DENKEN IN ATMOSPHÄREN // WENN KLEIN UND GROSS AN DER GESTALTUNG GEBAUTER RÄUME MITWIRKEN

Im Gespräch mit Prof. Dr. Susanne Hofmann, Gründerin von die Baupiloten BDA

2001 haben Sie die Baupiloten gegründet. Die Arbeit Ihres Büros ist sehr sozial engagiert und legt ihren Schwerpunkt auf pädagogische Architektur. Können Sie die Philosophie Ihres Unternehmens näher erläutern?
Wir kommen vor allem aus der Nutzerbeteiligung. Also letztendlich versuchen wir für bedürftige Menschen eine adäquate Architektur zu entwickeln. Dazu ist es unser Anliegen die Wunschvorstellungen und Bedürfnisse dieser Menschen verstehen und nachvollziehen zu können. Wir wissen, dass wir die Menschen nicht einfach eins zu eins nach ihren Wünschen befragen können. Aus diesem Grund haben wir für unsere Planungsprozesse Workshopformate entwickelt innerhalb derer wir mit den Menschen ins Gespräch kommen. Innerhalb dieser Workshops lernen wir wahnsinnig viel von den von der Planung betroffenen Menschen und bekommen ein gutes Gefühl für ihre Bedürfnisse. Ich denke ich tendiere dazu soziale engagierte Architektur zu machen, da ich auf diese Weise eine große Gruppe von Menschen unterstützen und auch an die soziale Stadtentwicklung anknüpfen kann. Diese Arbeit interessiert mich mehr als für einen privaten Bauherren ein tolles Haus zu planen.

Sie werden auch oft mit pädagogischer Architektur in Verbindung gebracht und beziehen Kinder mit in Ihre Arbeitsprozesse ein. Das gestaltet sich wahrscheinlich auch nicht immer ganz einfach?
Insbesondere das Einbeziehen von Kindern in den Planungsprozess funktioniert ehrlich gesagt sehr gut und ist noch das einfachste im Prozess. Hinzu kommt, dass es tatsächlich auch am meisten Spaß macht, weil Kinder immer in ganz wunderbare Fantasiewelten eintauchen. Fantasie und Wirklichkeit verschwimmen hier oft. Das finden wir sehr spannend. Kinder sind auch sehr direkt und unmittelbar in ihrem Raumempfinden.

War das denn bei den Baupiloten direkt von Anfang an die Philosophie?
Die Baupiloten haben sich aus genau dieser Philosophie heraus entwickelt. Es hat damit angefangen, dass wir für ein Schulbauprojekt beauftragt wurden, das zunächst erst gar nicht besonders spannend klang. Dann sprach die Direktorin der Schule aber davon, dass sie die Kinder in den Entwurfsprozess einbinden möchte, was ich damals als sehr neu und aufregend empfunden habe. Zur Partizipation der Kinder in den Entwurfsprozess haben wir uns dann Methoden überlegt. Die Kinder der Schule hatten sehr unterschiedliche Nationalitäten und beherrschten die deutsche Sprache zum Teil nur sehr schlecht. Aus diesem Grund wurde zum Beispiel Tanz zu einem elementaren Ausdrucksmittel. Der Schulleiterin war es sehr wichtig, dass die kulturellen Unterschiede der Kinder im Planungsprozess auch als Vorteil interpretiert werden. Darauf sind wir eingegangen, indem wir als Einstieg die Kinder ein Bild aus Ihrer Heimat haben malen lassen. Es war dann aber so, dass ihre Heimat z.B. der Fußballplatz oder ihr Zimmer war.
Das hat uns dann natürlich nicht besonders weitergebracht und aus diesem Grund haben wir dann damit angefangen ihnen Bildmaterial mitzubringen aus dem sie sich Welten zusammenbasteln sollten. Wir geben den Kindern immer wieder verschiedene Geschichten als Inspiration mit, die dabei aber auch stets ganz stark auf die tatsächliche Bauaufgabe abzielen. Wir entwickeln die Schule zwar, aber wir bringen sie in eine Geschichte, die die Kinder erst einmal wegbringt von der eigentlichen Schule. Auf diese Weise regen wir die Fantasie der Kinder an und so können sie sich tatsächlich hineinversetzen, in welchen Räumen sie gerne sein möchten. Diese Raumvorstellungen versuchen wir dann in die Realität umzusetzen.

