BAREN ALPAYCI: GEMEINSAM BEWEGEN

Nicht immer sind es Politik und Verwaltung, die uns die richtigen Antworten auf die Frage geben, wie erfolgreiche Integrationsarbeit gelingt. Nicht immer ist ein großer Katalog an Instrumenten und Reglements der richtige Wegweiser, um Ängste und Vorurteile zwischen den unterschiedlichen Kulturen unserer Gesellschaft abzubauen. Oft ist es nicht unsere mangelnde Fremdsprachenkenntnis, die uns daran hindert, uns mit anderen auszutauschen und aufeinander zuzugehen, sondern fehlende Augenhöhe, wenn wir einander betrachten. Doch wenn wir uns für ein harmonisches Zusammenleben stark machen und etwas bewegen wollen, gelingt dies nur im ausgewogenen Miteinander. Diese Philosophie verfolgt seit nunmehr zweieinhalb Jahren auch das Interkulturelle Haus Mannheim (IKHM). Der Verein hat sich im März 2017 als Dachverband für Migrantenorganisationen, Kulturvereine und Vereine, die sich für ein gutes Zusammenleben stark machen, gegründet. Seitdem beweist er, wie erfolgreich und wirkungsorientiert die Arbeit für eine Gesellschaft in Vielfalt sein kann, wenn sie auf Augenhöhe stattfindet.

© Zeynel Yatci

In der multikulturell geprägten Stadt Mannheim engagieren sich seit jeher zahlreiche Mannheimerinnen und Mannheimer mit Migrationsbiografie aktiv in ihren eigenen Vereinen. Ziel dieser Vereinsarbeit ist es, in Form verschiedener Aktivitäten und Projekte den interkulturellen Austausch, Chancengleichheit oder aber einen fairen Zugang zu Bildung zu fördern. Dies erfolgt meist in Eigenregie und ohne eine feste Verortung. Nachdem die Vereine viele Jahre unabhängig voneinander ihren Projekten nachgegangen sind und kaum Berührungspunkte untereinander bestanden, manifestierte sich allmählich doch die altbewährte Erkenntnis: Nur gemeinsam ist man stark. Denn dem Leitprinzip einer „Gesellschaft in Vielfalt“ folgend gestaltet sich nicht nur der Austausch zwischen Deutschen und Nicht-Deutschen fruchtbar, sondern ebenso der Austausch zwischen Nicht-Deutschen und Nicht-Deutschen sowie Deutschen und Deutschen. All diese individuellen interkulturellen Beziehungen prägen die Gesellschaft einer Stadt auf ihre ganz eigene Weise – und das ungeachtet der jeweiligen Herkunftsgeschichte. Infolgedessen bildet das IKHM heute eine erfolgreiche Einheit aus Vereinen, die bis dato keine Berührungspunkte hatten. Basis der Idee des IKHM war ein Zusammentreffen der Gründervereine während der Plattform Migrationsforum der Stadt im Jahr 2015. Hierzu zählten der Bulgarische Bildungs- und Kulturförderung Mannheim e. V., Mala Gelê Kurd – Kurdisches Volkshaus Mannheim e. V., Eritreischer Verein in Mannheim und Umgebung e. V., Ghana Union Mannheim/Ludwigshafen e. V., Deutsch-Kroatische Gesellschaft Mannheim e. V., Terra Incognita Mannheim e. V. und Cultural Communities e. V.. Eine völlig bunte Mischung, in der zunächst einmal auch vereinsintern Hürden und gegenseitige Vorurteile abgebaut werden mussten. Nach und nach näherten sich die Vereine mithilfe von Kennenlern-Abenden und monatlichen Vorstellungsrunden unter dem Motto „This is me“ an und formulierten das übergeordnete Ziel ihrer gemeinsamen Arbeit als Dachverband IKHM: Mannheimerinnen und Mannheimer mit Migrationsgeschichte als Kooperationspartner und nicht als defizitär orientierte Zielgruppe wahrzunehmen. Zur Erreichung dieses Ziels initiiert der Verein heute zahlreiche Projekte für Kinder und Erwachsene und nimmt öffentlich Stellung zu Themen wie Migration, Teilhabe und Gesellschaft.

