MICHAEL DINKEL: DIE WOHNFLÄCHEN WERDEN WIEDER SCHRUMPFEN

Deutschland lebt auf großem Fuß – oder zumindest in großen Wohnungen. Wobei sich beides kaum voneinander trennen lässt: Einerseits verfügt der durchschnittliche Deutsche mit 51 Quadratmetern pro Kopf im Vergleich zu den europäischen Nachbarn in Polen, Frankreich oder Österreich über mehr Wohnfläche. Andererseits schrumpft dieser Abstand vor allem in den deutschen Metropolen: Von 40,9 Quadratmetern sank der Wert zwischen 2010 und 2018 auf 39,2, vermeldete jüngst das Statistische Bundesamt. Angesichts steigender Wohnkosten und einer höheren Zahl an Singlehaushalten ist es nicht überraschend, dass sich offenbar immer mehr Menschen entscheiden, doch lieber auf kleinerem Fuß zu leben. Vorbei die Zeiten, in denen die Pro-Kopf-Wohnfläche auch in Städten scheinbar unweigerlich stieg.

HOHE WOHNQUALITÄT AUF KLEINER FLÄCHE

Das muss sie aber auch gar nicht mehr: Anders als häufig behauptet, kann man mit klugen Grundrissen und kreativen Einrichtungslösungen auf kleiner Fläche eine hohe Wohnqualität erzielen. Dennoch verstummt die Kritik an Ein-Zimmer-Wohnungen nicht. Zu klein, zu teuer und zu elitär – sie zerstörten die soziale Struktur der Städte, indem sie die angestammte Bevölkerung verdrängten. Aus meiner Sicht ist diese Argumentation nicht nur falsch, sondern auch kontraproduktiv. Denn an der Tatsache, dass immer mehr Menschen in die Metropolen ziehen, wird sich so schnell nichts ändern. Seriöse Bevölkerungsprognosen sind zwar nur für überschaubare Zeiträume möglich, doch die allermeisten Szenarien sagen ein deutliches Wachstum der deutschen Metropolen in den kommenden Jahrzehnten voraus.

„WEITER SO“ TROTZ BAULANDMANGEL?

Dabei treten sich schon heutzutage die verschiedensten Akteure in Städten wie München, Hamburg und Köln im wahrsten Sinne gegenseitig auf die Füße. Es fehlt schlicht der Platz, um den Bevölkerungszuwachs mit konventionellem Wohnungsneubau auffangen zu können – zumal auch für Gewerbe und Freiflächen neuer Raum benötigt wird. Ich bin mir sicher: Bleibt die Drei-Zimmer-Wohnung mit knapp 80 Quadratmetern und zwei Bewohnern aus Sicht von Politik, Verwaltung und Öffentlichkeit der Maßstab, werden sich die drängendsten sozialen und ökologischen Probleme beim Wohnen nicht lösen. Stattdessen würde ein „Weiter so!“ vor allem den Baulandmangel verschärfen. Und damit die Wohnkosten weiter in die Höhe schrauben.

DIE POTENTIALE KLEINER WOHNUNGEN

Wirklich ärgerlich an der gängigen Kritik ist allerdings, dass sie positive Effekte ausblendet. Denn in vielen deutschen Städten ist längst ein harter Wettbewerb um freie Wohnungen entbrannt. Keine kleinen Wohnungen zu bauen, hilft niemandem, weil sie nicht Ursache des Problems sind. Im Gegenteil leiden gerade die ökonomisch Schwächsten am stärksten, wenn kein neuer Wohnraum entsteht. Kleine Wohnungen sind keineswegs automatisch sozialer Sprengstoff, was ein weiterer Aspekt beweist: Wenn Ältere, die auf eine gute öffentliche Infrastruktur angewiesen sind, in kleinere Wohnungen in den Innenstädten ziehen, werden ihre familienfreundlichen Häuser und Mehrzimmerwohnungen in den Vorstädten frei. Und Familien sind aus meiner Sicht wirklich die einzigen, deren Wohnungen nie groß genug sind.

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