KAI-UWE HIRSCHHEIDE: WOLFSBURG SETZT AUF ZUKUNFTSFÄHIGE STRUKTUREN

© Janina Snatzke

Inwieweit ist Wolfsburg besonders mutig, wenn es um das Umsetzen und Planen großer Projekte geht? Verspüren Sie hier ein besonderes Selbstbewusstsein?

Der Blick auf die Stadt und ihre Entwicklungen, insbesondere die der letzten 20 Jahre, zeugen durchaus von einer besonderen Portion Mut. Die Entwicklungen im Allerpark mitsamt all ihrer Komponenten etwa, aber auch einzelne Bauwerke wie das phaeno Science-Center, beweisen die Bereitschaft der Stadt Wolfsburg, neue Wege zu gehen und auch eine Offenheit und Akzeptanz gegenüber außergewöhnlicher Architektur. Alleine aufgrund ihrer noch jungen Stadtgeschichte, die stark an die Entwicklung des Volkswagen-Werks gekoppelt ist, ist die Stadt prädestiniert für zukunftsgerichtete Entwicklungen. Innovation spielte immer eine maßgebliche Rolle.

Wolfsburg ist mit 80 Jahren Stadtgeschichte eine der jüngsten europäischen Stadtgründungen und entsprechend von modernem, zum Teil experimentellem Städtebau geprägt. Welche Rolle spielt der Erhalt dieser Baukultur für Sie?

Eine Stadt und auch ihre Stadtgesellschaft müssen sich ihrer Vergangenheit bewusst sein. Wolfsburg ist durch den modernen Städtebau der letzten 80 Jahre geprägt, der zu großen Teilen auch noch in seiner Reinkultur erhalten ist. Dadurch wird die Geschichte des Städtebaus gut sichtbar und die Strukturen der einzelnen Epochen dementsprechend nachvollziehbar. Der Erhalt dieser vorhandenen Strukturen ist demnach ein wichtiger Aspekt. Dennoch müssen auch diese Strukturen zukunftsfähig sein und sich dahingehend zukunftsfähig weiterentwickeln. Wir können die vorhandene Baukultur also durchaus verändern, sollten uns jedoch stets der Qualitäten bewusst sein.

Vor knapp 20 Jahren wurde das Forum Architektur gegründet, um Wolfsburg als Architekturstadt zu profilieren. Gelingt das erfolgreich?

Die Tatsache, dass die Stadt Wolfsburg maßgeblich durch einen modernen Städtebau bzw. moderne Architektur geprägt ist, bildete 2001 die Grundlage für die Gründung des Forums Architektur. Zu dieser Zeit wurde Baukultur nicht mit modernen Bauten in Verbindung gebracht, sondern setzte in früheren Epochen an. Das Forum Architektur sollte den Menschen ins Bewusstsein rufen und ihnen vermitteln, dass auch moderne Architektur sowie moderner Städtebau ihre Qualitäten mit sich bringen. Dieses Bewusstsein war vor knapp 20 Jahren noch nicht ausgeprägt.
Heute schätzen die Wolfsburger*innen den Städtebau in ihren jeweiligen Stadtteilen viel mehr, haben einen positiven Bezug zu ihm und sind sich den mit der modernen Architektur einhergehenden Qualitäten des Wohnens gewahr geworden. Insofern hat sich das Forum Architektur mit seiner inhaltlichen Ausrichtung durchaus bewährt.

Durch ihre späte Gründung im 20. Jahrhundert konnte die Stadt nach den Idealvorstellungen eines punkt-axialen Systems errichtet werden, das noch heute die Basis für das stadt- und raumordnerische Leitbild der Bundesrepublik bildet. Inwieweit ergeben sich daraus heute Vorteile?

Das ist genau das Thema, das sich am Beispiel der Stadt Wolfsburg sehr gut diskutieren und veranschaulichen lässt. Die Stadt wurde sehr bewusst planerisch gegründet und strukturiert sich entsprechend in ablesbare Einheiten aus Stadtteilen und Quartieren, die sich hinsichtlich ihrer Lebensqualitäten auch noch einmal unter beispielsweise ökologischen Gesichtspunkten differenzieren lassen. Diese klare Ausrichtung auf lineare Strukturen stellt heute durch entsprechende Verdichtungsmaßnahmen in den entscheidenden Bereichen durchaus einen Mehrwert dar. Hinzukommt das Thema der Versorgung: Durch die linearen Strukturen kann eine unmittelbare Verdichtung innerhalb der Quartiere konkret auf die vorhandene Versorgungssituation ausgerichtet werden. In einer weniger linear strukturierten Stadt lässt sich eine infrastrukturelle Versorgung schwieriger planen und auf die Gesamtstadt ausrichten, als es in Wolfsburg dank der vorhandenen, klaren Struktur jetzt möglich ist.