Oberbürgermeister Dr. Peter Kurz bei der Eröffnung des Interkulturelle Haus Mannheim // © Viktor Kehajov

Mithilfe des Büros des Beauftragten für Migration und Integration der Stadt Mannheim wurde im Jahr 2017 auf der Konversionsfläche Franklin mit der Elementary School schließlich eine neue Heimat für den Verein gefunden. Dass die Philosophie des Vereins bei der MWSP, die sich für die Entwicklung der Fläche verantwortlich zeigt, auf unmittelbare Zustimmung stieß, war großes Glück – hatte der Verein zuvor doch lange Zeit vergeblich nach einer geeigneten Räumlichkeit gesucht. Auch vor dem Hintergrund, dass der Verein nicht über die finanziellen Mittel verfügt, eine Räumlichkeit dauerhaft zu bewirtschaften, ist die Kooperation mit der MWSP ungewöhnlich und zugleich ein starkes Signal. Die rund 800 m2, die dem Verein in der Elementary School zur Verfügung stehen, vermietet die MWSP für einen symbolischen Euro pro Quadratmeter. Eine Geste, mit der die Tochtergesellschaft der Stadt ihre Ambitionen unterstreicht, von Anfang an ein ausgeglichenes soziales Miteinander auf der Fläche zu generieren. Gleichzeitig werden historische Strukturen der einstigen Militärfläche wieder zum Leben erweckt: Wo damals die Kinder von U.S.-Offizieren die Schulbank drückten, finden heute kultureller Austausch und Bildungsprojekte für Kinder und Erwachsene aller Nationen statt. Herzstück der Elementary School ist ein knapp 400 m2 großer Saal in Form eines Oktogons, der sich besonders für größere Veranstaltungen des IKHM bewährt hat. Darüber hinaus steht dem IKHM hier auch eine Gemeinschaftsküche zur Verfügung, in der regelmäßig Kochprojekte stattfinden und die Teilnehmer in die traditionelle Gewürzvielfalt eines bestimmten Landes eintauchen und sich dahingehend Inspiration für den eigenen Herd abholen können. Die ehemaligen Klassenräume werden für unterschiedliche Projekte, wie Nachhilfe, Sprachkurse, Musik- oder Tanzunterricht genutzt. Trotz allen Gemeinsinns, sollen die jeweiligen Vereine natürlich auch nach wie vor die Möglichkeit erhalten, sich speziell auf ihre Kultur konzentrieren und die bis dahin gewohnte Vereinsarbeit auszuleben zu können. Dennoch haben gemeinsame Projekte immer Priorität, wenn es beispielsweise um die Koordination der Raumbelegungen geht.

Die Arbeit des IKHM, dessen Pforten sich im September 2018 auf Franklin öffneten, findet auch seitens der Stadt stetig steigende Anerkennung. So haben sich bereits erste Kooperationen mit lokal ansässigen Institutionen ergeben. Im Frühjahr 2019 hat das IKHM z. B. gemeinsam mit der Kunsthalle den bulgarischen Kukeri, den ältesten Karneval der Welt, in die Stadt Mannheim gebracht. Mit einem Umzug, der einem Flashmob glich, zogen zahlreiche Bulgaren und Nicht-Bulgaren durch die Straßen Mannheims und versammelten sich schließlich inmitten der neuen Kunsthalle zum großen Finale. Eine Kooperation, die sich nicht nur für das IKHM als voller Erfolg erwies, sondern insbesondere auch für die Kunsthalle selbst, der es trotz des Anspruches ein „Haus für alle“ sein zu wollen nicht immer gelingt, Menschen mit Migrationshintergrund mit ihr vertraut zu machen und sich als Ort des Willkommens zu behaupten. Kooperationen wie diese stellen sich als äußerst fruchtbar dar und so ist dem IKHM zu wünschen, dass sich noch viele weitere ergeben.

Was nach einem Projekt klingt, das mit einem enormen organisatorischen Aufwand verbunden ist, wird von nicht einmal zwei Handvoll Personen verantwortet. Dass diese die Arbeit für eine Gesellschaft in Vielfalt ehrenamtlich verfolgen, erfordert Ausdauer und Leidenschaft. Starke lokale Partner könnten zukünftig dazu beitragen, diese so wertvolle Arbeit maßgeblich zu unterstützen und zu fördern. Denn nur so kann aus dem interkulturellen Haus der Vielfalt vielleicht irgendwann auch eine interkulturelle Stadt der Vielfalt werden. Und das nicht nur auf dem Papier, sondern vor allem in den Köpfen.

 

Im Gespräch mit Baren Alpayci, Vorsitzende des Interkulturellen Haus Mannheim e. V.

