GUNTHER SCHMIDT: ALLE(S) UNTER EINEM DACH

Die Medici Living Group wurde 2012 gegründet. Das Portfolio wurde 2017 um die Marke QUARTERS ergänzt. Mittlerweile sind Sie der größte Co-Living-Anbieter in Europa und den USA. Damals existierte das Konzept noch nicht als „etablierte Wohnform“. Wie ist die Idee und v. a. der Schritt Richtung Unternehmensgründung entstanden?

Ursprünglich bin ich ein Tech-Unternehmer und habe damals in Berlin das Start-up eKomi aufgebaut. Hierbei handelte es sich um eine Software-as-a-Service-Lösung für Kundenbewertungen. Das Start-up hat sich so gut entwickelt, dass mein Geschäftspartner und ich bald international nach neuen Mitarbeitern suchen mussten. Die Herausforderung bestand allerdings nicht nur darin, sie von unserem Unternehmen zu überzeugen und nach Berlin zu locken, sondern auch, ihnen dabei zu helfen zeitnah eine bezahlbare Wohnung in der Metropole zu finden. Das stellte für viele, besonders wenn sie aus dem nichtdeutschsprachigen Ausland kamen, eine große Hürde dar. Hieraus entwickelten wir die Idee, den Mitarbeitern voll möblierte Zimmer inkl. Internet, Bettwäsche etc. anzubieten, sodass sie mit all den organisatorischen Dingen, die ein Umzug mit sich bringt, nichts zu tun hatten und direkt bei uns einsteigen konnten. Darüber hinaus stellten wir fest, dass der Wunsch nach echten Kontakten in einer Welt, die primär aus Social-Media-Kontakten bestand, wieder an Bedeutung gewonnen hatte. Mit unserem neuen Konzept konnten wir nun diejenigen, die in der virtuellen Welt ggf. sogar schon vernetzt waren, auch analog in einer Community zusammenbringen.

Insofern ist es Ihnen nicht nur gelungen, das Wohnen des 21. Jahrhunderts zu revolutionieren, sondern Sie begegnen auch den Bedürfnissen einer mobilen, spontanen und vor allem individualisierten Gesellschaft mit Wir-Kultur. Denken Sie, der Wunsch nach Gemeinschaft wird unsere Gesellschaft auch künftig wieder stärker prägen?

Ich denke schon. Aus meiner eigenen Erfahrung heraus habe ich diese Form des Wohnens auf jeden Fall gelernt wertzuschätzen. Ich lebe selbst in unseren QUARTERS-Gebäuden, in Berlin und New York. Gerade in New York habe ich aber noch kein großes soziales Umfeld. Unsere Events, die wir in unseren Häusern regelmäßig in den „Community Spaces“ veranstalten, helfen mir schnell neue Menschen kennenzulernen. Dieses Feedback erhalten wir auch von unseren Bewohnern. Gerade als Young Professional ist es aufgrund mangelnder Zeit sehr schwierig, ein soziales Netzwerk aufzubauen. Man ist in verschiedenen Metropolen unterwegs, reist viel und muss sich im Job beweisen. Genau an dieser Stelle greift unser Angebot: Wer möchte, kann Teil der Community sein und so mittels echter Interaktion Freundschaften aufbauen.

Denken Sie, diese Freundschaften sind stabil oder dauern nur so lange, wie ich mich an dem jeweiligen Ort aufhalte?

Wir beobachten, dass sich aus den anfangs lockeren Verbindungen echte Freundschaften bis hin zu produktiven Netzwerken entwickeln. In unserem QUARTERS in Berlin, in dem ich die vergangenen zwölf Monate gelebt habe, sind innerhalb dieser Zeit alleine fünf Start-ups entstanden. Die Bewohner von QUARTERS tauschen sich letzten Endes nicht nur privat, sondern auch beruflich aus: Der Grafik-Designer braucht Hilfe vom Programmierer – die beiden entwickeln eine Idee und so zerfließen die Grenzen zwischen privater und beruflicher Beziehung – im positiven Sinn. Ein anderes Beispiel ist das Fashion-Start-up KINAM, das sich zum Ziel gesetzt hat, nachhaltige Mode zu produzieren und dabei lokale Wertschöpfungsketten in Guatemala zu schaffen.