Es wird deutlich, dass Kommunikation eine große Rolle in ihren Arbeits- und Planungsprozessen spielt. Welche Instrumente der Kommunikation wählen sie in diesem Zusammenhang? Sie haben bereits die Workshops angesprochen.
In unserem Buch „PARTIZIPATION MACHT ARCHITEKTUR“ haben wir ungefähr 30 Workshopformate vorgestellt, die sozusagen unsere Grundworkshops darstellen. Diese stimmen wir dann immer auf das jeweilige Projekt ab. Häufig arbeiten wir auf „kreativen Umwegen“, um Menschen innerhalb der Planungsprozesse von festgefahrernen Klischeevorstellungen zu lösen. Dies ist wichtig, damit sie sich ihren tatsächlichen Bedürfnisse und Wunschvorstellungen öffnen. Wenn das geschieht bringen die Menschen oft neue frische Ideen und Anregungen der Menschen in den Planungsprozess ein. Unsere Aufgabe ist es dann zu verstehen, was hinter diesen Anregungen steckt und wie wir sie architektonisch lösen können.
Am Anfang ist es uns wichtig die Randbedingungen, wie etwa das Budget, das vor allem Erwachsene erst einmal interessiert außen vor zu lassen. Früher oder später müssen wir uns als Architekten ohnehin mit diesen Hardfacts – ob das Brandschutz, Budget oder der Denkmalschutz ist – auseinandersetzen. Aber wenn wir zunächst einmal genau verstehen, was die Menschen in unserer Planung wollen, dann wissen wir auch an was wir es spiegeln müssen und in welchem Rahmen wir die Planung architektonisch verwirklichen können.

Ist das nicht ein unheimlich langwieriger Planungsprozess diese ganzen Workshops abzustimmen? Man merkt ja daran, dass Ihnen Partizipation wirklich wichtig ist.
Aber es muss nicht langwierig sein. Unser Ziel ist es zielorientiert zu arbeiten. Am Ende kosten die Workshops weniger Zeit als die Fehlerbehebung, die wir durch die intensive Einbindung der Nutzer und Bauherren vorweg nehmen.

Oft wird auch davor zurück geschreckt, Bürger in dieser Intensität in Planungsprozesse einzubeziehen. Sie sagen, dass dieser Ansatz die Prozesse auch vereinfachen kann. Können Sie da ein konkretes Beispiel nennen?
Ja. Der Planungsprozess rund um unsere KiTa in Leipzig war ziemlich eingefahren. Da haben wir entweder mit dem Nutzer gesprochen oder mit der Sachbearbeiterin. Es kam sozusagen mehr oder weniger zu Einzelgesprächen und keinem vernünftigen Austausch zwischen den betroffenen Akteuren. Wenn es dann zu einem Austausch kam, hat beispielsweise jeder der Pädagogen eine andere Sprache gesprochen als die Sachbearbeiterin vom Amt oder der Träger der KiTa. Durch die von uns entwickelten Planspiele gelingt es uns derartige Schranken innerhalb der Kommunikation aufzubrechen.
Oftmals beginnen wir mit einer Art Verhandlungsspiel indem wir etwa für den Planungsprozess wichtige pädagogische Prioritäten und Begrifflichkeiten erklären. Auf diese Weise konnten wir auch in Leipzig das gegenseitige Verständnis der Akteure gewinnen. Uns wurde dadurch relativ schnell bewusst in welchem Rahmen wir arbeiten können, da dieser bereits innerhalb des Gesprächs gemeinsam festgelegt werden konnte. Dieser Rahmen hat dann in Leipzig beispielsweise schon festgelegt, an welchen Stellen es Öffnungen im Bau geben soll oder, dass der Hof zweigteilt ausgestaltet sein soll.
Das Gebäude in Leipzig windet sich regelrecht durch den Hof mit einem sehr schönen Baumbestand und dadurch ergeben sich zwei Höfe. Dieses Merkmal haben die Erzieherinnen und Pädagogen für sehr wertvoll gehalten. Wo das Hochbauamt sich erst gefragt hatte, wieso wir nicht einfach am Ende des Grundstückes bauen. Schlussendlich konnten wir dann durch unsere Vorgehensweise aber auch in diesem zunächst eingefahrenen Prozess eine entscheidende, konsensgetragene Lösung finden.

