CIRCULAR: AUS UNBRAUCHBAR WIRD WERTVOLL

Angesichts des kontinuierlichen Wirtschaftswachstums in China steigt auch die Nachfrage nach verlässlicher, nachhaltiger und sauberer Energie – so auch in Shenzhen. Allerdings ist Shenzhen keine Stadt wie jede andere: In den siebziger Jahren wurde das hügelige Terrain des ehemaligen Fischerdorfes zur Nutzbarmachung  geebnet und leicht angehoben. Seitdem fungiert die chinesische Planstadt im Süden der Provinz Guangdong als sogenannte Sonderwirtschaftszone. Dieser Status macht die Stadt nicht nur für ausländische Investoren attraktiv, sondern treibt darüber hinaus das rasante Wachstum der Stadt noch weiter voran.

Shenzhen beherbergt mittlerweile rund 20 Millionen Menschen, die täglich 15.000 Tonnen Müll produzieren; Tendenz steigend. Um dieser Entwicklung entgegenzuwirken, baut der Energieversorger Shenzhen Energy ein neues Kraftwerk, das nicht nur durch fortschrittlichste Technik zur Müllverbrennung punktet, sondern auch durch gezielte Informationen zu Themen der Abfallproduktion- und Beseitigung das Bewusstsein der Einwohner schärft. In Zukunft werden rund 5000 Tonnen Müll täglich im Kraftwerk verbrannt, die wiederum 550 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr generieren werden.

Die Sinnhaftigkeit und Bedeutung des Standortes Shenzhen für ein solches Kraftwerk ergibt sich auch aus der Geschichte der Stadt: 2015 ereignete sich ein Erdrutsch, in dessen Zuge sich nach anhalten Regengüssen eine gewaltige Schlammlawine aus Abfällen und Erde von einem künstlichen Berg löste. Insgesamt bedeckte die Geröllmasse eine Fläche von 380.000 m2, darunter auch 33 Gebäude. Seither gelten  knapp 80 Menschen als vermisst. Wenn auch auf besonders tragische Weise, so sensibilisierte der Vorfall die Einwohner Shenzhens für die Gefahren der unkontrollierten Müllproduktion- und Beseitigung.

Nun setzen die Chinesen ein Zeichen im Sinne wohlgeplanter Infrastrukturmaßnahmen. Darüber hinaus bereichert der Neubau auch die Landschaft. Den international ausgeschrieben Wettbewerb zur Gestaltung des weltgrößten Ersatzbrennstoffkraftwerkes gewannen die Architekturbüros Schmidt Hammer Lassen und Gottlieb Paludan. Ihr Vorschlag strukturiert das gesamte Kraftwerk in ein kreisförmiges Gebäude und bricht so mit der traditionell rechteckigen Form des Kraftwerkes. Vorteilhaft ist, dass der runde Grundriss die benötigte Fläche reduziert und somit die weitere Versiegelung des Bodens vermeidet. Da unversiegelter Boden eine größere Menge Wasser aufnehmen kann, sinkt folglich auch die Gefahr eines Erdrutsches.

Besucher erschließen sich das Kraftwerk durch einen Landschaftspark. Auf einem Weg, der um das Kraftwerk herum führt, erhalten sie umfangreiche Informationen zu den einzelnen Abläufen im Werk. Das Besucherzentrum erstreckt sich über die Maschinenanlagen des Kraftwerkes. Darüber hinaus gibt es auf dem 66.000 qm großen, zu zwei Dritteln mit Sonnenkollektoren bedeckten Dach des Gebäuderiesen einen rund 1,5 km langen Panoramaweg. Insofern trägt das Kraftwerk zusätzlich zur Versorgung der Stadt mit nachhaltiger Energie bei.

Shenzhens Ersatzbrennstoffkraftwerk zeigt: Unkontrolliertes Städtewachstum verlangt nach innovativen Lösungen für den  bewussten und nachhaltigen Umgang mit Müllmassen. Im Kontext der Frage, wie Reststoffe als Brennstoffe verwertet werden können und so den steigenden Energiebedarf in Metropolen decken können, nimmt es eine Vorreiterrolle ein.
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Renderings: © Schmidt Hammer Lassen Architects

Dieser Artikel erschien zuerst in unserer Hauptausgabe 01/2019 »Distance«.
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