CHRISTIAN SCHMID: RETHINKING WORK

Man findet unzählige Dokumentationen, Modelle und Muster zur Stadt der Zukunft. Es zeigt sich auch, dass wir uns die Zukunft und unsere Städte genauso bauen wie sie uns in den Science Fiction Ideen vorgestellt wurden. Wolkenkratzer sind seit Jahrzehnten nicht mehr aus den Skylines der großen Städte wegzudenken und einstige Utopien wie etwa das selbstfahrende Auto sind bereits zur Realität geworden.

Doch reichen diese Vorstellungen und Überlegungen, wenn man das Konzept Stadt „überdenkt“? Geht es nicht auch darum – als handelnde und gestaltende Personen in der Immobilienwirtschaft – darüber nachzudenken, was eine Stadt für den Einzelnen zukünftig lebens- und begeisterungswert macht? Im Zuge der Urbanisierung ist man damit unmittelbar bei der Frage nach dem (Wunsch-)Leben der Zukunft und nach dem Arbeitsplatz der Zukunft. Und diese Zukunft ist schon sehr nah.

Die Ansprüche der Menschen an ihre Arbeitswelt steigen: Gerade die jüngere Generation erwartet nicht nur eine hochwertige Büroausstattung, sondern vor allem gute Kommunikationsmöglichkeiten am Arbeitsplatz. So sind die sogenannten Millennials die erste Generation, die mit der Digitalisierung aufgewachsen ist. Sie erobert allmählich den Arbeitsmarkt, während sich die Baby Boomer nach und nach in den Ruhestand verabschieden. Unternehmen, die sich den Wünschen eines durchaus anspruchsvollen Mitarbeiterpotenzials hinsichtlich der Gestaltung von Arbeitsort und Arbeitszeit verschließen, werden daher künftig am Arbeitsmarkt weniger konkurrenzfähig sein.

MOBILITÄT UND FLEXIBLES ARBEITEN

Oft dominieren noch traditionelle Büroformen mit festen Arbeitsplätzen – das Spektrum reicht von Einzel- und Kleinraumbüros bis zum Großraum. Die verschiedenen Büroformen sind mit jeweils spezifischen Vor- und Nachteilen für Arbeitgeber und Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer verbunden. Gerade bei Großraumkonzepten muss man zudem differenzieren: Spricht man von einer eher in den USA gängigen Lösung mit sehr großen, offenen Flächen, die durch Raumteiler getrennte Arbeitsplätze vorsehen, oder von den eher in Europa angewendeten „Dorf-Strukturen“ mit überschaubar großen Räumen und Gruppenarbeitsplätzen. Ein solches Dorf-Raumkonzept erlaubt eine mehr team- und projektbezogene Arbeitsweise verbunden mit einer wachsenden Selbstorganisation der Beschäftigten. Unterstützt wird das selbstorganisierte Arbeiten durch den zunehmenden Anteil von Teilzeitarbeit und die steigende Zahl an Beschäftigten, die an einzelnen Tagen im „Home Office“ arbeiten. Diese Mitarbeiter benötigen beispielsweise nicht zu jeder Zeit einen eigenen festen Büroarbeitsplatz.

Um den Anforderungen an Kommunikation sowie Raumeffizienz gerecht zu werden und gleichzeitig konzentriertes Arbeiten zu ermöglichen, greifen moderne Büroflächen auf eine Mischung unterschiedlicher Konzepte zurück. Dabei dienen Teile des Büroraums als offene Fläche dem kommunikativen Austausch, während man bei anderen auch mal die Tür zu machen kann. Eine solche Bürolandschaft bietet die Möglichkeit, situationsbezogen den jeweils geeigneten Arbeitsort aufzusuchen. Sie bedeutet allerdings auch den Verzicht auf einen festen persönlichen Arbeitsplatz.

LANGFRISTIGE AUSWIRKUNGEN

Kontrovers diskutiert werden die langfristigen Auswirkungen der künftigen Arbeitswelt auf den Pro-Kopf-Flächenbedarf. Führt dies letztlich zu einer deutlich geringeren Büroflächennachfrage? Die Antwort auf diese Frage ist keineswegs einfach. Jenseits konjunktureller Schwankungen spricht einerseits der Trend von überwiegend kleineren Räumen hin zu offeneren Bürolandschaften für eine effizientere Flächennutzung. Andererseits erhöhen die zusätzlichen Raumansprüche für kommunikative Gemeinschaftsflächen den Bedarf. Unternehmen, die im Wettbewerb um Talente konkurrenzfähig bleiben wollen, müssen einer anspruchsvolleren Arbeitnehmerschaft Rechnung tragen. Sie werden daher Effizienzgesichtspunkten keine zu große Bedeutung einräumen können, um den Arbeitsplatz der Zukunft lebens- und begeisterungswert zu gestalten. Daher kann man davon ausgehen, dass es langfristig nicht zu einer dramatisch sinkenden Bürofläche pro Beschäftigten kommt – auch, wenn die Menschen dann autonom zur Arbeit gefahren werden.

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Christian Schmid

ist Mitglied des Vorstandes bei der Helaba. Nach Banklehre, Studium an der Bankakademie und Intensivausbildung an der Business School IMD in Lausanne bekleidete er verschiedene Positionen bei der Deutschen Bank. 2002 wechselte er zur Eurohypo AG. Von 2012 bis 2017 war er Head of Business and Syndication Management und Managing Director bei der Aareal Bank.

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