R WIE REIZVOLL – ÜBER DIE AUFSTREBENDE HOCHSCHULSTADT RECKLINGHAUSEN

Den Recklinghäuser Standort der Westfälischen Hochschule gibt es nun seit knapp 25 Jahren. In Ihren Tätigkeiten in der Stadtverwaltung haben Sie die Gründung und Entwicklung des Studienstandortes miterlebt. Wie kam es zur Entstehung der Hochschulabteilung in Recklinghausen?

Der damalige Stadtdirektor Peter Borggraefe konnte mit seinen Kontakten zur Düsseldorfer Landesregierung wesentlich zur Entstehung des Standortes beitragen. Damals war die Gründung weiterer Hochschulstandorte ein weit diskutiertes Thema und Peter Borggraefe nutzte die Gunst der Stunde, indem er Recklinghausen ins Gespräch brachte. Da die Gründung einer eigenen Hochschule für Recklinghausen keine Möglichkeit darstellte, kam es zur, bis heute quer durch die Politik anerkannten, Gründung eines Recklinghäuser Standortes der damaligen Fachhochschule Gelsenkirchen. 

Seit etwa einem Vierteljahrhundert wird am Standort Recklinghausen der heutigen Westfälischen Hochschule Wissen produziert und vermittelt. Welche Chancen birgt das für die Stadt?

Gerade vor dem Hintergrund der aktuellen Fachkräftediskussion, die in dieser Form vor 25 Jahren noch nicht abzusehen war, ist die Hochschule für Recklinghausen ein großer Mehrwert. Vor allem für Unternehmen ist es sehr attraktiv, dass hier geforscht und ein Wissensaustausch gepflegt wird. Neben diesen wirtschaftlichen Gesichtspunkten ist es auch für das Image einer Stadt natürlich von Vorteil, Hochschulstandort zu sein. 

Der von Ihnen angesprochene Fachkräftemangel ist vor allem in B-Städten ein gewichtiges Thema und wird in verschiedenen Wirtschafts- und Verwaltungsbereichen zunehmend zum Problem. Dazu kommt: Der Anteil an Studierenden aus Nicht-Akademikerfamilien ist in der gesamten Hochschullandschaft erschreckend gering. Vor allem im Ruhrgebiet ist dies besonders brisant. Wie reagieren die Stadt Recklinghausen und ihr Hochschulstandort auf diese Schieflage?

Als Vater von zwei Kindern sehe ich vor allem mit Besorgnis, welche Kosten durch ein Hochschulstudium, insbesondere in den beliebten A-Städten, entstehen. Wenn sich ein junger Mensch in Recklinghausen entschließt, an der Westfälischen Hochschule zu studieren und möglicherweise bei den Eltern wohnen zu bleiben, spart das natürlich Kosten. Wir alle wissen, wie kostspielig Mieten zum Beispiel in klassischen Universitätsstädten wie Münster mittlerweile sind. Durch die unmittelbare Nähe zu jungen Recklinghäusern und die daraus resultierende Möglichkeit, im Elternhaus wohnen zu bleiben, bietet die Westfälische Hochschule außerdem einen niederschwelligeren Zugang zum Studium. Zudem steht die Westfälische Hochschule in engem Kontakt zu Recklinghäuser Schulen und bietet Schülerinnen und Schülern mit verschiedenen Angeboten frühzeitig die Chance, in den Hochschulbetrieb hineinzuschnuppern. Dadurch bauen wir die Berührungsängste zu einer Hochschule ab, die ohnehin schon gedanklich näher ist, als die Institutionen anderer Städte. 

Wenn es gelingt, die Schüler an die lokale Hochschule zu bringen, folgt die nächste Frage: Wie bindet man junge Absolventen an die Stadt?