Wie Sie bereits angesprochen haben, steht das denken in Atmosphären deutlich im Mittelpunkt Ihrer Arbeit. Können Sie die Bedeutung von Atmosphären näher erläutern?
Das „Denken in Atmosphären“ ist als Entwurfsmittel sehr gut. Das liegt daran, dass man zwar eine konkrete Vorstellung einer atmosphärischen Qualität bekommt, diese atmosphärische Qualität aber gleichzeitig offen und abstrakt genug für den Entwerfer ist, um im Rahmen aller Randbedingungen für die Nutzer ein Gebäude entwickeln zu können ohne sich festlegen zu müssen – etwa ob ein Nutzer jetzt einen Erker oder ein Glasfoyer haben möchte. Oft sind diese konkreten Vorstellungen der Nutzer auch gar nicht genau das, was Sie letztendlich wollen.Das Glasfoyer bedeutet dann, dass Sie einfach einen lichtdurchfluteten Raum wünschen, der aber vielleicht mit ganz anderer Materialität entwickelt werden könnte, als es sich ein Architekturlaie vorstellt. Und das ist das Gute an dem „Denken in Atmosphären“. Dass Atmosphäre Offenheit und Abstraktheit birgt.

Also geht es dabei in erster Linie um Stimmung, die durch verschiedene Räumlichkeiten generiert wird?
Genau, es geht noch nicht um den konkreten Raum – den entwickeln wir dann daraus.

Kinder und Pädagogen nehmen bei Ihren Planungen wichtige Expertenrollen ein. Wie unterschiedet sich denn das eingebrachte „Wissen“ dieser beiden verschiedenen Expertengruppen?
Ich muss dazu sagen, in Kindergärten kann man natürlich nur bedingt partizipatorisch arbeiten, da die Kinder dort oft noch zu klein sind. Aber wir haben auch schon ganz gute Erfahrungen damit gemacht. Oft ist es dann eine Art Kombination in der die Erzieherin mit dabei ist. Bei der KiTa Taka-Tuka-Land in Berlin war es zum Beispiel so, dass die Kinder Regenbogenwelten und Vulkanwelten geplant haben. Das war sehr interessant. Wir als Architekten haben es dann so interpretiert, dass diese Regenbogenwelten das Leichte, Lichtdurchflutete, Helle darstellen, von dem die Pädagogen sprechen. Während die Vulkanwelten eher für das Geschützte stehen. Was wir ganz schön finden ist, dass wir mit den Ideen der Kinder auch Geschichten für die KiTa oder die Schule erfinden können, die sich an dem spiegeln, was die Erwachsenen in den Prozess hineingebracht haben. Die Erwachsenen sprechen durchaus auch schon von atmosphärischen Qualitäten. Davon, dass es Ihnen wichtig ist, dass man sich wohlfühlt und viele Blicke durch das Haus hat.
Oft sind es sogenannte Atmosphärenmosaike, die jeder einzelne, der in den Planungsworkshops mit dabei ist, vorstellt und die dann in der Runde diskutiert werden. Während dieser Diskussionen erhalten wir unter den Teilnehmern schon einen gewissen Konsens. Als wir für eine Schule ein Atrium entworfen haben, entstand innerhalb der Workshops eine Collage mit dem Titel „die ruhige Riesenwiese“. Alle waren begeistert von diesem Titel und sich einig darüber, dass er eine ganz gute Vorstellungswelt vermittelt. Eine andere Collage hat über die Zonierung des großen Atriums gesprochen. Daraufhin wurde festgelegt, welche Zonierungen es geben soll und was in den einzelnen Zonierungen passieren soll. Dazu haben wir dann ein Planspiel gemacht. Auf diese Weise puzzeln wir dann also nach und nach alle Atmosphären und Ideen zusammen. Manchmal arbeiten wir einen ganzen Tag mit den Menschen zusammen, um atmosphärische und programmatische Hinweise zu bekommen.

