DIE KRAFT GESUNDER STADTRÄUME

m Gespräch mit Julia Erdmann, freie Architektin und Stadtplanerin, Hamburg. Sie vetritt die Initiative „Building Healthy Places“ beim ULI Germany.

Wie würden Sie als Architektin den Zusammenhang zwischen Gesundheit und gebauter Umgebung beschreiben?

Die gebaute Umgebung und die Gesundheit des einzelnen Menschen stehen in einem ganz unmittelbaren Zusammenhang. Wir alle halten uns fast ausschließlich in Räumen auf – in Stadträumen und in Innenräumen. Und wie wir uns fühlen und verhalten hängt maßgeblich von der Beschaffenheit dieser Räume ab. Auf einer europäischen Piazza mit guten Proportionen, schönen Fassaden und lebendigen Straßencafes fühlen wir uns anders als auf einer gepflasterten Restfläche zwischen den glatten Fassaden abweisender Neubauten. Die Räume, die uns umgeben, wirken immer und unmittelbar. Jeder von uns ist, wenn auch unbewusst, unmittelbar der Wirkung von Räumen ausgesetzt. Wenn man keine Musik hören will, dann kann man sie ausschalten, das Handy kann man zur Seite legen – aber das Gebaute wirkt immer ganz direkt. Insofern haben all diejenigen, die etwas bauen, auch gleichzeitig eine große Verantwortung.

Kann das Gebaute krank machen – gesundheitliche Schäden hervorrufen?

Ja auf jeden Fall. Die Krankheiten, die derzeit hier in Europa das Gesundheitssystem am meisten belasten, sind die chronischen, langwierigen Krankheiten wie Depressionen, Ängste und Burnout. Nicht selten sind es Gebäude, die Stress auslösen oder verstärken. Ein weiteres großes Thema ist die Bewegung bzw. der Bewegungsmangel. Dabei spielen die Stadträume eine große Rolle. Für die Gesundheit macht es einen enormen Unterschied, wie wir uns in der Stadt bewegen. Es ist eben ein Unterschied, ob ich morgens aus der Wohnung mit dem Aufzug in die Tiefgarage fahre, mich dort allein in mein Auto setze, zu meinem Büro pendle, hier wieder direkt in die Tiefgarage fahre, um dann mit dem Aufzug zu meinem Arbeitsplatz zu gelangen, an dem ich dann 80% des Tages auf einem Stuhl sitze. Oder ob ich mich an der frischen Luft auf sicheren, und bequemen Fahrrad- und Fußwegen durch die Stadt bewege und dann an meinem Arbeitsplatz selbst entscheide, welche Arbeitsumgebung für meine Aufgabe am passendsten ist. Ob sitzend, stehend, liegend, in Bewegung, allein oder mit anderen, drinnen oder draußen bin. Die Qualität der Stadträume entscheidet maßgeblich, wie gesund ich bleibe.

Wie zeichnet sich denn der typische gesunde Stadtraum aus?

Der typische gesunde Stadtraum wirkt sich positiv auf die körperliche, mentale und soziale Gesundheit aus. Er fördert die körperliche Gesundheit, in dem er vielfältige Bewegung und auch gesunde Ernährung möglich macht. Außerdem hat ein Raum, der gesund hält, ganz viel mit positiven Sinneseindrücken zu tun. In unserem Alltag messen wir den Sinneseindrücken meist nicht so viel Bedeutung zu. Aber bei sensibleren Menschen, wie z. B. Kindern, Jugendlichen und Kranken merken wir es ganz deutlich. In einer Studie wurde zum Beispiel untersucht, wie sich die Heilung von Patienten verbessert, wenn sie aus ihrem Krankenzimmer einen schönen Blick ins Grüne haben statt auf eine Hauswand blicken zu müssen. Die Patienten, die positiven Sinneseindrücken ausgesetzt waren, wurden viel schneller gesund. Darüber hinaus ist ein gesunder Stadtraum stressfrei, inspirierend, aktivierend, gemischt und vielfältig.

Welche Rolle spielt der Verkehr?

