PROJECTION MAPPING AUS BREMEN ERHELLT DIE WELT

Dies ist ein Artikel aus unserer aktuellen metropolis Bremen:

An der Schnittstelle virtueller Welten und realer Objekte

Das Bremer Studio für Medienkunst Urbanscreen ist bekannt für großflächige Lichtinstallationen auf architektonisch komplexen Bauwerken. Aufgrund ihrer seltenen Expertise sind sie weltweit ungemein gefragt. Selbst der ehemalige Beatles-Frontmann Paul McCartney klopfte bereits an.

Projection Mapping ist die passgenaue Projektion visueller Inhalte auf Objekte verschiedenster Art, darunter vor allem Innenräume, Skulpturen oder ganze Gebäude. Die Kunst liegt darin, auf die individuellen Oberflächenstrukturen der Objekte einzugehen. Dazu wird das Objekt mithilfe eines 3D-Fotoscans genauestens abgetastet und digital rekonstruiert, um das Bild millimetergenau anzupassen. Doch nicht nur die reale, technische Oberfläche ist für das Projection Mapping von Belang. Auch der individuelle Charakter und die Identität des Objektes verlangen Untersuchung und Beachtung.

Seit mehr als zehn Jahren arbeitet das Bremer Studio Urbanscreen an Medienkonzepten für den öffentlichen Raum. Das interdisziplinäre Team aus Architekten, Medienkünstlern, Bühnenbildnern, Musikern und Technikspezialisten arbeitet im Spannungsfeld zwischen Videokunst und urbaner Kommunikation und fokussiert sich auf Aspekte flüchtiger Virtualität und körperhafter Realität.

In Abgrenzung vom technoiden Begriff des Projection Mapping prägten die Bremer Künstler von Urbanscreen einst den Begriff der Lumentektur, der sich aus den Worten Lumen (lat. für Licht) und Architektur zusammensetzt. Er unterstreicht die philosophische Komponente des Fachgebietes. Die Lumentektur verlangt einen engen Zusammenhang zwischen Ort und Installation. In diesem Kontext sprechen die Künstler von „site-specific art“, also der Kunst im öffentlichen Raum, die mit diesem in Dialog tritt.

Von Amsterdam bis Sydney wurden Zuschauer Zeugen der beeindruckenden Fassadenprojektionen von Urbanscreen. Der Geschäftsführer, Till Botterweck erklärt, was sich hinter dem Begriff des Projection Mapping verbirgt.

 

Lieber Herr Botterweck, wie sind Sie zum Projection Mapping gekommen?

Nach meinem Architekturstudium begann ich in Wuppertal Bühnenbilder im Tanztheaterbereich zu entwerfen und nutzte schon damals Projektionen. Als meine Freundin damals Tänzerin im Bremer Tanztheater wurde, folgte ich ihr und lernte glücklicherweise den Gründer von Urbanscreen, Thorsten Bauer, kennen. Urbanscreen wurde anfänglich als Verein gegründet, der dazu beitragen sollte, dass die Stadt Bremen Kulturhauptstadt Europas wird. Im Zuge unseres ersten Projektes haben wir zwei Jahre lang künstlerische Videoinhalte auf eine Fassade im Steintor in Bremen projiziert, um eine Art permanentes Programm zu gestalten. Getragen wurde dieses Projekt vom Ortsamt Mitte, der östlichen Vorstadt und dem Kulturzentrum Lagerhaus und half dabei, den Stadtteil kulturell aufzuwerten, die Gemeinschaft zusammenzubringen und mit dem Medium zu experimentieren. Anschließend präsentierten wir beim Viertelfest am Ostersteintorweg unsere erste Lumentektur-Installation. Dieser Begriff war eine Erfindung unsererseits, da der Name Projection Mapping zu dieser Zeit noch nicht existierte. Nach dieser ersten Installation stieg die Nachfrage und wir gewannen die Aufmerksamkeit von Sponsoren, die daran interessiert waren, unsere künstlerischen Arbeiten finanziell zu tragen. Dieser Impuls gab uns letztlich den Anstoß, ein Unternehmen zu gründen.

Ihre anfänglichen Projekte fanden alle in Bremen statt, dann begaben Sie sich auf internationales Terrain. 2013 realisierten Sie aber wieder ein Projekt auf der Fassade der Bremer Handelskammer und vor zwei Jahren das Projekt „Roots ’n’ Visions“. Wie kam es zu der zwischenzeitlichen Pause?

