polis 03/2017

© Batman (edit.) Mark Anderson

Der antike Architekt und älteste uns überlieferte Architekturtheoretiker Vitruv hielt in seinen 10 Büchern über Architektur zum ersten Mal die bestimmenden Qualitäten des Bauens fest. Jedem Architekturstudierenden sind diese Kategorien bekannt. Vitruv gliederte die Grundlagen des Bauens in die Bereiche Firmitas, Utilitas und Venustas. Auch gut zweitausend Jahr später hat sich an dieser grundsätzlichen Betrachtung und Bewertung von Architektur nichts Wesentliches geändert.

Es ist für uns selbstverständlich, dass Gebäude einem konstruktiv-technischen Standard entsprechen, der Sicherheit verspricht. Auch die Gebräuchlichkeit, die den verschiedenen Nutzungen in optimaler entsprechen muss, stellt niemand in Frage. Firmitas und Utilitas stellen Werte dar, die sich in jeder Investition abbilden und ohne die Immobilienmärkte zwischen Nachfrage und Angebot nicht funktionieren würden.

Komplizierter wird es dann schon mit dem dritten Begriff, den Vitruv anführt, der Venustas, einfach übersetzt, der Schönheit. Über Schönheit wird beim Bauen, wenn überhaupt, nur zuletzt gesprochen. Wir leben in einer Kultur der Ausschreibungen, die von der Suche nach dem günstigsten Angebot, der Optimierung von Leistungen und Kosten, geprägt ist. Wie wenig zuträglich dies der Entwicklung von Veränderung, Erneuerung oder schlicht Kreativität ist, wird jeder aus einer Erfahrung bestätigen können.

Das Bemühen um Schönheit meint ja nicht nur die Äußerlichkeit oder Hülle der Architektur oder des öffentlichen Raums. Es beschreibt – auch schon im antiken Sinne Vitruvs – all das, was über die rein funktionalen Aspekte hinaus Wert besitzt. Es schreibt der Architektur und Gestaltung des öffentlichen Raums diese Möglichkeit, „Mehr Wert“ zu sein, sogar explizit zu. Dieser eigenständige Wert des Schönen entsteht nicht aus einem Zweck, sondern aus dem Verständnis, dass durch Bauen ein für jeden Einzelnen wie für die Gemeinschaft bereichernder Beitrag entsteht.

Die Begegnung mit Gebautem und öffentlichem Raum kann unendlich banal oder nachhaltig inspirierend sein. Ob Architektur als Asset zu einem Sinn leeren Immobilienprodukt verkümmert, oder als innovative Projektentwicklung einen wichtigen Beitrag zur Stadtentwicklung leistet, entscheidet sich nicht über den Preis, sondern am Wert, der erst im Zusammenklang von Firmitas, Utilitas und Venustas entsteht.

„Ein Zyniker ist ein Mensch, der von

jedem Ding den Preis, aber von keinem

den Wert kennt.“

Oscar Wilde

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