MARRAKESCH: STUDIO BELEM ENTWIRFT DAS ASWAR EL BEYT

Inspiration für den Entwurf

Verschiedene gesellschaftliche Zusammenhänge beeinflussten die Überlegungen des Büros. Das sich neu etablierende Phänomen des Home-Office war mitunter Kern des Entwurfsgedanken. Ist die Arbeit von zuhause aus zukunftsfähig und welche Kriterien muss ein solches Zuhause dann erfüllen? Auch das Bild der traditionellen marokkanischen Familie ist im Wandel. Eine komplexere Betrachtungsweise des familiären Zusammenlebens erfordert komplexere planerische Ansätze. Junge Menschen entscheiden sich für mehr Unabhängigkeit und ältere möchten aktiver an der Gemeinschaft teilhaben können. Wie lassen sich alle Bedürfnisse in einem Ort vereinen, der eine lebendige urbane Gemeinschaft entstehen lässt? Die vielseitige Betrachtung der bestehenden Verhältnisse und deren Potenziale verleitete das Büro zu einem Design, das von hoher Flexibilität geprägt ist.

Das städtebauliche Konzept

© Studio Belem

Die Grundlage des Entwurfsgedanken bildet die Rückbesinnung auf die Medinas – die Altstädte nordwestafrikanischer Städte. Kleine Gassen werden zu Begegnungsorten und formen ein natürliches Stadtgefüge. Das städtebauliche Konzept des Aswar El Beyt wurde für ein ca. 10ha großes Quadrat entwickelt und bildet die Makroeinheit einer Stadt. Es greift den Ursprung der Medinas auf und sieht die kontinuierliche Addition einer organischen Struktur vor. Die Labyrinth-artige Wegeführung reiht die einzelnen Gebäudekomplexe aneinander und organisiert sich um eine soziale Mitte. Wie in den Medinas findet das öffentliche Leben in den vielgestaltigen Zwischenräumen und kleinteiligen Wegebeziehungen statt. Der motorisierte Individualverkehr verläuft außerhalb, wodurch ein emissionsfreier Bereich für Fußverkehr und Mikromobilität im Inneren des Quartiers entsteht. Jede Makroeinheit verfügt über kollektive Einrichtungen. Somit wird das Aswar El Beyt zur Stadt der kurzen Wege, die im direkten Umfeld den Zugang zu kulturellen, sozialen und infrastrukturellen Einrichtungen sowie zu Geschäften, Sport- und Grünanlagen ermöglicht. Die Bebauungsdichte und –höhen sind im zentralen Bereich am höchsten und nehmen hin zu den Peripherien ab. Es ergibt sich ein atmosphärischer Wandel, der verschiedene Wohnformen und somit eine soziale Diversität begünstigt. Die inneren Wohnungen sind von lebendiger Urbanität geprägt während die Stadtvillen am Rande einen ruhigeren Wohncharakter bieten.

Das architektonische Konzept

Die einzelnen Gebäudekomplexe organisieren sich um einen gemeinschaftlichen Innenhof, der den Bewohner*innen zur Verfügung steht und von halb-öffentlichem Charakter ist. Die äußere Fassade zur Stadt bildet eine 4 Meter entfernte Steinkonstruktion, die eine atmosphärische Trennung zwischen dem privaten und dem öffentlichen Raum herstellt. Das Pendant ist eine zugängliche Holzstruktur zu den Innenhöfen, die in Form von Balkonen und Terrassen als zusätzlicher Begegnungsort fungiert. Das Erdgeschoss ist für öffentliche Nutzungen vorgesehen – Vélo-Stationen, Kantinen, Sport Areas usw. werden zu Gemeinschaftsorten des Quartiers und beleben den Raum. Die Wohnungen gliedern sich in die Wohnmodule R und die Arbeitsmodule O. Der flexible Raum des R-Moduls lässt den Bewohner*innen jegliche Gestaltungsfreiheiten – er ist reversibel und hybrid und passt sich somit allen Nutzungen an. Eingebaute Möbel können ausgeklappt oder verstaut werden und ermöglichen die intelligente Doppelnutzung des zur Verfügung stehenden Raumes. Das O-Modul bildet den Home-Office Bereich jeder Wohnung. Er lässt sich je nach Bedarf mit der restlichen Wohnung verbinden und verfügt über den Zugang zu den Terrassen im Innenhof. Die gemeinsam genutzten Freiräume werden zum Ort des privaten sowie beruflichen Austauschs. Die Gebäudekubatur bricht in den Obergeschossen auf und erschließt Räume für Dachgärten, Yoga-Bereiche und Spielplätze.

© Studio Belem

Nachhaltigkeit im Aswar El Beyt

Im Hinblick auf die Bauweise des Aswar El Beyt verfolgte das Studio Belem einen nachhaltigen Ansatz. Lokal vorhandene Materialien werden simpel verbaut und ermöglichen somit die kontinuierliche Erweiterung der Struktur. Bei der Verarbeitung wird auf einen effizienten Verbrauch der Ressourcen, der Energie und der Grünflächen wertgelegt. Eine natürliche Belüftung und die Rückgewinnung der Wärme für die Beheizung der Gewächshäuser spart künftig auch während der Nutzung Energie. Das Regenwasser wird gesammelt und zur Bewässerung der Gärten verwendet.

Das Aswar El Beyt eröffnet eine neue Form des sozialen Miteinanders in urbanen Räumen. Generationsübergreifend entsteht eine Gemeinschaft, die gegen die Anonymität in der Großstadt wirkt und das Teilen von Raum als neue Qualität anerkennt.

© Studio Belem


Bilder im Slider: © Studio Belem

Der Beitrag basiert auf einer Kurzmeldung aus der polis REBIRTH.

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