Komposition urbaner Räume

Ich bin weder Architekt noch Städteplaner, aber Architektur und Städtebau sind eine Leidenschaft von mir. Ich brauche schöne Städte, ich sauge sie auf wie schöne, unberührte Natur. Über schlechteArchitektur und schlechten Städtebau kann ich mich so unglaublich aufregen, viel mehr als über schlechte Schauspielerei!

Ich habe nach dem Fall der Mauer die ruinösen, aber wunderschönen alten, authentischen Stadtbilder in Ostdeutschland entdeckt: Görlitz, Wismar, Altenburg, Schwerin, Erfurt und so weiter. Ich habe mich sogar so leidenschaftlich in die Stadt Dresden verliebt, dass ich sie mir nicht mehr ohne Frauenkirche vorstellen konnte, und ich schließlich Mitglied im Wiederaufbauverein wurde. Ich fühlte mich nur in alten, historischen Städten richtig wohl.

Aber, um Gottes Willen! Ich dachte immer, ich sei ein aufgeschlossener, moderner Mensch! Und ich wollte ja modern sein. Also ging ich durch unsere Städte und schaute sie mir alle an. Ich las die Gebrauchsanweisungen ihrer Erbauer und dachte: Mit dieser Hilfe wirst du die Schönheit der Bauten erkennen! Ich wanderte durch unsere Städte und redete mir ein: Du musst versuchen, den städtebaulichen Bruch zu lieben! Ich schwärmte von unseren modernen flachen, unseren immer gleichen Dachlandschaften! Von der liebevoll komponierten Haustechnik. Und ich begrüßte herzlich alle Investoren, die bereit waren, die altmodische, unmenschliche Parzellenstruktur mit fortschrittlichen Einheits-Riesenriegeln zu überbauen! Ich lernte, die Wärmedämmung zu lieben. Ich lehnte mein Fahrrad an die pappigen Fassaden und war überwältigt von den tiefen Wunden, die mein Drahtesel riss. Ich blickte auf die Dämmwolle. Ich sagte mir: Es ist ökologisch, wenn wir die Häuser mit Chemie verpacken! Es fördert die Gesundheit! Nein, stopp!

Tut mir leid, die Therapie hat nichts gebracht. Ich sah natürlich einzelne wunderbare Bauten, aber ich traute der Moderne keineschönen Stadträume zu. Als es in Dresden darum ging, das Umfeld der Frauenkirche zu bebauen, da konnte ich mir nichts anderes vorstellen als die historische Bebauung. Und auch wenn nicht jede Rekonstruktion und nicht jeder Neubau dort heute überzeugen, auch wenn Kleinteiligkeit meist nur vorgetäuscht wird: Ich glaube, die Entscheidung, das Rad am Dresdner Neumarkt nicht komplett neu zu erfinden, war das Beste, was man diesem Ort antun konnte.

Ich glaube, das, was in Dresden begonnen wurde, was in Frankfurt, in Potsdam und auch in anderen Städten jetzt eine Fortsetzung und Weiterentwicklung erfährt, wird rückblickend als etwas ganz entscheidend Neues in der Entwicklung unserer Innenstädte angesehen werden. Und nicht weil hier teilweise rekonstruiert wird – nein! –, etwas anderes ist viel wichtiger: Durch die Suche nach einem modernen ortstypischen Stadthaus, das qualitativ und ästhetisch mit den historischen Häusern mithalten kann, werden wir endlich zu einer neuen Moderne kommen, die begreift, dass Anpassung eine Qualität ist.

Aber wie soll also das schöne, normale und moderne Stadthaus aussehen? Grundvoraussetzung muss es sein, den Geist des Ortes zu erkennen und zu begreifen. Wir brauchen eine genaue Kenntnis der lokalen Baugeschichte und der Vorgängerbauten. Wir müssen die lokale Bautradition modern interpretieren und sie weiterführen. Wenn ich ein Foto der betreffenden Stadthäuser sehe, möchte ich gleich erkennen können, um welche Stadt es sich handelt. Welches Material ist typisch für den Ort? Welcher Formenkanon? Und wie kann man das zeitgenössisch interpretieren?

Der Mensch muss das Maß aller Dinge sein! Deshalb müssen wir kleinteilig bauen, denn Kleinteiligkeit entspricht dem Menschen, der sich zu Fuß bewegt. Und wir müssen uns bei der Materialwahl beschränken. Außerdem brauchen wir vernünftige Dächer! Keine abgeschnittenen Häuser. Eine abwechslungsreiche, schöne Dachlandschaft gehört zu einer schönen Stadt dazu. Wir leben nicht in der Sahara. Warum also ist das Flachdach zu einem modernen Dogma geworden? Bei dem rechten Winkel verhält es sich ähnlich. Darf in der Moderne kein Dreieck mehr vorkommen, kein Kreis? Hat man Angst, man landet dann gleich bei der Postmoderne?

Der Mensch ist ein sinnliches Wesen. Und die gebaute Umwelt muss seine Sinne befriedigen! Wie sollen die glatten, kühlen und monotonen Fassaden der Moderne dies leisten? Warum gibt es keine Details mehr? Dekorationen? Kann oder darf die Moderne das nicht? Warum sollte man nicht in der Lage sein, zeitgemäße Ornamente zu finden? Wir brauchen Struktur, Relief, Profil, Tektonik, Details. Lebendige Fassaden, Straßenräume mit Rhythmus.

Urbane Räume muss man komponieren. Es müssen Ensemble entstehen! Die Vielfalt in der Einheit! Ist es denn so schwer, unverwechselbare, orttypische Häuser zu bauen, die all das bieten, was wir an den alten Häusern so lieben, und die trotzdem ganz und gar Kinder unserer Zeit sind? In Abgrenzung zum International Style, der unsere Städte in aller Welt gleich aussehen lässt, hätte ich hierfür einen Namensvorschlag: Local Style.

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