Alle Gründungsmitglieder des IKHM kamen aus unterschiedlichen Vereinen zusammen. Sie selbst aus dem Kurdischen Verein. Was ist der Mehrwert dieser kulturellen Vielfalt innerhalb der Vereinsstruktur?

In Mannheim gibt es zahlreiche Kulturvereine, die sich mehrheitlich mit sich selbst und ihren Aktivitäten beschäftigen, sodass kaum Begegnungen zwischen den Vereinen entstehen. Wenn überhaupt, gibt es den einzigen Austausch auf Stadtfesten, auf denen man Stand an Stand nebeneinandersteht, um seine jeweilige Kultur und Vereinsarbeit zu präsentieren. Als gemeinnützige Vereine konnten wir im Stadthaus der Stadt Mannheim außerdem immer kostenfrei Räumlichkeiten mieten. Doch auch hier sind sich die jeweiligen Vereine lediglich im Rahmen der Schlüsselübergaben begegnet – keiner von ihnen wusste von dem anderen, was er im Stadthaus macht. Irgendwann haben wir erkannt, dass wir viel mehr erreichen können, wenn wir unsere Stärken unter einem Dachverband bündeln. Noch lange bevor das IKMH ein realer Ort wurde, starteten wir unseren Verein und merkten schon bald, dass wir eine Begegnungsstätte benötigen. Mit dieser Idee sind wir zunächst an die Stadt Mannheim und schließlich auch an die MWSP herangetreten, die unseren Plänen sehr offen und positiv begegnet sind. Im Anschluss erhielten wir relativ zeitnah das Nutzungsrecht für die Räumlichkeiten der ehemaligen Elementary School.

 

Denken Sie, dass es in Mannheim einen Mangel an Angeboten für Migranten gibt, sodass Sie das Problem kurzerhand selbst in die Hand genommen haben?

Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, dass die Arbeit der Vereine nicht immer so angenommen wird wie erhofft. Das liegt meist daran, dass die jeweiligen Projekte oder Aktionen nicht auf Augenhöhe passieren. Die Migrationsbiografie steht immer im Mittelpunkt, anstatt zu sagen: Wir alle sind Mannheimer und bilden gemeinsam eine Gesellschaft. Tatsächlich ist es so, dass einem Verein, der von Menschen unterschiedlicher Migrationsbiografien gegründet wurde, mehr Vertrauen entgegengebracht wird als einer eigens dafür eingerichteten Verwaltungsabteilung. Jegliche Arbeit verläuft bei uns auf Augenhöhe mit einem klaren Ziel im Blick. Das schafft Transparenz und Vertrauen. Darüber hinaus entwickeln unsere Mitglieder ein Gespür für ihre Potenziale und dafür, wie sie diese bei uns einbringen können. Egal wie unterschiedlich wir sind oder welche sprachlichen Barrieren bestehen: Im IKHM haben wir allen Menschen von Anfang an das Gefühl vermittelt, dass dies keine Rolle spielt, und jeden motiviert, sich nach seinen Möglichkeiten aktiv zu beteiligen. Ich bin sehr stolz auf unsere Entwicklung! Und wir sind natürlich auch offen für noch viel mehr Vereine und Menschen, die sich bei uns einbringen möchten.

 

Im September 2018 hat das Interkulturelle Haus Mannheim e. V. auf Franklin eröffnet. Inwieweit ist dieser Standort, der sich ja noch mitten in der Entwicklung befindet, von Vorteil?

