WENN WÄNDE BÄNDE SPRECHEN

In wenigen Dingen sind sich Wissenschaftler verschiedener Fachbereiche einig. Ein Anliegen teilen Natur- und Geisteswissenschaften allerdings: Es sollte möglich sein, Schönheit empirisch zu messen. Wie genau das von statten gehen soll, bleibt bisweilen allerdings weitestgehend ein Mysterium.

Spätestens seit Aristoteles beschäftigen sich Menschen mit der Frage, was schön ist. Es steht fest, dass Werturteile sich von Mensch zu Mensch unterscheiden. Sie sind sowohl an Moden als auch an die Zeit gebunden. Vielfach versuchten Philosophen, Schönheit durch ein gewisses Verhältnis der Teile zu definieren. Jedoch hielt keiner dieser Ansätze, was er versprach. Heute fragt man sich, ob das Problem in der falschen Frage oder der falschen Methodik fußt. Solange es keine Möglichkeit gibt, Schönheit zu messen, sind alle Fragen nach Schönheit eigentlich Fragen nach Geschmack. Aber: „De gustibus non est disputandum“ – Über Geschmack lässt sich nicht streiten – schrieb der französische Schriftsteller und Gastrosoph Jean Anthelme Brillat-Savarin. Dann streiten wir eben nicht über Geschmack, meint der Schweizer Philosoph Alain de Botton in seinem Buch „Glück und Architektur“. Er plädiert dafür, den Blick statt aufs Äußere nach innen zu wenden.

De Botton verlangt von uns, dass wir Gebäude „sprechen“ lassen. Letztere vermitteln dem Betrachter einen Eindruck der psychologischen und moralischen Ansichten, die den Bauten unterliegen. Demnach entfachen sich hitzige Debatten nicht an verschiedenen visuellen Vorlieben, sondern an divergenten Vorstellungen des richtigen Lebens. Die Diskussionen sollten sich also verlagern. Weg vom Visuellen, hin zu den Wertvorstellungen, die die Gebäude verkörpern. Dies ermögliche Diskussionen über Menschen, Ideen und Politik, schreibt de Botton. Ein architektonisches Werk schön zu nennen, bedeute vor allem, die darin dargestellten Werte als Verkörperung der eigenen Ideale zu erfahren.

Doch de Botton denkt seine Idee noch weiter. So wie der Traum in der Psychoanalyse einen flüchtigen Blick auf das Unbewusste gewährt, ermöglicht das Betrachten eines architektonischen Werkes den Zugang zur Gefühlswelt des Betrachtenden. Die Deutung der Reaktionen ist aber zuweilen durchaus kompliziert. Wie oben beschrieben, kann die Schönheit eines Gebäudes im Kongruentsein mit eigenen moralischen oder ethischen Vorstellungen liegen. Allerdings kann sie auch im Gegenteil begründet sein, nämlich dem Streben nach eben den Werten, an denen es der betrachtenden Person nach eigenem Urteil mangelt. Letztlich könnte es sich hier aber auch weniger um einen Widerspruch als um zwei Seiten derselben Münze handeln. In jedem Fall sollte uns diese Interpretationsfreiheit nicht abschrecken, da sie doch das Potential birgt, uns einen Einblick in die eigene Psyche zu geben.

Es de Botton nachzutun und der Geschmackspsychologie zu folgen, erlaubt es uns, die großen Dogmen der Ästhetik zu umgehen. Wir müssen uns weder fragen, ob es einen einzigen akzeptablen Stil gibt, noch ob nicht doch alle Stile gleichermaßen akzeptabel sind.

Letztendlich zeigen sich die Wissenschaften aber nicht überzeugt und suchen zum Beispiel am Max-Planck Institut für empirische Ästhetik weiterhin nach objektiver Schönheit. Dank de Botton ist es uns nun freigestellt, uns ihnen anzuschließen oder unseren ganz eigenen Fragen nachzugehen.

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