Wie gehen Sie in dem Prozess mit Kritikern um? Sicherlich gibt es auch Menschen, die von ihrem Vorgehen noch nicht ganz überzeugt sind.
Meistens kommen Leute auf uns zu, die unsere Vorgehensweise gut finden. Momentan führen wir ein Projekt zu einem Kulturhaus in Berlin durch. In diesem Fall hat sich der Bauherr bzw. das Bezirksamt unsere Vorgehensweise in der Planung zur Weiterbildung gewünscht. Wir veranstalteten in diesem Zusammenhang ein ganztägiges Workshopangebot zu dem auch die Bürger eingeladen waren. Manche der Bürger haben sich dann tatsächlich gefragt, was sie dort sollen und ob sie im Kindergarten wären. Und dann bleiben vereinzelte kritische Stimmen trotzdem zu den Workshops da und sind dann schnell recht begeistert, weil sie merken wie fruchtbar dieser Prozess ist.
Bei dem Prozess zum Kulturhaus ist es uns sogar passiert, dass der ein oder andere unsere Vorgehensweise derart ungewohnt fand, dass er gegangen ist. Für den Erfolg des Prozesses an sich ist dies aber nicht wahnsinnig entscheidend. Der Workshop war letztendlich dennoch sehr erfolgreich, wir konnten viel über die Bedürfnisse der Betroffenen erfahren und der Bauherr war glücklich.
Ich denke, dieser Erfolg überzeugt die Leute dann wiederum. Diejenigen kritischen Stimmen, die gegangen sind, tauchen dann auch irgendwann wieder auf, wenn sie merken, dass sich der Prozess als ergebnisreich herausgestellt hat. Wir selbst sind dann natürlich aber auch kritisch und denken, dass wir daran noch arbeiten müssen. Wenn wir Menschen in unsere Planungsprozesse einbeziehen für die dieses spielerische Arbeiten völlig fremd ist, dann müssen wir wahrscheinlich aufpassen, dass das Ganze erwachsener rüberkommt.

Sie haben ja auch davon gesprochen, dass Sie schon einmal einen Workshop hatten, in dem die Kinder und Jugendlichen die Sprache nicht gut konnten. Überlegen Sie die Workshops in Zukunft, auch vor dem Hintergrund der aktuellen Flüchtlingssituation, so zu gestalten, dass die fremden Kulturen stärker eingebunden werden?
Bei den Kindern ist es tatsächlich relativ einfach. Wir haben auch in Kairo einen Workshop in Zusammenarbeiten mit der German University dort gemacht. Dadurch, dass wir jemanden hatten, der die Sprache der Kinder gesprochen hatte und uns übersetzen konnte, war der ganze Prozess ebenso erfolgreich, wie sonst auch. Es ist tatsächlich nur eine Sprachbarriere. Die Methode an sich hat ebenso gut funktioniert. Wir haben tatsächlich auch schon einen Workshop ausschließlich mit Piktogrammen durchgeführt, um die Sprache zu umgehen.
Wir wollen demnächst auch mit Geflüchteten in Berlin arbeiten und wissen tatsächlich noch nicht genau, wie wir den Prozess angehen werden. Ich denke jedoch, dass wir auch dort wieder mit Piktogrammen und atmosphärischen Qualitäten arbeiten werden.

Wenn Sie jetzt zurückblicken auf Ihre Arbeit und einen Blick in die Zukunft wagen. Haben Sie ein Herzensprojekt, das Sie gerne einmal realisieren würden?
Ich würde gerne einmal eine neue Schule bauen. Und dies tatsächlich auch wieder bevorzugt in einem sozial benachteiligten Ort als für die Oberschicht, bei der ich denke, dass die das schon alleine hinkriegt. Vielleicht sind wir auch deswegen dazu gekommen sozial engagierte Architektur zu machen – da wir uns auf diese Weise für Leute einsetzen, die sonst nicht gehört werden.

Vielen Dank für dieses inspirierende Interview.

Das Interview führten Marie Sammet und Susanne Peick.

Bilder © Jan Bitter

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