Anfangs befürchteten wir, der Standort könnte zu weit außerhalb der City liegen. Das hat sich jedoch nicht bewahrheitet. Im Gegenteil: Wir schätzen diesen Standort sehr und freuen uns, live miterleben zu können, wie sich dieser neue Stadtteil samt seiner Infrastrukturen entwickelt. Für uns ist das eine einmalige Chance, die Entwicklung gesellschaftspolitisch zu beeinflussen und das Thema Vielfalt von Beginn an mitzudenken. Mit dem IKHM schaffen wir von Anfang an einen Ort der Begegnung für alle. Wir sind kein Migrantenverein für Migranten, sondern ein Migrantenverein für alle. Insofern gelingt uns an dieser Stelle der Schulterschluss mit der MWSP, denn Franklin soll ein Stadtteil der Begegnungen, des Zusammenkommens und der Verständigung auf allen Seiten werden – zwischen allen Bewohnern. In Bezug auf unsere drei Themenbereiche Bildung, kulturelle Begegnung und Empowerment liegt noch viel Arbeit vor uns. Dazu gehört auch, die Bewohner auf Franklin noch stärker in unsere Vorhaben einzubeziehen. Dass diese durchaus Interesse haben, zeigt z. B. ein spontanes Musikprojekt, das sich in den Sommerferien zwischen unserem Choreografen und den bereits auf FRANKLIN lebenden Kindern ergeben hat. Sie suchten nach einer Ferienbeschäftigung und beteiligten sich spontan an unserem Programm. Manchmal klopfen auch die Bewohnerinnen und Bewohner beim Spazierengehen spontan bei uns an, um sich mit uns auszutauschen oder eigene Ideen einzubringen. Erst kürzlich hat sich eine Rentnerin, die sich ehrenamtlich für den Naturschutz einsetzt, dazu bereit erklärt, unseren Innengarten zu gestalten, für den wir bis dato noch keine Zeit hatten. Daraus ist ein kleines Projekt entstanden, dessen Leitung nun in ihren Händen liegt: Geplant ist ein Gemeinschaftsgarten für die FRANKLIN-Bewohner samt Bienen etc. Unter unseren vielen Mitgliedern gibt es immer jemanden, der zu einem bestimmten Thema passt. Hierdurch entstehen wunderbare Begegnungen und Projekte.

 

Mannheim ist eine Stadt mit 170 Nationen. Bietet die Stadt aufgrund der Vertrautheit mit Vielfalt daher bessere Voraussetzungen für eine erfolgreiche Integrationsarbeit?

Die Mannheimer mit Migrationsbiografie haben im Laufe ihres Lebens meist auch noch in anderen deutschen Städten gelebt oder haben Familie und Bekannte woanders. Als „Mannheimerin mit Migrationsbiografie“ wird man in der Stadt schnell als „Mannheimerin“ akzeptiert, d. h. meine Migrationsbiografie wird gar nicht thematisiert à la „Aber du oder deine Eltern kommen doch nicht ursprünglich von hier?“. Das unterscheidet Mannheim drastisch von vielen anderen deutschen Städten. Darüber hinaus ist der Rechtsdruck in Mannheim überschaubarer als in anderen Städten. Auch die Stadtverwaltung und die Mannheimer selbst sind uns und unserer Vereinsarbeit glücklicherweise mit viel Zuspruch und wenig Kritik oder gar Ablehnung begegnet.

 

Was wünschen Sie sich für die Zukunft des Vereins v. a. auch hinsichtlich der Rahmenbedingungen? Mit dem Ehrenamt werden Sie irgendwann an Ihre Grenzen kommen.

Dass wir den Verein gegründet und unsere Arbeit aufgenommen haben, bevor wir finanzielle Unterstützung beantragt haben, war sicherlich ungewöhnlich. Der Vorteil bestand darin, dass wir unsere Arbeit niemals rechtfertigen mussten. Nun könnte uns unsere Eigenständigkeit zum Verhängnis und argumentiert werden, dass wir keine Fördergelder benötigen – unsere Arbeit funktioniert ja gut. Dennoch sieht es hinter den Kulissen anders aus: Wir sind nur erfolgreich, weil wir viel Kraft, Energie und Aufwand in unseren Verein investieren. Um die Arbeit des Vereins auf eine professionelle und nachhaltige Ebene zu heben, können wir langfristig nicht ausschließlich auf ehrenamtliche Tätigkeit bauen. Dann würde der Verein scheitern und dafür ist unsere Arbeit viel zu wertvoll. Bezüglich einer finanziellen Unterstützung befinden wir uns derzeit mit der Stadt und verschiedenen Kooperationspartnern im Gespräch. Ich hoffe, dass wir einen gemeinsamen Weg finden, unsere Vereinsarbeit langfristig zu sichern.

 


BAREN ALPAYCI

Die Mannheimerin kommt aus der heute Autonomen Region Kurdistan im Nordirak. Sie wurde 1989 während der Anfal-Operation (Massenverfolgung/Ermordung von Kurden im Irak) in einem UNICEF-Flüchtlingslager geboren. 1996 ist sie mit ihrer Familie nach Deutschland geflüchtet. Sie studierte Politikwissenschaften und arbeitet heute als Beamtin in der Verwaltung. Ihre gesamte Freizeit verbringen sie und ihre Familie fast ausschließlich mit ehrenamtlichem Engagement im Interkulturellen Haus Mannheim.

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