HAUS DER STATISTIK BERLIN: WIE AKTIVISTEN ZU PLANERN WURDEN

In den 60er Jahren wurde das Haus der Statistik für das nationale Statistikamt für Ostdeutschland gebaut. Herausgekommen ist ein massiver Komplex, der sich über acht Blöcke auf 45.000 merstreckt und drei miteinander verbundene Hallen sowie einige kleinere Gebäude umfasst. Der einstöckige Bau beherbergte früher die Zentralverwaltung für Statistik der DDR: Es wurden Produktergebnisse der volkseigenen Betriebe ermittelt, einige Geschäfte und Gaststätten befanden sich ebenfalls auf dem Gelände. Nach der Wiedervereinigung zog dann die Stasiunterlagen-Behörde gemeinsam mit der Berliner Außenstelle des Bundesamts für Statistik ein. Seit ihrem Auszug im Jahr 2008 steht der Komplex leer.

Mit den Jahren gehörte die wichtige Geschichte und das politische Engagement des Hauses nach seiner Schließung schon bald der Vergangenheit an – es ist jedoch nicht ganz in Vergessenheit geraten: Berliner Künstler und Aktivisten beschlossen, das zu verhindern, nachdem Meldungen über den Abriss des Gebäudes und eine Entstehung privater Wohnungen und Büros auf dem Gelände verkündet wurden. Die Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser (AbBA), eine Gruppe engagierter Kunstschaffender, startete im September 2015 eine Kunstaktion, um den Abriss zu verhindern: Sie brachte dazu ein großes Poster in der Art eines offiziellen Bauschilds an der Fassade an: „Hier entstehen für Berlin: Räume für Kultur, Bildung und Soziales“. Das erregte die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit.

Somit wurden die Aktivisten mit der Zeit selbst zu Planern: Die Berliner Bürger halfen dabei, bezahlbares Wohnen und ein aufwendiges Sanierungsprojekt anzugehen. Auslöser für das Engagement war vor allem der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in der Stadt, der sich immer mehr verstärkt. Die Künstler beschlossen deshalb, sich zusammenzuschließen, um das Gebäude zu retten – und in Anbetracht seiner enormen Größe sein strukturelles Potential so zu nutzen, dass es der Gemeinschaft zu Gute kommt. Es begann als Versuch, gegen den Mangel an bezahlbarem Wohnraum zu protestieren und wurde mit der Zeit zu einem ernsthaften Plan, das Haus der Statistik zu retten und an die Bedürfnisse der Bürger anzupassen. Unterstützt wurde dieser Plan durch 140 Millionen Euro aus staatlichen Mitteln. Heute arbeiten die Künstler unmittelbar mit Beamten, Planern und Architekten zusammen – sie wollen einen partizipativen Prozess ins Rollen bringen, der das Gebiet um den Alexanderplatz transformieren soll. Bei Erfolg würde es als gelungenes Modell einer Bottom-Up-Stadtentwicklung dienen können, die so häufig als fehlend kritisiert wird. Es wäre auch ein Beispiel dafür, dass Bürger mit Politikern und Beamten gemeinsam Stadtentwicklung betreiben können.

Kürzlich wurde der städtebauliche Wettbewerb um die Entwicklung des Geländes entschieden: Gewonnen hat der Entwurf von Teleinternetcafe + Treibhaus, der nun die Grundlage für den Bebauungsplan bietet. Neben der Sanierung der Altbauten mit 46.000 m2 Bruttogeschossfläche werden mehrere Neubauten mit insgesamt 66.000 mFläche entstehen. Doch das ist nicht alles: Es ist ein vollkommen neues Stadtviertel geplant. Sein Herzstück ist das geplante „Rathaus der Zukunft“, das neben dem einem Bürger- und Finanzamt Kultur-, Sozial- und Bildungseinrichtungen sowie einige Einkaufs- und Ausgehmöglichkeiten im Erdgeschoss beherbergen soll. Es wird 64 Meter hoch sein – in dieser Höhe kann man dann die Dachgärten genießen, die neben Gemeinschaftsterrassen ebenfalls entstehen sollen.

Rund um das Rathaus sind günstige Wohnungen in zwei 15- und 12-geschossigen Wohnhochhäusern, Ateliers und Büros geplant. Die Hälfte der 300 anvisierten Wohnungen sollen Sozialwohnungen sein. Der Rest soll günstig vermietet werden – ein besonderes Anliegen der InitiatorInnen. Ein weiteres wichtiges Anliegen war es den Planern und Organisatoren außerdem, statt Abriss die alten Gebäude zu erhalten und am Bestehenden weiterzubauen.

In der Mitte des Stadtviertels sind außerdem drei Höfe zur gemeinschaftlichen Nutzung, sogenannte „Stadtzimmer“, geplant, ebenso drei Experimentierhäuser und zwei Kitas. Für einige der Gebäude werden noch separate Wettbewerbe stattfinden, unter anderem für das Rathaus.

Eine weitere Besonderheit: Das Viertel soll weitgehend autofrei werden: Man setzt auf ein Mobilitätskonzept, das Car-Sharing, ÖPNV und Radverkehr in den Fokus setzt.

Die Bauzeit der Wohnungen wird auf zwei bis drei Jahre geschätzt – die Planer hoffen auf die Erteilung des Baurechts für die Wohnhäuser bis 2021.

Dieses Jahr sollen auch schon erste temporäre Pioniernutzungen im Haus starten. Bis zum 21. Juli ist dort beispielsweise die Ausstellung „Haus der Statistik – Modell kooperativer Stadtentwicklung“ zu sehen. Kooperativ ist die Stadtentwicklung vor Ort übrigens definitiv: Neben Senat, Bezirk, Berliner Immobilienmanagement GmbH (BIM) und Wohnungsbaugesellschaft Mitte ist auch die gemeinwohlorientierte Genossenschaft Zusammenkunft Berlin beteiligt. Das mögliche Investitionsvolumen würde voraussichtlich 250-350 Millionen Euro umfassen. Aktuell findet die Sanierung der Altbauten durch den BIM statt.

Weitere Infos könnt hier finden.

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Bilder © BIM GmbH | Allianz bedrohter Berliner Atelierhäuser | Initiative Haus der Statistik | Teleinternetcafe + Treibhaus | Nils Koenning

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