konversionsprojekten: „Wir müssen ein Gefühl für diese alten Gebäude entwickeln und einen Umbau entsprechend lösen.“

Letztendlich fasste Bianca Reinhardt-Weith die Faktoren zukünftig erfolgreicher Stadtentwicklung gut zusammen. Es brauche allen voran Investoren und „Macher“, die sich an neue Projektausführungen- und Gestaltungen wagen, eine prozessstarke Stadtverwaltung, Kreativität und Innovation sowie Toleranz und Aufklärung. Vielleicht sind das in der Tat diejenigen Faktoren, die unsere Städte zu lebendigen und zukunftsfähigen Städten machen. Einige Elemente müssen sicherlich noch verstärkt und kräftiger werden – wir sind jedoch auf einem guten Weg. Das war Konsens in Stuttgart.


Fotos © polis Magazin / Thomas Bernhardt

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