Dieses Thema bewegt nicht nur uns hier in Recklinghausen, sondern das gesamte Ruhrgebiet. Viele Menschen werden durch unsere großen und exzellenten Hochschulen ausgebildet, wandern nach dem Abschluss dann aber in andere Regionen ab. Dieses strukturelle Problem kann die Westfälische Hochschule natürlich nur bedingt lösen, denn es bedarf eines Arbeitsmarktes, der diese Absolventen auch nachfragt. Fragen, die sich in diesem Kontext stellen, beziehen sich also beispielsweise auf angebotene Studiengänge und die Nachfrage der lokalen Wirtschaft. Das sind Themen, die wir langfristig denken müssen. Als Stadt sind wir im ständigen Austausch mit der Westfälischen Hochschule und sehen nicht nur die Nähe zu den Fachbereichen am Standort Recklinghausen, sondern auch zu denen in Bocholt und Gelsenkirchen. Diesen Austausch nutzen wir, um Wirtschaft und Hochschule langfristig und nachhaltig zusammenzubringen.

Wie schafft die Recklinghäuser Wirtschaft es ganz konkret, Beziehungen zu den Studierenden der Westfälischen Hochschule aufzubauen?

Wir sehen unsere Aufgabe darin, den Bekanntheitsgrad der Hochschule in der Stadtgesellschaft zu verbessern. Gerade in den Anfangsjahren war es vielen Menschen nicht klar, dass es in Recklinghausen eine Hochschule gibt. Im wirtschaftlichen Bereich organisieren wir seit vielen Jahren gemeinsam mit der Wirtschaftsförderung Herten und der Vestischen Freundegesellschaft die „Recklinghäuser Hochschulgespräche“ und bieten damit eine Plattform für den Austausch zwischen Hochschule und Unternehmerschaft. Die Vestische Freundegesellschaft wird zu großen Teilen von Unternehmern getragen, die besagtes Veranstaltungsformat und Studienpreise ermöglichen. Die Studierenden profitieren vom Format vor allem durch die Möglichkeit, sich mit Unternehmen zu vernetzen. Sowohl Unternehmen als auch die Stadtverwaltung nutzen wiederum die Gelegenheit, junge Menschen für die Stadt zu begeistern. 

Welche weiteren Impulse gibt es, abgesehen von Studium und Arbeit, die Stadt für junge Menschen attraktiv zu gestalten?

Zurzeit haben wir einen Antrag aus dem Rat zugewiesen bekommen, Wohnangebote für Auszubildende und Studierende zu schaffen. Der Bedarf wird derzeitig noch geprüft. Wir haben zu diesem Thema bereits einen Austausch mit dem Akademischen Fortbildungswerk angestoßen, das den Bedarf in der Vergangenheit jedoch eher gering eingeschätzt hat. Wir gehen davon aus, dass der Recklinghäuser Wohnungsmarkt gegenwärtig noch genug bietet, auch ohne konkrete Initiative für studentisches Wohnen. Ein weiteres wichtiges Thema ist für uns das Freizeitverhalten. Die Hochschule liegt nicht direkt in der Altstadt, sondern etwas abseits. Wir versuchen, diese Verknüpfung zu stärken, indem wir gemeinsam mit der Vestischen Freundegesellschaft speziell für Studienanfänger die Möglichkeit bieten, Recklinghausen kennenzulernen. Wir bieten Stadtführungen für Menschen, die nicht aus Recklinghausen kommen. Uns bietet das die Möglichkeit, nachzuvollziehen, aus welchen Städten unsere Studierenden kommen und diese wiederum lernen Recklinghausen kennen. Die Führungen enden damit, dass ein Recklinghäuser Gastronom die Gruppe auf ein Getränk einlädt. Gerade an die Studierenden von außerhalb senden wir so die Nachricht, dass Recklinghausen eine Stadt mit Aufenthaltsqualität ist. Unsere Altstadt ist nicht nur eine Stadt des Handels, sondern hat viel mehr zu bieten.

Fragen einer stärkeren innerstädtischen Nutzungsmischung rücken spätestens mit dem geplanten Umbau des alten Karstadtgebäudes stärker in das Zentrum der Aufmerksamkeit. Ein recht hoher Anteil der Studierenden an den drei Standorten der Westfälischen Hochschule wohnt noch bei den Eltern. Stellen wir uns noch einmal die bereits angeklungene Frage des studentischen Wohnens, haben wir es mit einem Henne-Ei-Problem zu tun: Steht am Anfang das Angebot des Wohnraums oder die Nachfrage nach selbigem? 

