Wachgeküsst

Der alljährliche „Theatersommer“ der Stadt Haag in Niederösterreich zieht rund dreimal mehr Besucher an, als es Einwohner gibt. Binnen weniger Jahre ist die mobile Theaterbühne auf dem Stadtplatz auch überregional zu einem Wahrzeichen geworden. Vor einiger Zeit wäre daran noch nicht zu denken gewesen. Damals diente der zentrale Platz der Stadt lediglich als Parkfläche. Anziehungskraft gleich null. Auch aus touristischer Sicht besaß der Ortskern keine Relevanz mehr und verödete zusehends. Immer mehr Einzelhändler zogen sich resigniert zurück.

Das Beispiel Haag ist kein Ausnahmefall. Viele Gemeinden und Mittelstädte leiden heute unter Landflucht, Überalterung, unter Verödung ihrer Zentren und unter dem Rückzug des lokalen Einzelhandels. Der unaufhaltsame Attraktivitätsverlust lässt wiederum den Zuzug von Menschen und Unternehmen ausbleiben. Doch ein Ausbruch aus der Abwärtsspirale ist möglich, wenn verantwortliche Entscheider neue Akzente setzen. Dabei geht es vor allem um die Beseitigung räumlicher Defizite und die (Wieder-)Belebung von Ortskernen. Allgemeine Patentrezepte gibt es hierzu nicht. Vielmehr gilt es, für jeden Ort individuelle Lösungen zu entwickeln.

Erfolgsfaktoren Bürgerbeteiligung , Baukultur und Funktionsvielfalt
Als Experten für den eigenen Ort lohnt es sich, die Bürger intensiv in die Planung und Entwicklung eines solchen langfristigen Projekts einzubeziehen. Wichtig jedoch: Die Bürgerbeteiligung muss anders ablaufen als bisher – sie muss kurzweilig, spannend und attraktiv sein, sonst läuft man Gefahr, dass sich niemand dafür interessiert und die Energie der Bürgerinnen und Bürger im Sand verläuft.

Bei der gemeinschaftlichen Ideenfindung kommt es neben Transparenz und einem prozesshaften kraftvollen Vorgehen auch auf Offenheit an, die in jeder Phase ein Eingreifen und Mitwirken ermöglicht. Sie fördert auf diesem Wege Vertrauen und Identifikation mit der künftigen räumlichen Lösung. Es geht nicht um den kleinsten, sondern um den schönsten gemeinsamen Nenner mit großem Zukunftspotenzial.

Ein weiterer Erfolgsfaktor für eine positive, zukunftstaugliche Entwicklung von Gemeinden und Städten ist die Baukultur. Sie muss als gesamtgesellschaftliche Aufgabe angesehen werden, die von unterschiedlichen Akteuren und ihren Bedürfnissen kultiviert und gepflegt wird.

Auch Funktionsvielfalt ist ein wesentlicher Faktor bei der Belebung von Ortskernen. Wie schon in der Geschichte, wo das Ortszentrum ein Treffpunkt für jeden und alles war, soll auch das zeitgemäße Ortszentrum möglichst vielen unterschiedlichen Ansprüchen gerecht werden. Auch einzelne Gebäude sollen unterschiedliche Bedürfnisse zugleich bedienen, um die Frequenz zu steigern. Ein Rathaus muss beispielsweise nicht nur ein Amtshaus sein, sondern kann zugleich auch als Jugendtreff, Versammlungsort, Poststelle und Tourismusbüro fungieren. Klare und zu strikte räumliche Funktionstrennungen behindern die Belebung von Gebäuden. Dagegen erhöhen Funktionszusammenlegungen die Attraktivität.

Der Architekt mit Moderationskompetenz
Wichtige Erfolgsfaktoren sind die strukturierte, kommunikative und partizipative Vorbereitung und Durchführung sowie die langfristige Begleitung der einzelnen Projektteile, die für die Reaktivierung von Ortszentren notwendig sind. Den Gesamtprozess sollte ein externer Moderator mit städteplanerischem und architektonischem Fachwissen und Moderationskompetenz steuern, der – frei von politischen Zwängen und persönlichen regionalen Netzwerken – neutral und lösungsorientiert agieren kann. Als Instrument zur gemeinsamen Ideensammlung hat sich eine vor Ort stattfindende Ideenwerkstatt bewährt, an der sich die Bürger beteiligen können. Sie sollte durch Exkursionen zu den jeweiligen Beispielprojekten und Begegnungen mit verschiedenen Protagonisten ergänzt werden. Sobald die Vision formuliert worden sind, ist eine räumliche Machbarkeitsstudie zu erstellen.

Auf Basis der Studie erfolgen die Finanzierung sowie Architekturwettbewerbe, um die attraktivsten räumlichen Lösungen zu finden. Diese sollen dann in der Realität umgesetzt werden. Offene Baustellen mit Baustellenfesten, Hintergrundinformationen und Führungen sorgen dafür, dass das Geschehen vor Ort transparent bleibt und die Einwohner frühzeitig eine Beziehung zu diesem Projekt entwickeln können. Schließlich gilt es auch, die Fertigstellung entsprechend zu zelebrieren.

In Haag hatte diese Vorgehensweise erheblichen Anteil daran, dass die nachhaltige Wiederbelebung des Stadtkerns gelang. Um dem Projekt breite Akzeptanz zu sichern, fand zunächst eine Ideenwerkstatt statt. An ihr beteiligten sich nicht nur die Bürger der Stadt, sondern ebenso Vertreter aus Politik, Verwaltung, Kultur, Handel und Wirtschaft. Das Resultat sah eine nachhaltige Attraktivierung des Zentrums mit besonderen Aktivitäten vor – so entstand auch die Idee, direkt am Hauptplatz Theater zu spielen.. Daraus entstand ein Architekturwettbewerb mit der „roten Open- Air-Tribüne“. Die überdimensionale, mobile Bühne bietet 600 Zuschauern Platz und wird jedes Jahr zum Saisonbeginn unter breiter Anteilnahme von Einwohnern und Besuchern der Stadt wieder neu aufgebaut.

Inzwischen kommen zum „Haager Theatersommer“ jedes Jahr etwa 15.000 Besucher. Der ehemals verödete Ortskern hat sich zum Zentrum für Kultur und urbanes Leben gemausert. Der Stadtplatz wurde neu gestaltet und taucht auch abends in eine besondere Lichtatmopsphäre, zugesperrte Gasthäuser wurden wieder aufgesperrt und es haben sich neue Restaurants, Einzelhändler, das Gemeindeamt und ein Wochenmarkt angesiedelt. Und vor allem sind in alten und neuen Gemäuern Wohnungen mitten im Zentrum entstanden, in denen Menschen wieder wohnen. Somit hat das Theater den Platz auch im übertragenen Sinne wieder zur Bühne gemacht, – nicht nur für Schauspieler, sondern auch für die Bewohner und Besucher der Stadt. Und es braucht langem Atem, denn für eine langfristig funktionierende Zentrumsbelebung sind rund zehn Jahre mitzudenken.

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