BAHNHOF HERMANNSTRASSE: ATONALE MUSIK GEGEN KRIMINELLE

Berlin, Bahnhof Hermannstraße: Es ist ein bekannter Problemort für Kriminalität, der offenkundig als Drogenumschlagsplatz genutzt wird – es werden dort laut Statistik außerdem rund 3000 Straftaten jährlich verübt. Auch Berliner Obdachlose finden Unterschlupf in dem Bahnhof.

Die Deutsche Bahn hat sich nun ein neues Konzept überlegt, um kriminelle Aktivitäten zu reduzieren: Sie wollen atonale, angsterregende Musik im Bahnhof abspielen, die als so unangenehm empfunden wird, dass man den Ort schnell wieder verlassen muss.

Momentan experimentieren die Entwickler mit unterschiedlicher Lautstärke und verschiedenen Klängen, um ein „angemessenes“ Angstniveau zu erzeugen. Dabei bewegen sie sich auf einem schmalen Grat, da man potentielle Kriminelle verscheuchen, normale Passanten aber mit der Musik nicht verärgern oder vertreiben will. Psychologische Studien haben gezeigt, dass disharmonische Musik bei Nicht-Kennern den Blutdruck erhöht sowie Angst und Unruhe hervorrufen kann.

Der Bahnhof hat vor allem im Oktober 2016 Schlagzeilen gemacht, als ein Mann dabei gefilmt wurde, wie er eine Frau die Treppe zu den Gleisen heruntertrat und anschließend festgenommen wurde. Die Deutsche Bahn steht unter Druck, etwas gegen die kriminellen Machenschaften zu unternehmen.
Sie verfolgt dabei den Ansatz einer „Defensiven Architektur“, eine Form von städtebaulichem Design, die Menschen davon abhalten soll, Räume für Aktivitäten zu nutzen,  für die sie nicht intendiert sind, z.B. durch die umstrittenen Spikes auf Sitzflächen, um Obdachlose davon fernzuhalten. Dafür hatte es in der letzten Zeit viel Kritik gegeben. Doch Design kann auch genutzt werden, um Menschen positiv zu beeinflussen. In Eindhoven experimentieren Crowd-Behaviour-Experten mit LED-Straßenlaternen, um aggressive Menschen zu beruhigen und den Geruch von bestimmten Obstsorten wie Orangen zu nutzen, um Festgenommene zu beruhigen.

Andere Stationen nutzen klassische Musik, um das Verhalten ihrer Passanten zu verändern, ergo antisoziales Verhalten zu minimieren. Der Gedanke dahinter: harmonische Musik soll dabei helfen, Spannungen zu entschärfen. Die Deutsche Bahn will nun andere Ansätze auf ihre Wirksamkeit hin testen.

Es bleibt die Frage, wie es der Deutschen Bahn gelingen kann, einerseits Kriminelle mit nervtötenden und verstörenden Klängen zu vertreiben, andererseits eine solche Reaktion aber nicht bei normalen Passanten auszulösen. Eventuell wird es auszuhalten sein, wenn sich die Passanten den dahinterstehenden Nutzen klarmachen? Die Beschallung soll immerhin nicht unmittelbar auf den Bahnsteigen eingesetzt werden.

Es ist auch fraglich, ob es ein wirklich nachhaltiger Ansatz ist – womöglich werden Dealer und Herumtreiber sich einen anderen Ort in nächster Nähe suchen, um ihre Geschäfte voranzutreiben.

Ende des Jahres soll das Experiment beginnen, in der Hoffnung, das kriminelle Treiben zu reduzieren, über das sich die Passanten seit Jahren beschweren. Falls der Ansatz am Bahnhof Hermannstrasse sein sollte, wird das Konzept auf 17 weitere Problembahnhöfe in Berlin ausgeweitet werden. Diese Stationen sollen außerdem in Zukunft für über fünf Milliarden Euro durch Verschönerungen und Reinigung der Vorhallen aufgewertet werden.

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Fotocredits © imago/Olaf Selchow | Wikimedia commons

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