Für Sie als Stadtplaner doch besonders spannend, oder?

Das ist sicherlich genau der Reiz, den die Stadt Wolfsburg für Planer*innen ausmacht. Zum einen ist Wolfsburg eine sehr junge Stadt, die über ein großes Entwicklungspotenzial verfügt. Zum anderen ist Wolfsburg gerade aufgrund dieser kurzen Geschichte von einer besonderen Offenheit geprägt, wenn es um Neues und Experimentelles geht. Als Stadtplaner*in werden einem hier Möglichkeiten geboten, die in anderen Städten nicht vorhanden sind.

© Lars Landmann

Inwieweit hat man als Stadtbaurat in einer recht übersichtlichen Stadt wie Wolfsburg besonderen Respekt vor einer großen (Quartiers-)Entwicklung wie der, die derzeit am Nordkopf stattfindet?

Ich würde hier nicht von Respekt sprechen, sondern viel mehr von einer ziemlich großen Herausforderung und Chance mit Blick auf Größe, Lage und Entwicklungsperspektive, die uns an dieser Stelle geboten wird. Sofern man sich dieser Chance gewahr ist, verliert man auch den vermeintlichen Respekt vor ihr und setzt alles daran, den größtmöglichen Nutzen aus ihr zu ziehen: für die Menschen in dieser Stadt, für Volkswagen und die gesamte Entwicklung der Stadt innerhalb der Region. Das ist ein hoher Anspruch, den wir hier verfolgen, aber auch ein entsprechender Anreiz, diesem gerecht zu werden.

Manch einer behauptet, dass zwischen Stadt und Volkswagen eine (räumliche) Zweiteilung besteht, die sich nur schwer aufheben lässt. Wie sehen Sie das?

Die Trennung zwischen Volkswagen-Werk und der Kernstadt ist der damaligen Gründung geschuldet und wurde traditionell bewusst so geplant, damit die Funktionen Wohnen und Arbeiten klar voneinander getrennt sind. Heute wird das Zusammenspiel der Nutzungen Wohnen und Arbeiten völlig anders gedacht und gelebt: statt getrennt, werden sie miteinander vernetzt und verschnitten. An dieser Stelle wird uns jetzt die Chance geboten, unter städtebaulichen Gesichtspunkten eine Entwicklung mit verknüpfender Wirkung vorzunehmen. Auf diese Weise gelingt uns zukünftig auch physisch eine Vernetzung zwischen Arbeiten und Wohnen beziehungsweise zwischen der Stadt und dem Volkswagen-Werk. Diese Vernetzung wird zum Teil bereits gelebt, spiegelt sich aber städtebaulich noch nicht genügend wider.

Vitale öffentliche Räume ersetzen zunehmend den Einzelhandel als Motor für unsere Innenstädte. Inwieweit lässt sich das auch auf die Stadt Wolfsburg beziehen? Welchen Entwicklungen, die gerade im Stadtzentrum passieren, sehen Sie besonders zuversichtlich entgegen?

Ich bin davon überzeugt, dass der stationäre Handel weiterhin seine Berechtigung hat. Das unmittelbare Erlebnis des Einkaufens vor Ort weist eine völlig andere Qualität auf als das Online-Shopping. Dennoch muss der stationäre Handel sich zukünftig anders profilieren, um weiterhin existieren zu können. Hier bestehen ja bereits gute Lösungen, die stationären und digitalen Handel klug miteinander verbinden. Der stationäre Handel muss langfristig das Digitale anbieten, um sich am Markt halten zu können. Gleichzeitig wird eine entsprechende Aufwertung des öffentlichen Raumes, wie wir es beispielsweise bereits auf der Porschestraße getan haben, unabdingbar für das Bestehen vitaler Innenstadtzentren sein. Neben der optischen Aufwertung werden hier insbesondere auch die Vernetzung von Plätzen und ein entsprechendes Wegeerlebnis zukünftig eine noch größere Rolle spielen. Diesen Aufgaben nehmen wir uns auch im Rahmen der Neuentwicklungen am Nordkopf und an der Nordhoffstraße, in Verbindung mit der weiteren Innenstadt, verstärkt an.