In den Städten spielt der Verkehr eigentlich die Hauptrolle. Denn ob jung oder alt, privat oder beruflich, als Bewohner oder Besucher – jeder bewegt sich täglich in der Stadt. Und damit muss jeder ständig die Entscheidung treffen: wie bewege ich mich? In der Regel fällt die Wahl meist noch auf das Auto, da zurzeit einfach alles in den Städten darauf ausgelegt ist. Wir kommen aus der Nachkriegsmoderne, wo der motorisierte Individualverkehr das Maß aller Dinge war. Das ist langsam vorbei. Derzeit zeigen sich immer mehr Alternativen auf, und das ist sehr gut. Insbesondere in den Großstädten kann heute eigentlich jeder wählen, ob er mit dem eigenen Auto, einem Leihauto, dem ÖPNV oder dem Fahrrad fährt oder sogar einen Teil zu Fuß geht. Je einfacher es den Menschen gemacht wird, sich für eine gesunde Alternative zu entscheiden, desto positiver wirkt sich das auf die Gesundheit aus. Es ist eine Hauptaufgabe der Zukunft, die Stadträume, die derzeit zum Großteil dem Autoverkehr gewidmet sind, neu zu definieren und für Fußgänger, Fahrradfahrer, Bewegung und Fitness zugänglich zu machen. Und das bedeutet, dass wir ganz andere Dinge planen und bauen müssen als bisher.

Mit welchen Maßnahmen kann sich die kommunale Ebene, aber auch die Immobilienwirtschaft, in eine gesundheitsfördernde Stadtentwicklung einbringen?

Die wichtigste Maßnahme ist ein erweitertes Denken. Erweitert um die menschliche und soziale Dimension. Wenn man den Menschen und die Nutzung wirklich und wahrhaftig in den Mittelpunkt jeder Planung stellt, dann beschäftigt man sich zwangsläufig mit der körperlichen, mentalen und sozialen Gesundheit. Wenn es gelingt, dass immer mehr Menschen den Wert dieser Denkrichtung verstehen und sich dies auch in ihren Planungen widerspiegelt, ist ein großer Schritt getan, damit sich das Gebaute nachhaltig und positiv auf die Gesundheit der Benutzer auswirken kann.

Also hat die kommunale Ebene auch irgendwo die Aufgabe, den Bürgern Anreize zu geben, sich einem gesünderen Lebensstil zu widmen?

Genau. Denn die kommunale Ebene ist es natürlich, die mit Bebauungsplänen und Leitbildern erst die Rahmenbedingungen für eine solche Stadtentwicklung schafft. Das muss eine Kommune oder Stadt natürlich wollen. Beispielsweise sind in Bezug auf das Fahrradfahren natürlich Kopenhagen und Amsterdam die Vorreiter. In diesen Städten ist das Fahrrad aber nur deshalb das beliebteste Fortbewegungsmittel, da sich die Stadtverantwortlichen bereits vor vielen Jahren ganz bewusst dazu entschieden hat, die Prioritäten im Straßenraum anders zu verteilen.

Healthy Places sind oft auch öffentliche Räume. Welchen Profit hat die Immobilienwirtschaft, wenn sie sich in die Entwicklung öffentlicher gesunder Räume aktiv mit einbringt?

Ein Healthy Place ist vor allem ein Ort. Also nicht nur eine Immobilie, sondern auch der Kontext, der öffentliche Stadtraum drumherum. Es ist eigentlich ganz einfach: Wenn sich Benutzer an einem Ort wohlfühlen, dort gerne hingehen, gerne wohnen und gerne arbeiten, dann bleiben sie dort länger, konsumieren mehr, sie kümmern und identifizieren sich damit. Nur das, was den Benutzern einen Mehrwert verschafft, das ist am Ende auch für alle Beteiligten mehr wert.

Dann haben gesunde Lebensräume auch einen Einfluss auf die Wirtschaft, richtig?

