polis 04/2017

Wer eine Leidenschaft für das technisch Machbare hat, den wird die Faszination an immer neuen Werkzeugen der Menschheit kaum loslassen. Die digitale Transformation hat mit unvorstellbarer Gewalt und Geschwindigkeit alle denkbaren Bereiche des menschlichen Lebens erobert. Das menschliche Genom liegt als Datensatz bereit, um Krankheiten zu bekämpfen, körperliche Funktionsfähigkeit durch Prothesen zu gewährleisten und das Altern zu überwinden. Wir verfügen zu jeder Zeit an jedem Ort über eine nicht zu bewältigende Menge an Informationen. Selbstqualifizierende Systeme künstlicher Intelligenz ermöglichen es uns, durch Sprache zu steuern und Physiognomie zu erkennen. Unzählige verblüffende Anwendungen erleichtern uns das Leben und erweitern unseren Leistungshorizont.

Wen die Neugier treibt, hinter die Welt des technischen Möglichen zu schauen, den wird das Staunen über die Komplexität der Zusammenhänge nicht mehr loslassen. Das weltweite Netz hat Milliarden Nutzer zu einem globalen Dorf produzierender und konsumierender Akteure verknüpft. Algorithmen strukturieren immense Datenmengen und profilieren Bedarfe für morgen, Ortungsdienste kartografieren Bewegungsprofile und optimieren die Mobilitätsanforderungen von übermorgen. Das Gemeinschaftswerk unzähliger Programmierer ermöglicht uns ein Verständnis komplexer Zusammenhänge und präziser Prognosen über das, was uns ökonomisch und ökologisch erwartet.

Wer sich Zeit nimmt, all das zu reflektieren, wird einer gewissen Nachdenklichkeit nicht ausweichen können. Das „alte“ Analoge hat es schwer neben dem „modernen“ Digitalen. Die Euphorie der digitalen Erneuerung will sich nicht mit dem Gewicht einer physischen Gesellschaft belasten. Erst allmählich nehmen wir wahr, dass das Glück verheißende transparente Internet in falschen Händen zu einen Werkzeug der Indoktrination und Desinformation pervertiert werden.

Und so wird uns Tag für Tag klarer: das „globale Dorf“ hat noch viel zu lernen, dass jedes digitale Werkzeug seine kulturelle Bedienungsanleitung benötigt, dass alle digitalen Möglichkeiten ihre Beipackzettel über die sozialen Nebenwirkungen brauchen und das das respektvolle Miteinander noch immer am besten in der Kneipe gelernt werden.

„Manchmal denk ich wie es wäre
wenn es nicht so wär
Ich wär wohl anders und
vielleicht wär ich auch glücklicher
Digital ist besser
Digital ist besser
Digital ist besser
Für mich“
Tocotronic – Digital ist besser

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