SELBER MACHEN: DIE PORZELLANSTADT SELB IM AUFWIND

© Florian Miedl

Als die Porzellanindustrie in den 90er Jahren in die Krise schlitterte, verlor die Stadt an der tschechischen Grenze Tausende von Arbeitsplätzen und in den Folgejahren rund 6.000 Einwohner. Leerstand war eine Folge des Desasters. Aus einem Zustand allgemeiner Ratlosigkeit heraus gründete sich 1995 die Bürgerinitiative „Aktive Bürger“, um in der Stadtpolitik mitzuwirken. Mit zwei Stadträten zogen sie 1996 in das 24-köpfige Stadtparlament ein. Inzwischen stellen die Aktiven Bürger acht Stadträtinnen und Stadträte und seit 2013 den Oberbürgermeister. Nachdem die Einwohnerzahl 2010 auf 15.000 Einwohner abgesackt war, nimmt die Bevölkerung langsam wieder zu.

Die Bürger mitzunehmen und ihnen Gehör zu verschaffen – das ist den Aktiven Bürgern wichtig. So wurde eine öffentliche Bürgersprechstunde bei den Stadtratssitzungen etabliert. Im Rahmen der Entwicklung eines Masterplans für die Innenstadt sind die Selber in zahlreichen Foren und Arbeitskreisen beteiligt. Unter anderem geht es dabei um Verkehrsplanung, um Wohnformen oder um Fassadengestaltung. In einem leerstehenden Geschäftshaus entstand ein Bürgerbüro, in dem Oberbürgermeister und Stadtverwaltung regelmäßig über den aktuellen Stand der städtischen Projekte informieren. Das Format nehmen die Menschen gern an. Zudem wurden inzwischen zwanzig Projekte mit Höchstförderung für den Umbau der Stadt auf den Weg gebracht. Voraussetzung dafür war die Konsolidierung des Haushalts der einst verschuldeten Stadt. Glücklicherweise gelang dies mithilfe der Bayerischen Staatsregierung.

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Das Miteinander in der Stadt liegt den Aktiven Bürgern besonders am Herzen. Daher zogen JAM – „Jugend & Alt miteinander“ und das Familienzentrum FAM gemeinsam in ein modernes Stadthaus. Auf Initiative des Oberbürgermeisters gründete Selb einen Jugend- und einen Seniorenbeirat. Der Seniorenbeirat wiederum eröffnete jüngst ein Reparatur-Café, veranstaltet einen Tanzkurs, bietet einen Seniorenmittagstisch an und beteiligt sich rege am städtischen Leben. Ein sponsorenfinanzierter Seniorenbus ermöglicht es den älteren Selbern, kostenfrei eine Einkaufsrunde durch Selb zu drehen. Doch auch die Jugend kommt in Selb auf ihre Kosten. Events wie ein „Winter Wonderland“ oder die „Movie Nights“ konnten nur mit dem engagierten Jugendbeirat organisiert werden. Für die Jugendlichen entstanden ein „Pumptrack“ und ein „wavegarden“. Beide wurden mit Spenden umgesetzt, denn Rückhalt und Begeisterung in der Stadtgesellschaft sind groß. Das Jugendtaxi wurde von den Aktiven Bürgern auf den Weg gebracht und heißt nun „Fifty-Fifty-Taxi“. An Wochenenden werden Jugendliche für den halben Fahrpreis nachts nach Hause gefahren. In einem zentral gelegenen Leerstand ist der neugegründete Verein „SelbKultur“ eingezogen. Vorsitzende ist eine Aktive-Bürger-Stadträtin. Hier wird ausgestellt, gemalt, gebastelt, gelesen und musiziert. Das hat Magnetwirkung entwickelt. Inzwischen bieten hier auch fünf Selber Künstlerinnen ihre Produkte zum Verkauf an und organisieren Workshops. Es ist kulturelles Leben in das ehemalige Geschäftshaus eingezogen.

Als 2018 das Selber Kino seine Pforten schloss, waren es die Aktiven Bürger und ihr Oberbürgermeister, die schnell reagierten. Die Stadt kaufte das Kino, um es umzuwandeln. Fernab vom kommerziellen Kino entsteht jetzt – gefördert vom Freistaat Bayern – etwas Neues. Das Konzept des Kinos basiert auf der Idee, dass die Selber ihr Kino aktiv mitgestalten. In einem öffentlichen Workshop wurde gebrütet: Was kann das Kommunale Kino für Privatpersonen, Unternehmen, Vereine und Institutionen leisten und was können diese für das Kino tun? Nach dem barrierefreien Umbau wird das Kino 2021 starten und den „Grenzlandfilmtagen“ wieder eine Heimat bieten.

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Eines haben die Aktiven Bürger in Selb verstanden: Nur Geld fordern, stößt bei den staatlichen Stellen nicht auf Begeisterung. Sie entwickeln eigenständige Ideen und bohren im großen Stil Fördertöpfe für die Umsetzung an. Das honorieren die Geldgeber. Auf zwei Ereignisse freut sich die Stadt besonders: 2023 werden die Bayerisch-Tschechischen Freundschaftswochen in Selb und der tschechischen Nachbarstadt As stattfinden. Auch hier fließen Fördermittel in zweistelliger Millionenhöhe. Spätestens 2022 wird in Selb eines der fünf größten Outlet-Center Deutschlands komplett fertiggestellt sein. Dazu passt der Leitspruch des Oberbürgermeisters für die „Mitmach-Stadt“: „Gutes machen wir Selber“. Oder der Netz-Hashtag seiner Aktiven Bürger: #wirliebenselb.

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