Eine Stadt besinnt sich zurück

„Es wird niemand bedauern, wenn die Innenstadt eine Umgestaltung erfährt“, hoffte der Kieler Stadtbaudirektor Herbert Jensen 1941 und wünschte, „dass es bald und gründlich geschieht“. Leider ging sein Wunsch alsbald in Erfüllung. Nach den schweren Bombenangriffen im Zweiten Weltkrieg lagen die Kieler Alt- und Vorstadt fast vollständig in Trümmern. Der von Jensen als Stadtbaurat dann verantwortete Wiederaufbau sollte die Innenstadt im Sinne der Charta von Athen von 1933 moderner, offener und großzügiger gestalten. Was Diktatur und Bombenhagel in der Altstadt nicht schafften, erledigte der Wiederaufbau: Die Nachkriegsplaner verzichteten auf die Rekonstruktion der Altstadt und gaben sanierungsfähige Bauten und altstädtische Parzellierungen zugunsten unmaßstäblicher Funktionsgebäude weitgehend auf. Altstadtgassen verschwanden, die Altstadt wurde autogerecht. Für das Wohnen war in der neuen Altstadt kaum Platz mehr, weil andere Nutzungen im Vordergrund standen: Kaufhäuser, Parkhäuser, Banken- und Versicherungsgebäude sowie Kultur- und Freizeiteinrichtungen bestimmten den Nachkriegsmix. Gleichwohl galt der Wiederaufbau in den ersten Nachkriegsjahrzehnten als vorbildlich. Aber schon 1986 ließ der damalige Stadtbaurat Hans Bartels wissen: „Kiels Stadtbild ist nicht schön, aber es ist merkwürdig im ursprünglichen Sinne des Wortes.“ Spätestens nach der Jahrtausendwende war der Bedeutungsverlust der Kieler Altstadt nicht mehr zu übersehen. Brachflächen, Leerstände und abendliche Leere, nicht nur auf den zwischenzeitlich ihrer Funktion weitgehend beraubten Verkehrsachsen durch oder entlang der Altstadt, prägten ihr Bild. Die Ideenskizze „Kieler Altstadtinsel“ (2007) und der partizipativ entwickelte Rahmenplan „Perspektiven für die Kieler Innenstadt“ (2009) besinnen sich zurück: Die charakteristische Insellage soll wieder erlebbar und mit Leben gefüllt werden. Funktional und sozial gemischt, von großer Dichte sowie geprägt von einer städtebaulichen und architektonischen Grundhaltung, die Gestaltqualität und Schönheit als Grundbedingungen für eine lebenswerte Stadt versteht. Altstadt kann nur dann wieder als Altstadt wahrgenommen werden, wenn sie sich als stimmiges Ensemble versteht. Die drei bedeutendsten Bauvorhaben in der Altstadt übersetzen den Anspruch in die Wirklichkeit: Im nordwestlichen Teil der Altstadtinsel entsteht zurzeit das neue Wohnquartier „Alte Feuerwache“. Auf Grundlage eines 2008 ausgelobten städtebaulichen Wettbewerbs werden hier 68 Eigentumswohnungen, 50 Studentenwohnungen, sechs Stadthäuser, eine Gewerbeeinheit sowie ein Wohn- und Geschäftshaus an der Falkstraße auf einer bisher als Parkplatz genutzten 6.500 m2 großen Fläche gebaut.

Nur knapp dreihundert Meter weiter ist ein weiteres Vorhaben in Bearbeitung: Die Schlossstraße und die Autoschneise der Eggerstedtstraße im nordöstlichen Teil der Altstadt präsentieren sich mehr als trostlos und fordern zur Stadtreparatur heraus. Ein vorhabenbezogener Bebauungsplan „Schlossquartier“ befindet sich in der Entwurfsphase und verspricht im nächsten Jahr den Start zur Realisierung von weiteren 200 Wohnungen und 1.500 m2 Geschäftsflächen. Die Eggerstedtstraße wird aufgegeben und überbaut. Beide Wohnbauvorhaben besinnen sich auf das historische Straßenkreuz der Altstadt und lassen neue Gassen und Plätze entstehen: Alte Feuerwache, Fischerstraße, Schlossplatz und der Platz des Kieler Friedens von 1814 versprechen den zukünftigen Bewohnern und Besuchern hohe Wohn- wie Aufenthaltsqualitäten. Noch in diesem Jahr erhält die Dänische Straße am Rande des Kieler Klosters einen neuen Klosterplatz.

Das Projekt „Kleiner Kiel-Kanal“ greift die Insellage der Altstadt direkt auf und wird die historische Wasserverbindung zwischen Bootshafen und Kleiner Kiel wiederherstellen, die einst so prägend für die Lage der Altstadt war. Auf Basis eines Wettbewerbsverfahrens soll nun ein 120 m langes und 10 m breites Wasserbauwerk entstehen, an dessen Rändern Stufen und Bänke zum Verweilen einladen, wo heute eine vierspurige Straße die Altstadt von der restlichen Stadt trennt. Spätestens dann dürfte die Kieler Altstadtinsel ein neues Gesicht haben.

Stadt Potsdam
Ansprechpartner
Pia von Zadow
Pia von Zadow Landschaftsarchitekten
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