Schauen wir uns einmal nüchtern die Zahlen an, entsteht folgendes Bild: Auf eine Bewohnerzahl von knapp 120.000 kommen gute 2.000 Studierende. Das ist natürlich ein anderes Verhältnis als in Bamberg oder Bayreuth, wo 10.000 bis 20.000 Studierende das Stadtbild auf ganz andere Art und Weise prägen. Auf der anderen Seite gibt es natürlich nicht nur die Studierenden der Westfälischen Hochschule, sondern auch viele der TU Dortmund oder Ruhr-Universität Bochum. Genau die Frage – Henne oder Ei – war erst neulich Thema eines Gespräches zwischen Bürgermeister Christoph Tesche, Bernd Kriegesmann, dem Präsidenten der Westfälischen Hochschule und Thomas Wessel, der sowohl im Hochschulrat als auch im Personalvorstand von Evonik ist. Wir haben mit Investoren gesprochen, die im Bau studentischer Wohnungen aktiv sind und untersuchen derzeit Bedarfe und Durchführbarkeit eines solchen Projektes.

Viele junge Menschen nehmen an den Wochenenden längere Fahrten in die Nachbarstädte in Kauf, da das Angebot an Freizeitaktivitäten für besagte Gruppe nicht ausreichend ist. Wie steht es um die studentische Szene in Recklinghausen?

Das ist letztlich eine Frage der Rollenverteilung. Als Stadt sehen wir unsere Aufgabe im Kern darin, diejenigen Dinge zu regeln, die der Markt nicht von selbst regelt. Die bestehende Gastronomie-Szene in unserer Stadt ist attraktiv. Defizite sehen wir da tatsächlich nicht. Auch Projekte wie das Unperfekthaus in Essen, das sich viele Bürger auch für Recklinghausen wünschen würden, wurden privatwirtschaftlich initiiert. Wir ziehen daraus die Lehre, dass der Markt sich in der Regel den Bedarfen der Bürger anpasst und wenn dies nicht der Fall ist, greifen wir ein. Unsere Erfahrung zeigt uns: Meist entspringen die Ideen dem privaten und wir unterstützen im Rahmen unserer Möglichkeiten. 

Wagen wir zu guter Letzt einen Blick in die Zukunft: Hat Recklinghausen das Potenzial zu einer Wissenschaftsstadt zu werden?

Gemäß unserem Marketingslogan ist Recklinghausen die Stadt für Handel und Bildung, Dienstleistung und Kultur. In der Säule Bildung steht natürlich besonders die Hochschule im Vordergrund, aber auch die Kollegschulen und die Landschaft an Gymnasien und vielen weiteren Bildungseinrichtungen. Diese Säule gilt es für uns noch weiter auszubauen. Entsprechend verfolgen wir konsequent das Ziel, die Hochschule immer stärker in das Recklinghäuser Stadtgeschehen einzubinden. Doch wir haben noch einen langen Weg vor uns: Recklinghausen hat lediglich 25 Jahre als Hochschulstadt hinter sich. Insgesamt ist das Thema des Wissenschaftsstandortes für uns also ein sehr gewichtiges, doch nicht das einzige, das uns bewegt.

Vielen Dank für das anregende Gespräch!

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Axel Tschersich

schloss sein Studium als Diplom-Verwaltungswirt an der Fachhochschule für öffentliche Verwaltung in Gelsenkirchen sowie als Diplom-Betriebswirt an der Verwaltungs- und Wirtschaftsakademie in Bochum ab. Nach seinen Tätigkeiten in diversen Fachbereiten im Umfeld des Bürgermeisters führte der Weg des gebürtigen Recklinghäusers ihn ab 2010 in die Stellung des leitenden Verwaltungsdirektors im Fachbereich Wirtschaftsförderung, Standortmanagement und Stadtmarketing der Stadtverwaltung Recklinghausen.

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Foto © polis Magazin Sascha Kreklau

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