CLAUDIA WARNECKE: DIE STADT AUF DEN QUELLEN

© Besim Mazhiqi

Sie sind nun bereits seit 2011 im Amt der Technischen Beigeordneten und haben einige Stadtentwicklungsmaßnahmen in Gang gesetzt. Wie hat sich Ihr Bild von Paderborn seit Ihrem Amtsantritt für Sie verändert? An welchen Stellen hat die Stadt Sie vielleicht sogar noch überraschen können?

Vor meinem Amtsantritt kannte ich die Stadt Paderborn tatsächlich kaum. Kennengelernt habe ich die Stadt, die mit ihren mittlerweile mehr als 150.000 Einwohner:innen auch eine wachsende Stadt ist, durchaus als eine bunte und vielfältige Großstadt. Sowohl mit Blick auf die Wirtschaft mit ihren vielen Hidden Champions als auch auf den Städtebau hat Paderborn sich in den letzten Jahren deutlich weiterentwickelt, auch wenn dies meines Erachtens nach von der Öffentlichkeit unbemerkt stattfindet. Ich bin tatsächlich immer wieder überrascht darüber, dass Paderborns Qualitäten nicht entsprechend transportiert werden können und die Stadt stattdessen mit Vorurteilen wie „paderboring“ konfrontiert wird. Die Stadt Paderborn verbindet die Vorteile einer Großstadt mit den Vorteilen einer Lage abseits der Metropolen. Ihre Prosperität spiegelt sich aktuell auch in der Mietpreis- und Grundstückspreisentwicklung wider. Wohnen, Leben und Arbeiten in dieser Stadt ist mit vielen großstädtischen Qualitäten verbunden und trotz steigender Preise weiterhin bezahlbar. Einen entscheidenden Einfluss auf die Entwicklung der letzten Jahre kommt der Universität zuteil. Als ich mein Amt 2011 antrat zählte die Universität 9.000 Studierende, heute sind es rund 20.000. Diese Zahl hat selbstverständlich auch eine Konsequenz für die Atmosphäre in der Stadt. Die Kooperation zwischen Stadt und Universität – auch im Hinblick auf die Stadtentwicklung – hat sich für mich ohnehin als positive Überraschung während meiner Tätigkeit herausgestellt. An dieser Stelle ist natürlich die Zukunftsmeile zu nennen, wo die Stadt in Kooperation mit der Universität und der Wirtschaft die Themen Forschung und Entwicklung vorantreibt. Dort hat sich unter anderem auch das Fraunhofer IEM angesiedelt. Aber auch der Stadtcampus ist ein Projekt, dass das besondere Engagement der Universität in der Innenstadt aufzeigt. Mit den Aktivitäten rund um das Zukunftsquartier auf dem Areal Barker sowie dem Akzelerator.OWL, der in diesem Zuge entstehen soll, können wir darüber hinaus auch zukünftig spannende Entwicklungen erwarten, die aus dieser unterstützenden und vorteilhaften Zusammenarbeit zwischen Stadt und Universität hervorgehen.

Diese Entwicklungen werden die Stadt darüber hinaus sicherlich auch in ihrer städtebaulichen Erscheinung neu prägen, oder?

Auf jeden Fall. Allerdings hat mich insbesondere das städtebauliche Erscheinungsbild der Stadt nach meinem Amtsantritt durchaus überrascht: Paderborn wurde im Zuge des Zweiten Weltkrieges zu 85 % zerstört. Wer jedoch genau hinschaut, erkennt, dass der städtebauliche Wiederaufbau in der Stadt wirklich als herausragend zu betrachten ist. Im Jahr 2014 haben wir mit dem LWL eine Wiederaufbau-Tagung unter dem Titel „Eine neue Stadt entsteht“ durchgeführt, in der diese Stärke noch einmal entsprechend herausgearbeitet wurde. Ein besonders herausragendes Resultat dessen, was nach dem Zweiten Weltkrieg an Wiederaufbauarbeit geleistet wurde, ist sicherlich das Paderquellgebiet, das Gartendenkmal in der Innenstadt – mit der Flusslandschaft Pader als Pendant. Diese Pendants machen die Stadt für mich besonders spannend. Da ist zum einen die durch die 50er-Jahre geprägte Innenstadt und zum anderen Schloss Neuhaus, der größte Stadtteil Paderborns, der geprägt ist durch Denkmäler aus dem 16. Jahrhundert bis ins späte 19. Jahrhundert. Für diesen Bereich, der im Zweiten Weltkrieg unberührt blieb, erarbeiten wir derzeit eine Denkmalbereichssatzung.