Absolut. Dort wo sich Leute gesund und wohl fühlen, entsteht Lebendigkeit und Prosperität. Wenn Mitarbeiter sich beispielsweise gerne in einer Büroimmobilie aufhalten und dort gerne jeden Tag arbeiten, hat das einen wesentlichen Einfluss auf die Produktivität und die Vitalität eines Unternehmens. Viele Unternehmen haben es derzeit schwer damit, engagierte Mitarbeiter zu finden und zu halten. „War for talent“ ist das große Stichwort. Es sind längst nicht mehr nur allein die Karriere und das Geld ausschlaggebend dafür, ob man sich für einen Job entscheidet, sondern auch die Umgebung und am Ende das Gebäude und der Raum. Wenn es gelingt, die Immobilien so zu gestalten, dass Mitarbeiter sich gerne dort aufhalten, dann zahlt sich das auf die Produktivität des gesamten Unternehmens aus. Das gleiche gilt für Städte, denn auch Städte befinden sich ja in einem Wettbewerb. Viele Leute können sich heute aussuchen, wo in der Welt sie arbeiten und leben und entscheiden in der Regel nach der Lebensqualität einer Stadt. Insofern zahlt es sich für Städte aus, wenn sie dafür sorgen, dass eine hohe Qualität für die Bewohner und Benutzer und für gesunde Lebensmodelle entsteht.

Das Urban Land Institute (ULI) hat 2015 die Initiative Building Healthy Places in Deutschland ins Leben gerufen. Können Sie die Kernthemen und Ziele der Initiative zusammenfassen?    

Es geht vor allem darum ein Bewusstsein für das Thema zu schaffen. Auf den ersten Blick wirkt es ganz selbstverständlich, denn eigentlich wünscht sich ja jeder gesunde Räume und eine damit verbundene Lebensqualität. Diese Lebensqualität herzustellen, ist jedoch unglaublich schwierig. Alleine die Tatsache, dass Immobilien und Stadträume gebaut werden, bedeutet noch lange nicht, dass es sich dabei um gesunde Lebensräume handelt. Vieles, was in den Städten entsteht, hat ja erst einmal ganz andere Interessen, als den Menschen in den Mittelpunkt zu stellen. Allerdings befinden wir uns als Gesellschaft grade an einem Wendepunkt, an dem es wichtig ist, darauf aufmerksam zu machen, die menschliche Dimension in die ganze Betrachtung und Planung von Stadt miteinzubeziehen. Im Zuge der Initiative Building Healthy Places zeigen wir anhand von Beispielen die Bedeutung des Themas auf und versuchen bewusst zu machen, dass es sich lohnt Prioritäten neu zu ordnen. Das ULI hat den Vorteil, ein großes und schlagkräftiges Netzwerk mit vielen intelligenten Köpfen zu sein. Es möchte diese Position nutzen, um das Thema in der öffentlichen Diskussion voranzubringen.

Ist die Schaffung gesunder Lebensräume eine Herzensangelegenheit für Sie?

Ja. Es ist der Grund, warum ich Architektur und Stadtplanung studiert habe. Mit ist schon früh aufgefallen, was für einen Einfluss das Gebaute auf das Leben hat und ich habe eine Verantwortung verspürt, dazu beizutragen, dass bestmöglich für die Benutzer gebaut wird. Insofern ist das Thema Building Healthy Places für mich kein neues Thema. Vielmehr kann ich gar nicht anders, als vom Benutzer und vom Leben aus zu denken. Leider habe ich in den letzten Jahren feststellen müssen, dass diese Herangehensweise gar nicht so weit verbreitet ist. Nicht nur in der Immobilienbranche, sondern auch in der Architektur stehen oft erstmal ganz andere Dinge im Vordergrund: Formen, Materialität und die Gestaltung des Objekts. Viel wichtiger finde ich jedoch die Gestaltung des Lebens darin.

Die Initiative Building Healthy Places wurde in den USA, wo das ULI seinen Ursprung hat, bereits 2013 auf die Beine gestellt. Wo liegen die Unterschiede im Umgang und im Bewusstsein mit diesem Thema im Vergleich mit Deutschland?

Einige gesundheitliche Themen sind Amerika viel extremer als in Deutschland. Zum Beispiel das Thema Fettleibigkeit, was unter anderem darauf zurückzuführen ist, dass die meisten Amerikaner in Suburbs leben. In den Suburbs besteht oft kaum die Möglichkeit, sich zu Fuß zu bewegen, da die Entfernungen zu groß sind. Autofahren ist das Fortbewegungsmittel Nummer 1. Diese Problematik besteht in Europa nicht in diesem Maße. Dennoch zeichnen sich derzeit auch einige Gemeinsamkeiten ab. Plötzlich wird Interesse an Gesundheit zu einem globalen Trend. Das Interesse an alternativer Ernährung, Erzeugung von Lebensmitteln und Fitnessprogrammen ist unglaublich groß. Leute wollen aktiv sein. Die Städte müssen ihnen entsprechende Gelegenheiten ermöglichen

Wie wichtig ist Partizipation bei der Entwicklung von Healthy Places?