Wie ist es um die Bildungslandschaft in Wolfsburg gestellt? Steht die Stadt hier nicht immer auch im Schatten von Braunschweig, dem Hochschulstandort?

Die Stadt Wolfsburg ist, was das Thema Bildung angeht insgesamt – allen voran was die Versorgung mit KiTas, Kindergärten und Schulen betrifft – sehr gut aufgestellt. Gerade im Hinblick auf die Frage der Standortqualitäten der Stadt ist das ein wesentlicher positiver Aspekt. Hinsichtlich des lebenslangen, berufsbezogenen Lernens kann die Stadt nicht mit einer klassischen Universitätsstadt konkurrieren. Durch die Nähe zum klassischen Universitätsstandort Braunschweig kann es hier immer nur eine komplementäre Betrachtung geben. Wir konzentrieren uns mit der Ostfalia-Hochschule, die diverse Standorte in der Region hat, in Wolfsburg vor allem auf den Fachbereich der Fahrzeugtechnik, der entsprechend eng mit den wirtschaftlichen Ausrichtungen der Stadt verknüpft ist. Diesen Bereich werden wir in Zukunft noch stärker qualifizieren und weiterentwickeln, um auch langfristig eine sinnvolle Ergänzung zu Braunschweig zu bilden. Um gefragte Fachkräfte von Anfang an an Wolfsburg zu binden, gibt es zudem Studiengänge im Bereich Wirtschaft sowie Gesundheitswesen vor Ort. Da fähige Köpfe für die Digitalisierung der Lebensbereiche gefragt sind, beginnt im Jahr 2021 mit der 42 Wolfsburg eine innovative Programmierschule ihren Betrieb am Nordkopf. Unter diesen Gesichtspunkten kann die Stadt aus den eigenen Qualitäten heraus ihre Einmaligkeit entwickeln, ohne die Betrachtung der eigenen Ausrichtung innerhalb der Region außer Acht zu lassen.

Sie sagen, dass Sie vor allem für die Menschen arbeiten und deren Zufriedenheit hier in Wolfsburg das höchste Gut ist. Wie erreichen Sie diese Zufriedenheit?

Diese Frage ist mit einem sehr hohen Anspruch verbunden. Natürlich kann ich keine Zufriedenheit in vollem Umfang garantieren. Sobald wir die Stadt weiterentwickelt haben und Projekte angestoßen werden, werden auch die kritischen Stimmen aus der Gesellschaft laut, mit denen es entsprechend umzugehen gilt. Unser Anspruch ist es, die Menschen im Zuge aller Planungen, die wir in der Stadtentwicklung unternehmen, abzuholen und verständlich unsere Absichten und Ziele zu vermitteln. Ich bin davon überzeugt, dass eine hohe Transparenz und entsprechend hohe Präsenz der Stadtentwicklungsthemen sehr wichtig und entscheidend für ihren langfristigen Erfolg sind. Stadtentwicklung ist nicht erfolgreich, wenn sie hinter verschlossenen Türen stattfindet. Im Vergleich zu anderen Städten setzen wir hier sehr stark auf die Themen Bürger*innen-Information und -beteiligung, um die Menschen mitzunehmen. Durch die Einschränkungen, die die Corona-Pandemie dahingehend nun mit sich bringt, müssen wir aktuell neue, kombinierte Formate denken. Natürlich hoffe aber auch ich, dass der persönliche Kontakt bald wieder verstärkt möglich sein wird. Ich unternehme regelmäßig Stadtrundgänge mit interessierten Bürger*innen, bei denen wir uns zu einem bestimmten Thema widmen. Dieses Format hat nicht zwangsläufig zum Ziel, schlussendlich alle Beteiligten zufrieden zu stellen, sondern es geht schlicht und einfach darum, ganz bewusst den offenen Dialog zu suchen und verständlich zu vermitteln, was genau hinter einer bestimmten Planung steckt.

Sie sind gut drei Jahre im Amt. Was sind Ihre persönlichen Meilensteine bislang? Worauf freuen Sie sich in Zukunft besonders?

