IDEE DER WOCHE: PARADIES FÜR SELBSTVERSORGER MITTEN IN DEUTSCHLAND

Ein Haus aus ausschließlich recycelten Materialien, das seine Bewohner mit Strom, Wasser und Lebensmitteln versorgt? Klingt erst einmal nach einer nachhaltigen Utopie, gibt es aber wirklich: In Schloss Tempelhof, einem kleinen baden-württembergischen Dorf zwischen Stuttgart und Nürnberg wurde Deutschlands erstes „Earthship“ errichtet. Es vereint nachhaltige Architektur mit einem außergewöhnlichem Design. Das besondere: Die Häuser können eigentlich überall und von jedem gebaut werden, da nur Dinge verwendet werden, die die Gesellschaft zuhauf als Müll wegwirft. In Schloss Tempelhof wurde es als Gemeinschaftsprojekt realisiert, an dem Architekten, Baufachleute, Behörden, Freiwillige und die Bewohner selbst an einem Strang gezogen haben.

Das Earthship-Konzept wurde vom Amerikaner Michael Reynolds vor 40 Jahren entwickelt. Seitdem hilft er beim Bau vielfacher Earthships rund um den Globus.
Was macht die Earthships aus? Es sind Gebäude, die gekennzeichnet sind durch geschlossene Energie- und Versorgungskreisläufe. Sie bieten Möglichkeiten zur Lebensmittelproduktion, bereiten Regenwasser auf und gewinnen Strom und Heizenergie aus Wind- und Solaranlagen: Es ist Upcycling in großem Stil.

Das Earthship in Schloss Tempelhof agiert fast vollkommen autark, die Häuser bestehen unter anderem aus alten Autoreifen, Altglas sowie Bruchfliesen aus Abbruchhäusern. Es leben dort 150 Menschen gemeinsam ökologisch und solidarisch. Innerhalb nur eines Jahres war der Bau des Earthships fertiggestellt. Es hatte schon mehrere Anläufe deutscher Gemeinden gegeben, ein solches Projekt umzusetzen, man ist jedoch immer am Baurecht gescheitert – in Schloss Tempelhof hatten die Einwohner Glück mit wohlwollenden Behörden, die ihnen eine Baugenehmigung erteilten. Es waren aber auch Kompromisse nötig: Das Haus ist an die öffentliche Wasserversorgung und Abwasserkanalisation angeschlossen, da das Trinkwasser aus hygienischen Gründen aus der Leitung kommen muss. Für die Toilettenspülung und den Betrieb der Waschmaschine darf allerdings Regenwasser verwendet werden, was über das begrünte Dach gesammelt und gespeichert wird.

Nicht nur in Sachen Wasser funktioniert das Haus autark: Geheizt wird das Gebäude passiv über Solarwärme, die über die in den Wänden verbauten Autoreifen gespeichert wird. Luft von Außen wird durch Rohre in einem Erdwall geleitet und so vorgewärmt – die klassische Heizung ist ersetzt. Über Photovoltaik-Anlagen wird Strom erzeugt, der in Batterien gespeichert wird, an der südlichen, verglasten Fassade befindet sich ein Gewächshaus, dessen Pflanzen zum einen die Luft reinigen, zum anderen natürlich den Bewohnern Nahrungsmittel liefern. Bewässert wird das Gewächshaus durch gefiltertes Wasser, das beim Duschen und Händewaschen abfließt.

Viele der Earthships weltweit sind Einfamilienhäuser. Anders ist es bei dem in Schloss Tempelhof geregelt: Es ist der zentrale Teil eines Wohnkomplexes. Im Inneren findet man ein Wohn- und Esszimmer, eine Küche, Duschen und Toiletten für 25 Menschen auf 155 Quadratmetern.
Drumherum stehen Wohnwagen und Jurten, die den Bewohnern als private Rückzugsorte dienen – egal ob Singles, Paare, Familien, Senioren, Kinder, jeder ist dort willkommen. Gekocht und gegessen, gespielt und gebaut wird dann gemeinsam. Zum Großteil hat sich die Gemeinschaft aus eigenen Mitteln finanziert, dazu kamen Spendengelder.

Das Dorf wird ständig weiterentwickelt. Es ist ein andauernder Prozess, bei dem die Bewohner immer mehr dazu lernen. Gleichzeitig wird das Projekt von einer Masterarbeit wissenschaftlich begleitet – so werden Daten gesammelt, die bei der Erschaffung weiterer autarker Earthships helfen sollen.

Pläne findet ihr auf der Internetseite des Tempelhofer Earthships, dort findet ihr auch die Termine für die regelmäßig angebotenen Führungen. Auch Reynolds Originalpläne sind hier frei verfügbar.

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Fotocredits © Jenny Parkins

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