Dass die Grenzen zwischen Beruf und Privatleben zunehmend verschwimmen – sei es durch Wohnangebote wie QUARTERS oder digitale Tools etc. wird zum Teil harsch kritisiert. Bewerten Sie diese Entwicklung auch kritisch oder denken Sie, dass dies eher ein „Kind unserer Zeit“ ist?

Es ist vor allem wichtig, diese Entwicklung nicht eindimensional zu betrachten. Unser Ziel ist es, verschiedene Menschen mit unterschiedlichen Leidenschaften zusammenzubringen. Ob das letzten Endes darin resultiert, dass die einen jeden Abend gemeinsam schwimmen gehen und die anderen Spaß daran haben, in ihrer Freizeit an eigenen unternehmerischen Ideen zu arbeiten, können und wollen wir nicht beeinflussen.

Sie sagen, die o. g. Zielgruppe sei wichtig für die „kulturelle und wirtschaftliche Entwicklung der Stadt“. Inwiefern trifft dies zu, wenn sich diese spezifische Gruppe nur für eine bestimmte Zeit an die Stadt bindet?

Gerade die dynamische Start-up-Szene benötigt junge und hochqualifizierte Spezialisten. Bei uns kommen diese unter. Natürlich können wir dabei niemanden dazu verpflichten, für einen festgelegten Zeitraum in einer Stadt zu bleiben. Mit unserem Angebot ermöglichen wir es jedoch jungen Arbeitnehmern überhaupt, in Metropolen wie Berlin, New York oder Chicago Fuß zu fassen. Durch uns können sie in innerstädtischen Vierteln leben, in denen sie sich die regulären Mieten eigentlich nicht leisten könnten. Im Übrigen sind unsere Verträge nicht kurzfristig. Im Gegenteil, viele bleiben lange bei uns und schätzen dabei trotzdem die Flexibilität, gehen zu können, wenn sie das wollen. Darüber hinaus beobachten wir, dass sich viele ehemalige QUARTERS-Bewohner im Verlauf ihrer beruflichen Karriere dann doch dazu entschließen, sich eine eigene Wohnung in der jeweiligen Stadt zu suchen und sich dann sozusagen zu der Metropole „committen“. QUARTERS ist in manchen Fällen sozusagen der Initiator eines Lifecycles – vom Start in den Job, hin zur eigenen Wohnung, der Gründung einer eigenen Familie etc.

Richten wir unseren Blick einmal auf Städte und Projektentwickler: Revolutionäre Konzepte haben es auf kommunaler Ebene und inmitten einer noch stark konservativen Immobilienwirtschaft oftmals schwer, sich zu etablieren. Wie schwer war es für Sie, die entsprechenden Akteure zu überzeugen? 

In der Immobilienwirtschaft herrscht natürlich ein anderes Tempo als in der Start-up-Branche. Vor diesem Hintergrund mussten wir viel Überzeugungsarbeit leisten, die auch heute noch nicht abgeschlossen ist. Dazu gehört, den entsprechenden Akteuren nicht nur unser Konzept zu erklären, sondern ihnen auch zu zeigen, was QUARTERS ist und besonders macht – und sie z. B. auch in bereits realisierte Häuser mitzunehmen und mit Bewohnern sprechen zu lassen. Wir denken, dass sie auf diese Weise unser Konzept am besten und schnellsten verstehen. Natürlich hat uns auch die Zeit in die Karten gespielt: Im Kontext des Aufkommens von Co-Working-Konzepten ist die Idee von Co-Living-Formen nicht allzu exotisch.

Mittlerweile sind Sie international tätig. Inwiefern unterscheidet sich der amerikanische vom europäischen Markt?

Der amerikanische Markt – seien es Projektentwickler oder Städte – ist im Vergleich zum deutschen Markt offener und flexibler. Auch wenn hierzulande große Wohnungsnot in den Metropolen herrscht, ist die Situation in den USA noch kritischer. Dort kämpfen Metropolen regelrecht darum, Young Professionals für sich zu gewinnen, und sind massiv auf neue Wohnformen wie Co-Living angewiesen, um bezahlbaren Wohnraum realisieren zu können. Wir betreiben bereits mehrere Häuser in New York und Chicago – ein weiteres ist in Philadelphia geplant – und erst kürzlich meldete sich Seattle bei uns. Mit der dort ansässigen Wirtschaftsförderung arbeiten wir nun ebenfalls an der Realisierung eines neuen QUARTERS.

