WHERE TIME STANDS STILL – WELCOME TO ASMARA

© Edward Denison

Wenngleich der Begriff „moderne Architektur“ große Namen wie Walter Gropius, Le Corbusier und Co. ins Gedächtnis ruft, stehen einige der wohl interessantesten Beispiele modernistischer Architektur nicht in Europa, sondern in Afrika. Rund 7.000 km von Deutschland entfernt gleicht eine Fiat-Tagliero-Tankstelle mit ihren beiden „Flügeln“ an ihren Gebäudeseiten und ihrem runden Balkon einem Flugzeug, das aussieht, als wolle es gleich von der Startbahn abheben. Dieser spektakuläre, futuristisch anmutende Baukörper ist nur einer von vielen in Asmara. Die Hauptstadt des ostafrikanischen Staates Eritrea ist die erste modernistische Stadt, die in ihrer Gesamtheit im Juli 2017 in die UNESCO-Welterbeliste aufgenommen wurde.

© Edward Denison

Von italienischen Bauherren während der Kolonialzeit zwischen 1893 und 1941 errichtet, entstand hier ein urbanes Ensemble moderner Architektur, das bis heute vollständig erhalten ist. Doch nicht nur der in Italien bevorzugte Rationalismus ist in Asmara zu finden, sondern auch der deutsche Bauhaus-Stil und der Futurismus. Während einige Regierungsgebäude mit ihren weißen Rundungen stark an die Weiße Stadt in Tel Aviv erinnern, wecken kastenförmige Häuser Assoziationen an die Stuttgarter Weißenhofsiedlung. Auch einzigartige Fusionen europäischer und afrikanischer Architekturfindet man in Asmara. Die 1938 erbaute orthodoxe Kathedrale Enda Mariam kombiniert z. B. Bauweisen, wie sie in Ostafrika üblich sind, mit modernistischen Elementen. In den 1930er Jahren galt Asmara als eine der modernsten Metropolen Afrikas. Breite Boulevards führten durch die Stadt, gesäumt von prachtvollen Blumenbeeten. Kaum vorstellbar, dass es zu dieser Zeit in Asmara mehr Ampeln gab als in Rom und die Stadt sogar eine 75 km lange Seilbahn hatte, die Küste und Zentrum miteinander verband. Daneben Schwimmbäder, Golfplätze, Pferde- und Autorennbahnen, florierende Geschäfte, Bars und Restaurants.

© Edward Denison

Heute wirkt „La piccola Roma“ bzw. „Afrikas Miami“, wie Asmara wegen der vielen Art-deco-Gebäude auch gerne genannt wird, fast surreal in einem Land, das seit seiner Unabhängigkeit von Äthiopien im Jahr 1993 als Nation mit einer der repressivsten Regierungen der Welt gilt und gerne auch als Nordkorea Afrikas bezeichnet wird. „Asmara fühlt sich an wie eine Stadt der 1930er und 1940er Jahre“, erklärt Edward Dension, Fotograf und Architekturdozent am University College London (UCL). Dass in Asmara die Uhren still stehen, liegt vor allem daran, dass die Stadt nach dem Zweiten Weltkrieg kaum weiterentwickelt und im Jahr 2000 ein Bauverbot zum Schutz der Gebäude verhängt wurde. Obgleich südlich der Sahara moderne Städte aus dem Boden sprießen, erscheint der Beschluss, Asmara in den „Dornröschenschlaf“ zu versetzen, als durchaus sinnvoll. Denn anders als in anderen afrikanischen Städten verweisen die Gebäude nicht als Mahnmal auf die verhasste Kolonialherrschaft, sondern stehen stellvertretend für die eritreischen Intellektuellen der damaligen Zeit. „Trotz kolonialer Prägung wurde Asmara in die eritreische Identität integriert und wurde während des Kampfes für Selbstbestimmung sehr bedeutend“, erläutert die UNESCO. Gleichsam hatte der Wunsch, Asmara erhalten zu wollen, wenig mit Nostalgie zu tun: „Die Motivation für die UNESCO-Bewerbung war nicht der Wunsch, die Geschichte zu erhalten, sondern das Verlangen, die Stadt zu entwickeln, indem man die Besonderheiten bewahrt“, erklärt Dension.

© Edward Denison

Kritische Stimmen merken an, es handle sich bei den Bauwerken um Provinzausgaben der jeweiligen Baustile. Bestenfalls seien die Namen der Architekten der Meisterwerke bekannt, die in der weiteren Architekturgeschichte jedoch keine Erwähnung mehr finden. Wer allerdings selbst die sandigen Straßen Asmaras entlangspaziert, der sieht und spürt, warum die Innenstadt mehr als würdig ist, den Titel „Weltkulturerbe“ zu tragen.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.