Sie sprachen es bereits kurz an: Auch in der Paderborner Innenstadt ist in den letzten Jahren viel geschehen: Stadtcampus, Königsplätze, Dom- und Marktplatz. Inwieweit ändert sich Ihrer Meinung nach der Blick auf die Qualitäten der Innenstadt vor dem Hintergrund unterschiedlichster Herausforderungen wie Onlineshopping und Corona langfristig?

In diesem Zusammenhang sind nicht nur die Revitalisierung rund um Markt- und Domplatz oder die Königsplätze zu nennen, sondern auch die Weiterqualifizierung des Paderquellgebiets, das eine besondere Bedeutung für die Innenstadt innehat. Grundsätzlich haben wir bereits in der Vergangenheit damit angefangen Vieles richtig zu machen: Wir haben den öffentlichen Raum gestärkt und bauliche Fehlplanungen aus den 70er und 80er-Jahren soweit möglich repariert. Die Paderborner Innenstadt hat heute eine sehr hohe Aufenthaltsqualität. Es herrscht mittlerweile eine hohe positive Dynamik in der Innenstadt, hin zu einer höheren Nutzungsvielfalt, was z. B. die gastronomischen Angebote, aber auch die universitären Nutzungen anbelangt. Alles profitiert voneinander. An einem städtebaulichen Unort, ehemals Standort einer Busstation, konnten wir unter schwierigsten Voraussetzungen die Grundlagen für die Ansiedlung eines Nahversorgers schaffen. Zukünftig werden wir also in einem zentralen Innenstadtbereich eine weitere Ergänzung zum textilen Einzelhandel, der zunehmend vom Onlinehandel bedroht ist, ansiedeln können. Unserem Citymanager ist es zudem gelungen, auch innovative Geschäfte, abseits der Filialisten, nach Paderborn zu bringen. Er stößt – auch in Kooperation mit der Universität – spannende innerstädtische Aktivitäten für die Besucher:innen an. Zukünftig wird es unsere Aufgabe sein, diese Vielfalt an Nutzun- gen weiter auszubauen und Grundstückseigentümer:innen und Betreiber:innen zu motivieren, hier an einem Strang mitzuziehen.

Vor wenigen Tagen wurden Ihnen die Fördergelder vom Stadterneuerungsprogramm des Landes zugesagt. Was ergeben sich daraus zukünftig für besondere Chancen?

Die Förderzusage bedeutet für uns eine konsequente Weiterverfolgung der Digitalisierungs- und Weiterqualifizierungsmaßnahmen der Innenstadt, die wir im Grundsatz bereits mit dem ersten Integrierten Handlungskonzept 2010/11 begonnen haben. Im Hinblick auf die Entwicklung der Königsplätze konzentrieren wir uns zukünftig auf einen weiteren Teilbereich, in dem auch eine Zentrale Omnibushaltestelle als notwendige Infrastruktur für einen zukunftsfähigen ÖPNV entstehen soll. Darüber hinaus wird die Flusslandschaft Pader als wichtiges Alleinstellungsmerkmal kontinuierlich weiterqualifiziert.

Inwieweit können und müssen Maßnahmen der Stadtentwicklung zukünftig denn auch dazu beitragen, junge Menschen auch über ihre Ausbildungszeit hinaus in der Stadt zu halten? Wie kann Paderborn als Wohn- und Arbeitsstandort langfristig überzeugen?

