Städte für Jung und Alt

Ein Beitrag von Rolf Buch, Vorsitzender der ZIA-Plattform Wohnen und Vorstandsvorsitzender der Deutschen Annington

Zugleich kann der altersgerechte Umbau von Wohnungen private und öffentliche Haushalte erheblich entlasten. Eine Studie des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) im Auftrag des Bundesbauministeriums beziffert das Einsparpotenzial auf 5,2 Milliarden Euro pro Jahr. 2,2 Milliarden Euro davon entfielen auf private Haushalte und 3 Milliarden Euro auf die staatlichen Träger der Pflegeversicherung und der Sozialhilfe. Nach der Analyse, die ebenfalls Prognos vorgenommen hat, hätte im Jahr 2012 der Einzug ins Heim bei etwa 15 % der Pflegebedürftigen verhindert werden können, wenn eine altersgerechte Wohnung zur Verfügung gestanden hätte. Bis zum Jahr 2030 könnte das Einsparpotenzial auf 7,5 Milliarden Euro steigen.

Die Wohnungswirtschaft allein kann diese Aufgabe nicht bewältigen. Alle sind gefordert – Unternehmen, Kommunen, Politik, die Anbieter von Infrastrukturen sowie von sozialen Diensten. Im Dialog und unter Berücksichtigung der jeweiligen Kompetenzen und wirtschaftlichen Möglichkeiten aller Beteiligten gilt es, diese Herausforderung anzugehen.

Für die Wohnungsbranche heißt das auch: Wir müssen aufhören, nur in einzelnen „Wohneinheiten“ zu denken. Der demografische Wandel kann nicht nur eine wirtschaftliche oder gesellschaftliche „Nuss“ sein, die geknackt werden muss – vielmehr ist es die soziale Verantwortung von Wohnungsunternehmen, hierauf angemessene Antworten zu geben. Menschen, die seit 40 Jahren in ihrer Wohnung leben, möchten auch im Alter in ihrem gewohnten Umfeld zu Hause sein, und dafür gibt es oft Mittel und Wege.

Fakt bleibt, dass der seniorengerechte Umbau von Wohnungen zunächst einmal hohe Kosten verursacht. Barrierefrei neu gebau-ter Wohnraum kostet mindestens 9 Euro pro Quadratmeter. Das werden sich nicht viele Mieter leisten können. Überlegenswert ist es deshalb, statt völliger Barrierefreiheit zu einem Bruchteil des Preises barrierereduzierte Angebote zu machen. Der Aufwand ist deutlich geringer, und dennoch können der Wohnkomfort und die Sicherheit der Bewohner erheblich gesteigert werden. Die Miete bleibt bezahlbar. Können sich ältere Menschen die Miete weiterhin leisten und in ihrem angestammten Umfeld bleiben, ist dies ein Gewinn für alle: die Mieter, die Unternehmen und die Gesellschaft.

Das Thema hat aber noch eine weitere Dimension: Es reicht nicht, wenn nur die Wohnung selbst altersgerecht ist. Auch Gehwege, Geschäfte, Parks und das tägliche Umfeld müssen zugänglich sein für ältere Menschen. Deshalb ist es wichtig, über die Wohnung hinaus stets das Quartier mitzudenken. Zudem bietet es sich an, auch geeignete Betreuungs- und Beratungsangebote im direkten Umfeld der älteren Mieter zu schaffen. Nachbarschaftliche Bezie-hungen können durch Treffs und gemeinsame Aktivitäten für Seni-oren lebendiger gestaltet werden. Fußläufige Dienstleistungen, die Organisation von Fahr- und P가egediensten, attraktive Anbindung an den Nahverkehr – vor Ort lässt sich in Zusammenarbeit mit Kommunen, sozialen Einrichtungen, Verkehrsunternehmen und engagierten Mietern eine Menge anstoßen. Dass es geht, zeigt ein Beispiel aus Gelsenkirchen-Hassel. Dort gibt es seit einigen Jahren das Café „Amica“, eine Begegnungsstätte für alle Generationen im Viertel, die einen günstigen Mittagstisch, Beratung in allen Lebenslagen und einen P가egeraum für alle Fälle bietet. Das Café wird mit Unterstützung der Deutschen Annington als größter Vermieter am Ort von der Caritas betrieben. Kurz nach der Gründung wurde eine „Quartierkonferenz“ ins Leben gerufen, in der Bewohner und soziale Akteure diskutieren, was man für das Leben im Alter besser machen kann. So entstehen viele kleine, aber kreative Ideen, wenn zum Beispiel ein stillgelegter Verkaufspavil-lon jetzt als Parkplatz und Auflade-Station für Elektrorollstühle genutzt wird. Die deutsche Immobilienwirtschaft kann und will einen Beitrag zur Anpassung unserer Städte an den demografischen Wandel leis-ten. Dafür ist aber ein ordnungspolitischer Rahmen nötig, der bü-rokratische Hürden abbaut und an geeigneter Stelle auch fördert, statt nur zu fordern.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.