Wieso zeigt sich der amerikanische Markt hinsichtlich neuer Wohnformen offener als der deutsche? Der Deutsche Mieterbund und einige Lokalpolitiker werfen Ihnen hier in Deutschland ja sogar zum Teil „Mieterwucher“ vor? Wieso klaffen die Meinungen so weit auseinander?

Aus meiner Sicht ist der amerikanische Markt dem deutschen ein paar Jahre voraus. Das mag unter Umständen auch daran liegen, dass der Mangel an bezahlbarem Wohnraum in den USA ein noch viel größeres Problem ist als in Deutschland. Insofern müssen die Amerikaner schnelle Lösungen finden. Überlegen Sie einmal: In Manhattan zahlen Sie für ein Ein-Zimmer-Apartment im Durchschnitt etwa 2.500 US-Dollar ohne Nebenkosten. Hinzu kommen dann noch die Kosten für die Einrichtung und die in Amerika übliche Maklerprovision. In diesem Kontext sind selbst vergleichsweise gutverdienende Young Professionals finanziell nicht dazu in der Lage, eine Wohnung in New York zu mieten. Darüber hinaus ist es – wie in vielen Dingen – auch eine Frage der Mentalität: Amerikaner denken und handeln pragmatischer. Wir Deutschen brauchen mehr Zeit, um über eine Idee nachzudenken, und wägen ausgiebig das Für und Wider ab. Das ist per se natürlich nicht schlecht – verlangsamt jedoch die Prozessabläufe.

Im Kontext der in Deutschland geführten Diskussion zur sozial gerechten und durchmischten Stadt geraten Projekte wie Ihre QUARTERS-Häuser in die Kritik, diesem Ideal nicht zu entsprechen und stattdessen alteingesessene Kieze zu „zerstören“ und deren Mieter zu vertreiben – nachvollziehbare Kritik oder Übertreibung?

Der Wandel vollzieht sich in einigen Städten sehr schnell. Die Angst vor der Veränderung kann ich nachvollziehen, gerade wenn es mit der Sorge einhergeht, sich eine Umgebung nicht mehr leisten zu können. Wir sehen aber eher die Chance, dass Co-Living Teil einer Antwort auf dieses Problem sein kann. Zunächst einmal geht es bei QUARTERS in der Regel um Neubau. Niemand muss hier ausziehen. Außerdem wohnen bei uns mehr Menschen auf weniger Quadratmetern; das ist effizient und nimmt Druck vom Mietmarkt. So wie ich Co-Living sehe, geht es um ein ergänzendes Angebot, das die Diversität eines Kiezes durchaus erhöhen kann. Die grundsätzliche Tendenz, dass sich Nachbarschaften verändern, die für viele Menschen sehr attraktiv sind und die einem hohen Druck durch Zuzug ausgesetzt sind, wird aber auch Co-Living nicht umkehren können. Grundsätzlich gilt jedoch: Wir haben ein großes Interesse an der Verbesserung der Wohnraumsituation in den Städten und sind offen für Ideen und auch dazu bereit, gemeinsam mit Städten neue Wege zu gehen.

Könnten Sie sich vorstellen, Ihr QUARTERS-Angebot auch auf weitere Zielgruppen wie junge Familien auszuweiten oder sogar Angebote zu entwickeln, die Mehrgenerationen-Wohnen ermöglichen?