Das Thema Wohnen spielt dabei natürlich eine entscheidende Rolle. Es unterstützt, wenn Studierende schon während ihres Stu- diums geeigneten Wohnraum in der Stadt gefunden haben und hierhergezogen sind. Daran haben wir, auch gemeinsam mit dem Studierendenwerk, in den letzten Jahren kontinuierlich gearbeitet. Aber es ist nicht nur der Wohnungsbau, der hier relevant ist, sondern auch das entsprechende Angebot an Kultur, Gastronomie und Freizeiteinrichtungen. Auch hier ist der Paderauenpark und all die damit einhergehenden Entwicklungen eine enorme Bereicherung und Anziehungspunkt für Studierende. Ein weiteres Potenzial, welches wir jetzt nutzen, um die Stadt auch als attraktiven Standort für junge Menschen zu stärken, sind natürlich die Konversionsflächen. Auf dem innerstädtisch gelegenen Alanbrooke-Quartier entwickeln wir ganz bewusst ein urbanes Quartier mit bezahlbarem Geschosswohnungsbau. Des Weiteren werden wir dort mit einem Kreativquartier endlich einen Ort schaffen, an dem sich die Kreativwirtschaft zusammenfinden und Synergien entwickeln kann. Eine Gastronomie, die in einem der denkmalgeschützten Gebäude unterkommt sowie eine attraktive Parkanlage werden hier ebenfalls eine entsprechende Impulswirkung aufweisen und „junges“ Leben entstehen lassen. Und schlussendlich wird natürlich das Zukunftsquartier, das auf dem Areal Barker geplant ist, als Innovationsquartier eine wichtige Rolle spielen, Absolvent:innen langfristig in der Stadt zu halten.

Mit der Entwicklung der Konversionsflächen bieten sich tatsächlich Entwicklungsmöglichkeiten von unschätzbarem Wert. Aber besteht denn auf Stadtseite nicht auch die Sorge, dass das umfassende Angebot, das jetzt geschaffen wird, nicht auf eine ebenso große Nachfrage stoßen könnte?

Überhaupt nicht. Die Stadtbevölkerung ist in den letzten zehn Jahren um acht Prozent gewachsen – prognostiziert ist eine wei- tere Zunahme in vergleichbarer Größenordnung. Auch der Anteil der jungen Menschen steigt. Die Flächenpotenziale sind ein großes Geschenk für eine Kommune in der Größe Paderborns, da sie bereits gut in das Stadtgefüge integriert sind und sich lediglich in zwei Kilometern Entfernung vom Marktplatz befinden. In Verbindung mit dem Zukunftsquartier, das wir auf der 54 ha großen ehemaligen Kasernen-Anlage Areal Barker entwickeln, möchten wir auch das Paderborner Stadtversprechen einlösen. Dieses überschneidet sich dann wieder mit der Frage danach, was die junge Generation von einer Stadt erwartet. Junge Menschen wünschen sich eine bestimmte Atmosphäre in der Stadt, die schlussendlich durch die entsprechende Mischung aus Nutzungen und baulicher Dichte entsteht. Mit dem Zukunftsquartier wollen wir darauf eine Antwort liefern. Dort werden sich jungen Absolvent:innen, unter anderem auch durch den Akzelerator.OWL, attraktive Möglichkeiten bieten, ihr Start-up zu gründen.

Zum Schluss noch etwas Persönliches: Welcher ist Ihr Lieblingsort in der Stadt?

Das ist natürlich die Flusslandschaft Pader und ganz speziell die Maspernpader mit ihren Quellen, die wir 2018/19 renaturiert haben. Sie liegt mitten in der Innenstadt, unmittelbar an unserer Stadthalle, der PaderHalle – und ist im Grunde genommen auch ein natürlicher Wasserspielplatz und einfach ein hervorragendes Beispiel dafür, wie wir mit unserer Flusslandschaft zukunftsfähig umgehen und die Natur innerhalb des Stadtraums stärken. Das ist insbesondere im Hinblick auf die notwendige Klimaanpassung der einzig richtige Weg. Paderborn ist eben die Stadt auf den Quellen!

Vielen Dank für das nette Gespräch.

 


CLAUDIA WARNECKE

studierte Angewandte Geographie in Trier und an der TU München. Nach beruflichen Stationen in München und Bielefeld ist sie seit 2011 Technische Beigeordnete der Stadt Paderborn. Neben der Umsetzung verschiedener Projekte zur städtebaulichen Weiterqualifizierung der Innenstadt stellt die Konversion der Kasernenstandorte einen wesentlichen Schwerpunkt ihrer Tätigkeit dar.

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