Die Entwicklung des Nordkopfes und die Masterplanung für die Nordhoffachse sind sicherlich zwei große Meilensteine. An diesen Punkten neue Entwicklungen generieren zu können, ist einfach eine große Chance und hier sind wir planerisch und konzeptionell sehr weit gekommen. Die Entwicklung wird einen weiteren großen Gewinn für die Stadtgesellschaft mit sich bringen. Nach der Behandlung durch den Rat im Dezember widmen wir uns gemeinsam mit den Projektbeteiligten der Umsetzung. Und auch wenn die Masterplanung Nordhoffachse keine auf den ersten Blick greifbare Entwicklung, wie die eines vorzeigbaren Neubauprojektes, ist, so ist das Projekt gerade im Hinblick auf seine Vielschichtigkeit und die planerische Auseinandersetzung mit verschiedenen Themen von langfristig positiver Ausstrahlung auf die gesamte Stadt geprägt. Ich freue mich, dass wir hier in den letzten Jahren einige Schritte weitergekommen sind. Insbesondere die Entwicklung der Nordhoffachse ist für mich ein Thema, mit dem ich mich immer stark identifiziert habe.

© NEULAND Wohnungsgesellschaft mbH

Und kleinere Meilensteine?

Auch wenn es sich dabei nicht um einen kleinen Meilenstein handelt, so war das Thema der Wohnentwicklung beziehungsweise die Wohnbauoffensive in den letzten Jahren natürlich ebenfalls sehr prägend. Das bestätigt auch der Blick auf die verschiedenen Wohngebiete, die wir in den letzten Jahren in Wolfsburg projektiert und in vergleichsweise kurzer Zeit entwickelt haben. Mit Blick auf die vielseitigen inhaltlichen Ansätze innerhalb der Projekte war dies durchaus eine bemerkenswerte Leistung. Beispiele wie das Wohnquartier Hellwinkel Terrassen, das wir als Stadt selbst entwickeln, lassen schon heute deutlich erkennen, dass neben Quantität vor allem auch die Qualität im Vordergrund steht. Der hohe Anspruch, den wir von Anfang an bei der Entwicklung des Quartiers verfolgt haben, ist heute vor Ort baulich ablesbar und findet positive Resonanz bei den Menschen, die dort wohnen.

Welche Rolle spielen die Akteurskonstellationen innerhalb der Stadt für den Erfolg der genannten Entwicklungen? Ich habe durchaus das Gefühl, dass in der Stadt sehr viel Hand in Hand und auf kurzem Wege zusammen an einem Strang gezogen wird.

Dies ist sicherlich auch ein Vorteil einer Stadt dieser Größenordnung. Hier gibt es den direkten Draht zu den Akteur*innen und den verschiedenen Bereichen tatsächlich. Insbesondere mit Volkswagen verbindet die Stadtverwaltung seit jeher eine enge Zusammenarbeit. Gemeinsam können und wollen wir viele Themen bewegen und verfolgen dabei dieselbe Richtung. Am Ende des Tages geht es uns allen um die Weiterentwicklung der Stadt – für die Menschen in Wolfsburg und der Region. Aber auch für solche, die neu nach Wolfsburg kommen. Wir möchten diesen Menschen hochwertige Lebensverhältnisse anbieten können, wovon auch Volkswagen profitiert. Gäbe es die inhaltliche Ausrichtung durch die direkte Nähe zu Volkswagen nicht, dann wäre die Stadt in ihrer Entwicklung sicherlich nicht so weit, wie sie es jetzt ist. Auch die Arbeit würde weniger Spaß machen, wenn die Interessen der entscheidenden Akteur*innen weiter auseinander lägen. Insofern ist diese enge Zusammenarbeit ein großer Mehrwert.

Vielen Dank für das nette Gespräch.

 


KAI-UWE HIRSCHHEIDE

ist seit Februar 2017 Stadtbaurat der Stadt Wolfsburg, nachdem er die Leitung des Baudezernats bereits seit September 2016 kommissarisch übernommen hatte. Bis dahin leitete er für die Stadt Wolfsburg seit 2011 den Geschäftsbereich Stadtplanung und Bauberatung. Der studierte Architekt mit dem Schwerpunkt Städtebau und Regionalplanung stammt ursprünglich aus Kassel. Neben Positionen in verschiedenen städtischen Planungsämtern war Hirschheide in seiner beruflichen Laufbahn auch als Projektplaner bei Unternehmen tätig, etwa bei Convent Planung und Beratung in Hamburg oder bei der Bremer Investitionsgesellschaft. Er ist Mitglied in der SRL, der DASL und dem Beirat für Baukultur in Niedersachsen.

 

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