Grundsätzlich ja, wobei wir uns mit dem Thema Mehrgenerationen-Wohnen bisher noch nicht intensiver beschäftigt haben. Tatsächlich spielen wir jedoch bereits mit dem Gedanken, ein neues Angebot für junge Familien zu entwickeln. Wir beobachten, dass diese Gruppe in allen Ländern vor denselben Herausforderungen steht: Wie können wir Beruf und Familie miteinander vereinen, ohne dass die Kinder unter der Berufstätigkeit der Eltern leiden? Wer steht jungen Eltern unterstützend beiseite, wenn sie in einer neuen Stadt noch keine sozialen Kontakte haben bzw. Omas und Opas nicht in greifbarer Nähe sind? Unser jetziger „Community Space“ könnte in QUARTERS-Häusern für Familien z. B. eine Kinderbetreuung oder andere Freizeitaktivitäten für Kinder anbieten. Infolgedessen müssten sich Eltern weder um einen externen Betreuungsplatz kümmern, während sie arbeiten, und könnten abends auch einmal ruhigen Gewissens ab ins Kino etc., weil ihr Kind zu Hause bestens versorgt wird. Wir würden auf diese Weise sozusagen das typische Vorstadt-Idyll in unsere Häuser bringen: Junge Familien kommen miteinander in Kontakt, finden Gesprächspartner, die die gleiche Lebensphase inkl. aller Ups & Downs erleben, passen gegenseitig auf sich auf und können einander helfen, wenn es mal „brennt“. Dieses Gemeinschaftsgefühl ist sehr wertvoll und in unserer heutigen, z. T. hoch anonymisierten Gesellschaft wichtiger denn je. Ich habe neun Jahre in Berlin in einer eigenen Wohnung gewohnt und kannte nicht einmal meinen Nachbarn, der direkt nebenan wohnte. Diese Situation möchten wir mit QUARTERS verändern.

Zurück in die Gegenwart: Wie garantieren Sie die Qualität Ihrer Häuser? Erst kürzlich wurden in den Medien Stimmen laut, die beklagten, dass gerade Ihre Häuser in Berlin-Moabit in ihrer Ausstattung qualitativ minderwertig seien?

Wir haben zwei Produktlinien „Medici Living“ und „QUARTERS“. QUARTERS ist die Weiterentwicklung des Co-Living-Konzepts, das wir mit „Medici Living“ ins Leben gerufen haben. Im Falle von „Medici-Living-Angeboten handelt es sich um Wohnungen in Bestandsimmobilien, d. h. nicht alle Wohnungen in diesen Immobilien gehören zu uns. Insofern sind auch unsere Gestaltungsmöglichkeiten in diesen Wohnungen begrenzt. Unsere QUARTERS Häuser sind in der Regel Neubauprojekte. In diesen Häusern definieren wir unsere eigenen „Standards“ und statten alle Wohnungen mit qualitativ hochwertigem Mobiliar und Material aus. In beiden Fällen kontrollieren wir unsere Wohnungen und Häuser regelmäßig und motivieren unsere Bewohner „gut“ mit unseren Wohnungen umgehen.

Zum Abschluss: Wo sehen Sie sich in zehn Jahren?

Ich wünsche mir, dass wir in zehn Jahren Co-Living als Wohnform vollständig etabliert haben. Unser Fokus liegt auf dem amerikanischen und europäischen Markt. Neben Häusern in Metropolen haben wir vielleicht auch den Schritt in kleinere Städte und ländliche Regionen gewagt, die ihrerseits von uns profitieren, als dass wir junge Menschen und junge Familien „zurück“ holen und sich hieraus neue ökonomische und gesellschaftliche Potenziale für kleine Kommunen und ländliche Räume ergeben. Sie sehen: Wir lieben es, neue Optionen mit Mehrwert zu entwickeln.

Das ist eine schöne Vision. Die kommenden zehn Jahre werden sicherlich nicht langweilig. Vielen Dank für dieses interessante Gespräch.

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Gunther Schmidt

ist Gründer und CEO von QUARTERS und Medici Living, dem weltweit größten Co-Living-Anbieter. In den vergangen 15 Jahren hat Schmidt als Serial Entrepreneur zahlreiche erfolgreiche Start-ups gegründet oder selbst darin investiert, darunter eKomi, bei dem er zunächst Co-Founder war und nach wie vor als Member of the Board engagiert ist. eKomi ist heute der größte unabhängige Anbieter von transaktionsbasierten Bewertungen in Europa, hat über 14.000 Kunden und wird finanziert von so bekannten Investoren wie Goldman Sachs und der Tengelmann Gruppe.

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© (5) QUARTERS / Medici Living Group

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