BÜRGERBAHNHOF PLAGWITZ: ENGAGEMENT AUF DER BRACHE

Die Initiative „Bürgerbahnhof Plagwitz“ (IBBP) hat 2009 als Zusammenschluss von Anwohnern, Vereinen, Unternehmen und der Stiftung „Ecken wecken“ begonnen, den ehemaligen Güterbahnhof im derzeit angesagtesten Stadtteil Leipzigs zu transformieren. Teil der Vision war die Entwicklung der Brache in einen vitalen Ort zum Experimentieren. Heute vereint der ehemalige Güterbahnhof unter dem Titel „Bürgerbahnhof Plagwitz“ unterschiedlichste Projekte, um kooperative Lösungen für die großen und kleinen Herausforderungen, denen sich eine Stadt wie Leipzig gegenwärtig zu stellen hat, anzustreben. Gefördert wird das Projekt durch die EU, den Europäischen Sozialfonds sowie die Stadt Leipzig.

Im Mittelpunkt des Projekts steht ein gemeinsamer Gedanke: Vernachlässigte Brachen sollen durch bürgerschaftliches Engagement wiederbelebt, entwickelt und gestaltet werden. Eine Rückeroberung dieser Flächen wird in intensiver Koproduktion mit Verwaltung und Politik vorangetrieben. Am ehemaligen Güterbahnhof in Plagwitz wird dies beispielhaft durchgeführt. Durch das Engagement der Initiative werden Entwicklungskonzepte durch die Ideen der Bürger ergänzt. Zu Beginn waren es u.a. Themenabende, Bahnhofsspaziergänge oder auch Gleisfrühstücke, die zur Entwicklung eines lebendigen Ortes beigetragen haben. Im Laufe der Zeit entstanden immer vielfältigere Nutzungen wie u.a. Bouldern & Schaukeln, Parkwiese und legale Graffifi-Flächen (Stadt Leipzig), Obstgarten (Annalinde gGmbH), Freiluftcafé heiter bis wolkig, Hildegarten (Denkmalsozial gGmbH), Bauspielplatz (Kiwest e.V.) oder ein Camp für Pfadfinder (BdP e.V.). Vertreter dieser Gruppen organisieren über den Nutzerrat und den GleisGrün e.V. die Selbstverwaltung des Areals. Trotz aller Aktivitäten steht noch eine Menge Arbeit auf dem Programm: Es sollen ein urbaner Wald, ein Ballspielfeld sowie ein „Waggon im Garten“ entstehen. Das Projekt des Bürgerbahnhofs funktioniert wie eine Überraschungstüte: Denn es zeichnet sich insbesondere durch die Dinge aus, die in den Planungen noch gar nicht vorgesehen sind und durch die Bürger im Rahmen des „Experimentierfelds“ angestoßen und umgesetzt werden.

Eine besonders zukunftsweisende Bedeutung hat jedoch der Bau eines zentralen Quartiershauses, das als Ort der Begegnung und des Austauschs geplant ist. Alle Menschen im Leipziger Westen können diesen Ort dann u.a. für ihre Treffen nutzen. Aktuell handelt es sich bei dem Bürgerbahnhof um eine Freifläche, auf der Bauwagen platziert sind. Mit dem Quartiershaus entsteht ein Ort der Bildung für nachhaltige Entwicklung, des lebenslangen Lernens für alle Altersgruppen sowie der Koproduktion – d.h. der gemeinsamen Stadtgestaltung von Bürgern, Verwaltung, Politik und Wirtschaft.

Es stellt sich die Frage, welche Potenziale ein Projekt wie der Bürgerbahnhof auf Basis der „Schwarmorganisation“ der Mitwirkenden darüber hinaus freisetzen kann. Beispielsweise wird mit „Gemeinsam lernen im Quartier“ ein praxisorientiertes Seminarprogramm angeboten, das sich an Bürger richtet, die als Stadtgestalter Veränderungen im eigenen Quartier voranbringen wollen. Im Fokus des Angebots steht der Spaß an der Arbeit und die durch gemeinsame Arbeit erreichte Selbstwirksamkeit. Künftig sollen o.g. Transformationsteams gebildet werden, in denen Menschen aus Zivilgesellschaft, Verwaltung, Politik und Wirtschaft gezielt Lösungen für die vielfältigen Herausforderungen innerhalb der Stadt entwickeln und umsetzen.

Mit „depot-leipzig.de“ existiert zudem eine Online-„Sharing“-Plattform, die den Austausch von Gütern und Dienstleistungen vereinfachen soll. Auf diese Weise wird der nachbarschaftliche Gedanke des Gemeinwohls hervorgehoben und gestärkt. Als weiterer positiver Nebeneffekt werden dabei deutlich weniger natürliche Ressourcen verbraucht. Aktuell wird dieser Service bereits von etwa 100 Personen genutzt, 60 Ressourcen sind hinterlegt und pro Woche finden bereits etwa 10 Buchungen statt. Derzeit wird ein bundesweiter Transfer der Plattform vorbereitet, den s.g. Regional-Partner vor Ort in anderen Städten aktiv mitgestalten können. Durch den interaktiven Charakter entwickelt sich der Bürgerbahnhof ständig weiter und bleibt ein Prozess voller Überraschungen. Nicht zuletzt geschieht dies durch die Kreativität und das Engagement der Bürger.

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