URBAN SEQUOIA – DIE STADT VOR LAUTER BÄUMEN

© SOM l MIYSIS

Wie sehr der Gebäudesektor Teil der gegenwärtigen Klimakrise ist, zeigt sich anhand der 40 % der weltweiten CO2-Emissionen, die auf ihn zurückzuführen sind. Aufgrund des für die kommenden Jahrzehnte prognostizierten Wachstums der Stadtbevölkerung steigt jedoch auch der Bedarf an neuem Wohnraum. Die Notwendigkeit zu Handeln liegt also auf der Hand: Es muss gebaut werden, aber nicht in der Form wie es heute geschieht. Das weltweit tätige Büro Skidmore, Owings & Merril (SOM) hat dazu ein Konzept entwickelt, das nach dem Vorbild natürlicher Ökosysteme Hochhäuser wie Bäume wirken lässt. Urban Sequoia heißt es passenderweise und verweist damit auf die beeindruckend großen und alten Mammutbäume Nordamerikas. Wie diese sollen die Gebäude Kohlenstoff binden, die Luft reinigen und Biomasse produzieren. Und genau wie die bekannten Namensgeber, soll nicht ein Sequoia als singuläres Gebäude entstehen, sondern mit zahlreichen anderen und einer grünen Umgebung zu einer Art urbanem Wald werden.

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Das Konzept setzt bereits bei den Baumaterialien an: Holz, Hanfbeton, Bioziegel und „Biocrete“ verringern den CO2-Fußabdruck des Baus im Vergleich zu Beton und Stahl um 50 %. Nach der Fertigstellung wirken unterschiedliche Strategien zusammen. Wortwörtlich im Mittelpunkt steht die Nutzung des Kamineffekts, der durch einen Hohlraum im Zentrum des Turms und entlang seiner ganzen Höhe produziert wird. Durch ihn wird an mehrgeschossigen Öffnungen in der Fassade die Umgebungsluft angesogen und durch Filterschichten geleitet. Hier binden Algen mithilfe der natürlichen Photosynthese das mitgeführte CO2. Im Rechenbeispiel von SOM kann der Prototyp eines Mammutbaum-Hochhauses bis zu 1.000 t CO2 pro Jahr binden und damit dieselbe Wirkung wie 48.500 Bäume entfalten. Ein Urban Sequoia würde darüber hinaus durch die produzierten Algen so auch zur Quelle von Biomasse, die etwa für die Wärmeversorgung und die Herstellung von Biokraftstoff für Autos und Flugzeuge genutzt werden könnte.

Die Vision von SOM geht jedoch über den Neubau von einzelnen Hochhäusern hinaus. Vielmehr nimmt das Büro die Stadt als Ganzes in den Blick, und empfiehlt, bisher ungenutzte Flächen wie Dächer und Verkehrsflächen zu begrünen und mit derselben Kreislauftechnik nachzurüsten, die bei den Urban Sequoias zur Anwendung kommt. Durch die Umwandlung städtischer Betonflächen in kohlenstoffabsorbierende Landschaften und durch die Nachrüstung von Bestandsimmobilien mit zusätzlicher kohlenstoffbindender Technologie hätte die ehemals graue Infrastruktur das Potenzial, jährlich bis zu 120 t Kohlenstoff pro Quadratkilometer zu binden, so SOM. Es könnten sogar bis zu 300 t Kohlenstoff pro Quadratkilometer werden, sofern die Strategie auch in Parks und bei anderen Grünflächen Anwendung findet. Der so gebundene Kohlenstoff und die Biomasse könnten wiederum zur Herstellung von Biomaterial für Verkehrs- und Versorgungsinfrastruktur verwendet werden.

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Die Tatsache, dass es trotz der beeindruckenden Zahlen immer noch 15 Jahre dauern würde, bis allein die beim Bau eines Sequoia-Hochhauses entstandenen Emissionen ausgeglichen sind, zeigt wie aufwendig Bauen ist. Zweifelsohne lässt sich der Klimawandel also nicht durch eine vermehrte Bautätigkeit revidieren. Dennoch könnte ein Umdenken bei der Materialwahl und mehr Offenheit gegenüber neuen Ansätzen einen positiven Beitrag leisten. Bedenkt man dann noch, dass einige der „echten“ Mammutbäume an die 3.000 Jahre alt sein sollen, hätte ein urbanes Exemplar viel Zeit, seine Wirkung zu entfalten.

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