Partizipation wird immer wichtiger. Bewohner, Betroffene und Benutzer wissen meistens ganz gut, was sie eigentlich wollen und brauchen und was ihnen fehlt. In Zukunft gilt es die Perspektive der zukünftigen Benutzer erstens mit zu berücksichtigen und zweitens auch konkret miteinzubeziehen – durch Workshops, Befragungen, Online-Portale und andere noch zu findende Formate. Sowohl für die Immobilienbranche als auch für die Stadtentwicklung und die Architektur – und wie wir gerade sehen auch für die Politik – ist das ein komplett neues Kapitel. Chronische Erkrankungen wie Depression oder Burn-out, Wut und Aggressionen sind nicht selten auf fremdbestimmte Bedingungen zurückzuführen. Mit- und Selbstbestimmung ist ein ganz entscheidender Punkt, den man in Zukunft nicht mehr ignorieren kann. Den Unterschied in der gebauten Qualität kann man gut bei einigen Baugruppenprojekten ablesen. Das Baugruppenmodell ist ein positives Beispiel für eine konsensgetragene Entwicklung. Wenn die späteren Benutzer und deren Vorstellungen eines gesunden Zusammenlebens schon von Anfang an in die Planung einfließen, dann ist das gebaute Ergebnis meist auch gesund und nachhaltig – eben ein Healthy Place.

Sie sprachen bereits darüber, dass bei jeder Bauaufgabe der Mensch und die gesunde Lebensqualität von Anfang an im Vordergrund stehen sollten. Können Sie ein Beispielprojekt aus Ihrer Tätigkeit bei Stephen Williams Associates nennen?  

Wir haben in Hamburg ein Bürogebäude aus den 1960er Jahren umgebaut – eine graue, unscheinbare Immobilie. Zu Beginn haben wir uns die Frage gestellt, was die Menschen in dem Gebäude machen wollen, außer am Arbeitsplatz zu sitzen und zu arbeiten. Wir haben architektonische Maßnahmen entwickelt, die die Benutzer ‚bewegen’. Einen der beiden bestehenden Aufzüge haben wir stillgelegt und stattdessen das wenig attraktive und unscheinbare Treppenhaus originell umgestaltet. Durch die Umgestaltung wurde das Treppenhaus für die Benutzer so attraktiv, dass sie jetzt viel lieber die Treppe anstelle des Aufzuges benutzen. Des Weiteren haben wir das Gebäude um ein Geschoss erweitert und eine Dachterrasse als Angebot für die Mitarbeiter geschaffen. Die Dachterrasse hat einen enormen Mehrwert für die Mitarbeiter, die jetzt bei Bedarf auch draußen arbeiten und ihre Mittagspause verbringen können. Die Erdgeschossfassade im Straßenraum haben wir sehr kleinteilig gestaltet, sodass sich viele unterschiedliche Mieter anstelle eines einzelnen großen Mieters ansiedeln konnten. In der Folge entsteht auch im öffentlichen Raum vor dem Gebäude viel mehr Austausch und Leben. Die bestehenden Fenster haben wir so angeordnet, dass sich eine Fensterbank ausbildet, auf der die Mitarbeiter sitzen können, sich austauschen, Kaffee trinken und miteinander Ideen entwickeln. Das ehemals unattraktive Gebäude war aufgrund dieser Maßnahmen bereits vor der Fertigstellung fast vollständig vermietet. Es ist bei Mitarbeitern und Nachbarn gleichermaßen beliebt und strahlt eine frische Lebendigkeit aus.

Dieses Beispiel illustriert eine kleine Facette aus unendlich vielen Maßnahmen, Healthy Places zu schaffen. Und es zeigt auch, dass es immer möglich ist, etwas zum Wohle der Benutzer zu verbessern. Egal, ob es sich um Neubau oder um den Umbau etwas Bestehendes handelt, es kommt vielmehr darauf an, am Anfang die richtigen Fragen zu stellen und zu bauen, was die Menschen bewegt und gesund hält.

Vielen Dank für das spannende Gespräch.

Das Interview führte Marie Sammet

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