DIE NEUINTERPRETATION DES NACHBARSCHAFTSBEGRIFFS

In Städten, die geprägt sind von Wandel und Entwicklung, rückt die Frage nach innovativen und effektiven Formen einer öffentlichen Inanspruchnahme von Raum zunehmend in den Fokus. Zwei Kollektive aus Paris und Hamburg haben grenzüberschreitend Ideen ausgetauscht und den Begriff der Nachbarschaft neu definiert.

Die konzeptuellen Grundpfeiler beider Initiativen sind zwei leerstehende Gebäude: In Paris handelt es sich um ein ehemaliges Krankenhaus – das Hôpital Saint-Vincent-de-Paul. Es liegt im Herzen der Stadt, 14. Arrondissement, und bietet mit seinen 3,4 Hektar Fläche ein enormes Raumpotenzial, das drei unabhängige Vereine zu nutzen wussten: „Eigentlich gehört das Objekt der Stadt Paris. Die gab es dem Verein ‚Aurore‘, der nun gemeinsam mit zwei weiteren Vereinen – dem ‚Plateau Urbain‘ und ‚Yes We Camp‘ – das Projekt leitet“, sagt Julie Simon, Projektmanagerin bei „Yes We Camp“. Gemeinsam haben die drei Initiativen den Ort zu einer Art nachbarschaftlichem Knotenpunkt verwandelt: „Heute wohnen und arbeiten hier tagtäglich an die 1.000 Menschen“, sagt Julie. „600 leben vor Ort, das sind hauptsächlich sozial Benachteiligte sowie Migranten. 400 weitere arbeiten in einem der 70 ansässigen Vereine, Unternehmen oder Ateliers.“ Das Projekt mit Namen „Les Grands Voisins“ – zu Deutsch etwa „Die große Nachbarschaft“ – existiert seit Oktober 2015 und soll voraussichtlich bis Sommer 2017 andauern.

Weiter nördlich: Hamburg Hammerbrook. Hier kaufte der Immobilienprojektentwickler MIB im Jahre 2014 das leerstehende Kraftwerks Bille, ein ehemaliges Elektrizitätsumspannwerk aus dem Jahre 1901. Ganz ähnlich dem Hôpital Saint-Vincent-de-Paul handelt es sich auch hier um einen riesigen Komplex aus acht teilweise miteinander verbundenen Gebäuden verschiedenster Ausprägung und Geschossigkeit. Die Gesamtnutzfläche beläuft sich auf ca. 14.000 m2, das Haus steht unter Denkmalschutz. Dort im Kraftwerk beginnt die Geschichte der HALLO-Festspiele, ein Kollektiv aus gut 20 aktiven Kultur- und Kunstschaffenden, das sich ebenfalls der Neuinterpretation des Nachbarschaft-Begriffs verschrieben hat: „HALLO macht Platz für künstlerische und nachbarschaftliche Raumproduktion. Gemeinsam mit interessierten Menschen konzeptionieren, kochen, bauen, diskutieren, probieren und dokumentieren wir Alternativen zu herkömmlichen Stadtentwicklungsstrategien“, sagt Dorothee Halbrock, Initiatorin und Koordinatorin der Festspiele. Das erste Mal fand das Festival 2015 auf den Außenflächen des Kraftwerks Bille statt. Nach der Einigung mit der MIB über eine dauerhafte Nutzung im Jahr 2016 konnten die Festspiele ausgeweitet werden auf die Innenflächen des Gebäudes, seitdem beansprucht das HALLO-Team auch rund 230 m2 verteilt auf acht Räume als eine Art Büro im Kraftwerk – sie nennen es ihre „Schaltzentrale“.

Als es um die Planung der zweiten HALLO-Festspiele im Jahre 2016 ging, fiel Julia Lerch Zajaczkowska, verantwortlich für Austausch und Kooperationen mit Fokus auf Raum und Architektur bei HALLO, ein früherer Kontakt zu den Yes-We-Campern und dem Projekt in Paris ein: „Wir haben natürlich sofort mit diesem Begriff der Voisins und Nachbarschaftlichkeit gespielt, weil das Teil unserer beiden Initiativen und der Arbeit ist, die wir machen.“ Mit ebendiesem Gedanken des kulturellen und grenzüberschreitenden Austauschs und dem Ziel einer gemeinsamen Entdeckung innovativer Konzepte des städtischen Zusammenlebens, bewarben sich beide Kollektive für eine Förderung durch den Kulturfonds „PERSPEKTIVE“, der sich ausschließlich der finanziellen Unterstützung zeitgenössischer Kunst- und Architekturprojekte aus Frankreich und Deutschland verschrieben hat. Die Förderung wurde gewährt: „Die HALLO-Festspiele überzeugen mit ihrem experimentellen Charakter“, so die Jury in ihrer Erklärung. „Das Projekt ist auf engen Austausch und Interaktion angelegt, Kulturakteure und Anwohner entwickeln gemeinsam einen Ort der Begegnung und des Zusammenlebens.“ Im Anschluss besuchte zuerst ein Teil der HALLO-Gruppe „Les Grands Voisins“ in Paris, später kamen die Yes-We-Camper nach Hamburg. Man hat sich jeweils mit der anderen Gruppe vertraut gemacht, gemeinsam den Ort ausgebaut, nachbarschaftliche Strukturen geschaffen. 

Am Ende liegen die Unterschiede zwischen beiden Konzepten auf der Hand: In Paris ist das Projekt temporär ausgelegt, in Hamburg wird Langfristigkeit angestrebt. „Les Grands Voisins“ werden von der Stadt getragen, für die HALLO-Festspiele sind Förderinitiativen wie (private) Stiftungen für die finanzielle Absicherung sowie die MIB für die Garantie eines dauerhaften Standortes entscheidend: „Das Thema Kunst und Kultur ist uns vor allem über die Spinnerei ans Herz gewachsen“, sagt Bertram Schultze, Projektleiter bei der MIB Coloured Fields GmbH und meint mit „Spinnerei“ die alte Spinnerei in Leipzig – 2001 erworben, heute ein Haus für Kunst- und Kulturschaffende. „Für uns sind die HALLO-Festspiele deshalb besonders wichtig, weil sie sich mit Themen befassen, die uns auch angehen. Es geht um Architektur, Stadtplanung und Räume. Aber auf eine sehr verspielte Art und Weise. Und das ist eine schöne Näherung im Vergleich zu unserer Arbeitsweise, die eben oft sehr strategisch und planerisch ist. Das führt zu anderen Ergebnissen und das finde ich gut.“

Vielleicht haben also genau diese unterschiedlichen Ausgangssituationen, hauptsächlich bedingt durch die Internationalität und Verschiedenheit der Städte, dazu geführt, dass solch innovative und höchst kreative Nachbarschaftskonzepte überhaupt entstehen konnten und weiter vertieft werden können. Gerade haben sich „HALLO“ und „Yes We Camp“ für ein neues Projekt in Portugal getroffen. Gemeinsam mit dem dort ansässigen Kollektiv „Plataforma Trafaria“ soll ein ehemaliges Gefängnis in einen kulturellen Treffpunkt umgewandelt werden. „Uns wurden diese leerstehenden Strukturen zum Experimentieren gegeben“, meint Gauthier Oddo, der gemeinsam mit Julie Simon Projektmanager bei „Les Grands Voisins“ ist. „Wir haben alle unterschiedliche Kompetenzen und durch die grenzüberschreitenden Projekte wirken wir gemeinsam an der Transformation unserer Städte. Das ist das Schönste an diesem internationalen Austausch.“


Bilder:

© Yes We Camp (2)
© Maya de Oliviera

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