Dass wir in Bremen inzwischen seltener Fassadenprojektionen machen, liegt nicht an Bremen selbst. Projection Mapping ist sowohl technisch als auch finanziell sehr aufwendig. Dementsprechend ist Projection Mapping eher etwas für Jubiläen oder ähnliche größere Events. Die Projektion auf der Fassade der Handelskammer war Teil einer speziellen Aktion der Wirtschaftsförderung Bremen. Mit dem Viertelfest als Veranstaltungsrahmen unserer ersten Projekte landeten wir einen echten Glücksgriff, denn, anders als andere Veranstaltungen, fand es jährlich statt. Da wir uns noch am Anfang unserer Karriere befanden und mit der Technik experimentierten, hielten sich die Kosten ebenfalls in Grenzen.

Glauben Sie, dass die Stadt Bremen einen besonderen Einfluss auf Sie und Ihre Projekte hat?

Ja, ohne Zweifel. Allein die Entstehung von Urbanscreen ist Bremen zu verdanken, denn die Stadt bietet mehr Boden für Kreativwirtschaft und kulturelle Zusammenarbeit als die meisten anderen. Durch meine Arbeit im Tanztheaterbereich und auch unseren Standort in der Schnapsfabrik in der Alten Neustadt fanden wir viele Partner, mit denen wir kooperieren. Uns inspiriert insbesondere die transparente und unkomplizierte Zusammenarbeit mit Experten aus verschiedenen Sektoren.

Welche Themen und Motive beschäftigen Sie derzeit in Ihrer Arbeit?

Uns interessiert beispielsweise, wie man virtuelle Identitäten, die Menschen durch Ihre Social-Media-Accounts erzeugen, zurück in die materielle Realität holen kann. Wenn wir virtuelle Inhalte auf eine Medienwand bringen, erhalten diese wieder einen Platz in der körperlichen Welt und gewinnen wieder an Relevanz und Bedeutung. So haben wir eine Medieninstallation in Köln-Kalk erprobt und mittlerweile auch in die Bremer Zentralbibliothek gebracht. Dabei handelt es sich um eine interaktive Installation für Jugendliche, die diese mit einem Tablet selbst modifizieren und animieren können. Gemeinsam mit ihren Freunden können Bremer Jugendliche ab September das ausprobieren, was wir weltweit im großen Stil durchführen. Vielleicht weckt das zusätzlich Interesse für unseren Beruf, den wir bei Urbanscreen auch ausbilden.

In Bezug auf die Motive, die auf Ihren Fassadenprojektionen dargestellt werden, tauchen häufig Menschen und vor allem auch Tänzer auf. Woran liegt das?

Urbanscreen ist ja nicht nur ein Unternehmen, sondern auch ein Künstlerkollektiv. Manche von uns, die wie ich eine enge Beziehung zum Tanztheater haben, arbeiten sehr gerne mit Tänzern. Insbesondere, da ein Mensch auf der Fassade eine Referenzperson für die Betrachter ist, mit der sie sich identifizieren können. Ein Tänzer kann außerdem wunderbar mit der Grafik, die auf die Fassade animiert ist, interagieren und beispielsweise einen gemeinsamen Tanz mit der Animation aufführen. Andere Künstler interessieren sich vielleicht eher für 3D-Animationen, Graffiti und anderen Themen, aus denen sie ihre Inspiration schöpfen.

Mit Ihren Installationen verbindet man eher die Idee, dass das Unbewegte bewegt wird. Im Falle Ihrer Fassadenprojektion auf dem Opernhaus Sydney wirkte das gesamte Gebäude wie Segel, die im Wind flattern.

Bei dem Projekt in Sydney stand im Vordergrund, dass wir mit der Arbeit auch einen Zugang zur Architektur finden wollten. Die Menschen in Sydney nennen dieses Gebäude auch „The Sails“. Als wir vor Ort ankamen und den starken Wind spürten, lag es für uns nah, das Segeln zu simulieren. Diese flatternden Formen ergaben an diesem Ort einfach Sinn.

Ist in Bremen in nächster Zeit noch etwas anderes als die Installation in der Stadtbibliothek geplant?

Wir produzieren derzeit eine Videoprojektion für ein Stück, das vom ungarischen Tanzkünstler Máté Mészáros choreografiert wird und ab dem Herbst 2019 im Bremer Theater aufgeführt wird.

Vielen Dank für das Gespräch.

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Fotos © Urbanscreen | Christoph Stark

 

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